Eng verwoben mit Berlin und der legendären Krolloper ist die Aufführung von Janáčeks letzter Oper »Aus einem Totenhaus« nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski. Diese Oper über das hoffnungslose Elend und die Ausweglosigkeit in einem Straflager in Sibirien sollte für die Krolloper im Mai 1931 nach nur vierjährigem Bestehen die letzte Premiere sein. Ihre damalige innovative Programmgestaltung wirkt auch heute noch höchst modern und zeitgemäß. Politische Umstände führten damals zu einer verspäteten Aufführung des »Totenhauses«. Auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes musste sie wieder abgesetzt werden: Grund dafür war eine Demonstration gegen deutsche Tonfilme in Tschechien. Vom Kritiker Klaus Pringsheim wurde sie damals im »Vorwärts« als das wichtigste Opernwerk der Spielzeit bezeichnet. Die musikalische Leitung hatte Fritz Zweig inne. Die Inszenierung realisierte der Dramaturg der Krolloper, Hans Curjel. Caspar Neher gestaltete das eindrucksvolle Bühnenbild des »Totenhauses«. Die Übersetzung des original tschechischen Librettos ins Deutsche verfasste der Schriftsteller und enge Freund Franz Kafkas und Leoš Janáčeks, Max Brod. In seinem Nachwort des Librettos schreibt er über das künstlerische Vorgehen seines wenige Jahre zuvor verstorbenen Freundes: Er lies sich von einem Buch, einem Drama oder Roman auf die unmittelbarste Art dramatisch inspirieren, strich bei der Lektüre (so auch bei der Lektüre des »Totenhauses«) die Stellen an, die ihn hinrissen, übernahm manches zwar wörtlich, aber fragmentarisch, indem er ziemlich achtlose Zusammenhänge wegließ, hingegen Figuren und Situationen verband, die sich seinem Gefühl assoziiert hatten. Man kann sagen, das er gleichsam auch die weggelassenen Stellen, die für das Theaterpublikum unsichtbar bleiben, mitkomponiert hat …
Erst Anfang dreißig war damals der Musikkritiker und spätere Professor für Musikwissenschaft an der TU Berlin, Hans Heinz Stuckenschmidt, als er für den gehobenen Kulturteil der B.Z. am Mittag nach der Premiere des »Totenhauses« diese lesenswerte Kritik verfasste:
»Voriges Jahr um diese Zeit begannen mit der Sensation des Toscanini-Gastspiels die Festwochen, die uns noch bis tief in den Juni hinein mit Opernpremieren versorgten. Dieses Jahr ist alle Welt musikmüde; nicht einmal Gigli macht noch Kasse. Eine ungünstige Situation für diesen glanzvollen Abend bei Kroll, der einen Ehrenplatz in der Saison verdient hätte. Bei dreißig Grad im Schatten läßt der Appetit auf Meister werke nach. Noch dazu in einer Welt, der vor sich selbst so mies ist, daß sie zwar in den Ruf »Schön ist die Welt« begeistert einstimmt, sich aber von Zuchthaus, Sibirien und Sträflingselend höchst ungern berichten läßt. Aus einem Totenhaus, Dostojewskis Tagebuch der Erinnerungen an Jahre sibirischer Katorga, ist die Textbasis dieser seltsamen Janáček-Oper. Sechs, acht Szenen-Dialoge aus dem Buch sind wörtlich in Musik gesetzt und zu einem epischen Gebilde verkettet worden. Sträflinge unterhalten sich, bekommen Wutanfälle, schließen Freundschaften, spielen Theater auf einer improvisierten Bühne. (Die deutsche Fassung stammt von Max Brod, Janáčeks Entdecker.) Im Zentrum jedes der drei Akte eine Erzählung: Lukas Wunschtraum von der Ermordung des verhaßten Platzmajors; Skuratoffs Bericht über seine Straftat; Schischkoffs Erinnerung an die Frau. Und inmitten dieses unglücklichen Volkes die sanfte Gestalt des Alexander Petrowitsch, das Selbstporträt Dostojewskis; sein Eintritt in die Verbrecherkolonie, seine Freundschaft mit dem jungen Tartaren Alej, seine Begnadigung und Entlassung. Keine Frau, außer einem Sträflingshürchen. Nichts für die Augen. Und dennoch, und grade deshalb: ein großes Kunstwerk. Leoš Janáček zeigt sich in der Vertonung dieser harten, locker gefügten dramatischen Vorgänge wieder als der große Musiker, der die Jenufa schreiben konnte. Das landschaftliche, unarchitektonische Wesen seiner Komposition gibt den Worten Dostojewskis ein starkes, fast magisches Relief. Die Technik der Motiv-Wiederholung, der kurzen, volksliedhaften Melodiebrocken entzieht sich der landläufigen Analyse. Es ist ein völlig neuer Stil, der Oper so fern wie dem Musikdrama, Janáčeks ureigene Erfindung. Eine Naturgewalt geht von dieser Musik aus, von der kontrastreichen, Bläserfarben favorisierenden Instrumentation, von der halb deklamierenden, halb psalmodisierenden Behandlung der Stimmen. Ein geniales Werk, das künftige Generationen neben die größten seiner Art, neben Don Giovanni, Fidelio, Wozzeck, Norma stellen werden. Mit dieser Aufführung hat die Krolloper ein neues starkes Zeichen ihres Geistes gegeben, dieses Geistes, der sie an die Spitze aller heutigen Operntheater stellt. Soweit es einem nichtslawischen Ensemble möglich ist, die Atmosphäre des Werkes zu realisieren, hat man es getan. Es ist in erster Linie das Verdienst Fritz Zweigs, Janáčeks engeren Landsmanns, der in der Gestaltung dieser Partitur sein umfassendes Können, seinen künstlerischen Elan aufrollte. Curjels Regie ist eine vergeistigte Arbeit voller Sinn für die Vision Dostojewskis, die er aus dem Dunkel aufsteigen und zum Schluß ins Unbekannte zurücksinken läßt. Das Publikum, erschüttert von der elementaren Gewalt des Dramas, dankte mit Beifallsstürmen. Unsere Opernbühne ist um ein Meisterwerk reicher.«
(Hans Heinz Stuckenschmidt in der B. Z. am Mittag vom 30. Mai 1931)