Guy CassiersRegie

Der 1960 geborene Guy Cassiers studierte zunächst Graphische Kunst an der Akademie der Schönen Künste in seiner Heimatstadt Antwerpen. Diese Ausbildung in Bildender Kunst hat sich als grundlegend für seine Entwicklung als Theatermacher erwiesen. Cassiers’ ...

Der 1960 geborene Guy Cassiers studierte zunächst Graphische Kunst an der Akademie der Schönen Künste in seiner Heimatstadt Antwerpen. Diese Ausbildung in Bildender Kunst hat sich als grundlegend für seine Entwicklung als Theatermacher erwiesen. Cassiers’ Blick auf das Theater ist der eines Außenstehenden. Aus dieser »Außenseiterposition« heraus entsteht der ihm eigene künstlerische Ausdruck, der sich in Bezug auf die Inhalte seiner Arbeit in einer Vorliebe für einsame, isolierte und häufig asoziale Figuren zeigt und in Bezug auf die Form epische Texte drama­tischen Texten vorzieht. Guy Cassiers versteht es, die Faszination für Technik mit der Leidenschaft für Literatur zu verbinden.

In den 1980er Jahren brachte Guy Cassiers seine ersten Theaterproduktionen in Antwerpen zur Aufführung, darunter Peter Handkes »Kaspar« sowie »Daedalus«, ein Projekt mit Behinderten. In Gent wurde er 1987 Künstlerischer Leiter des Jugendtheaters Oud Huis Stekelbees (OHS). Nach fünf Jahren am OHS arbeitete Guy Cassiers als freier Regisseur, u. a. am Kaaitheater in Brüssel, am tg STAN in Antwerpen und am Toneelschuur im niederländischen Haarlem.

Mit »Angels in America« von Tony Kushner, seiner ersten Produktion am Ro Theater in Rotterdam, gewann er 1996 den Gouden Gids-Publikumspreis und den Proscenium-Preis der Niederländischen Gesellschaft für Theater- und Konzerthäuser. Ein Jahr später wurde ihm der flämische Kritikerpreis Thersites verliehen.

1997 inszenierte Guy Cassiers am Ro Theater »Onder het Melkwoud« (»Unter dem Milchwald«) von Dylan Thomas, woraufhin er zum Künstle­rischen Leiter des Theaters ernannt wurde. In den Jahren von 1998 bis 2006 entwickelte Cassiers eine multimediale performative Ausdrucksform für die große Bühne. Mit jeder Produktion – von »De Wespenfabriek« (»Die Wespenfabrik«) nach einer Novelle von Iain Banks über »Lava Lounge« von Oscar van den Boogaard bis zur Oper »The Woman who Walked into Doors« von Kris Defoort – trieb er die von ihm beabsichtigte multimediale Integration im Theater voran.

Guy Cassiers interessierte sich zunehmend für die Möglichkeit, Video­projektionen und Musik auf der Bühne einzusetzen. Er war einer der Wenigen, der eine neue mediale Bühnensprache finden wollte, ohne vor dem Thema Technik zurückzuschrecken. Höhepunkt dieser Suche war zweifellos der vierteilige Proust-Zyklus zwischen 2002 und 2004, der ihm den Amsterdam Prize for the Arts und den Werkpreis spielzeit’europa der Berliner Festspiele einbrachte.

Begeistert arbeitet Guy Cassiers daran, bekannte Romane für die Bühne zu adaptieren, wie u. a. 1996 Marguerite Duras’ »Hiroshima Mon Amour«, 1999 Tolstois »Anna Karenina« und 2004 »Bezonken rood« (»Versunkenes Rot«) von Jeroen Brouwers. Seine Abschiedsproduktion am Ro Theater im Frühjahr 2006 war eine Adaption von J. Bernlefs Roman »Hersenschimmen« (»Hirngespinste«). Am Toneelhuis realisierte er »Onegin« nach Puschkins Versepos »Eugen Onegin«: Durch den raffinierten Einsatz visueller Techniken geht die romantische Geschichte über das rein Anekdotische hinaus und wird zu einem dramatischen Spiel mit der Wahrnehmung und Vorstellungskraft der Zuschauer.

Seine erste Produktion als Künstlerischer Leiter des Toneelhuis in der Spielzeit 2006/07 war »Mefisto for ever«, eine Bearbeitung von Klaus Manns Roman »Mephisto« von Tom Lanoye und erster Teil von Cassiers’ »Triptiek van de macht« (»Triptychon der Macht«), das die komplexen Beziehungen zwischen Kunst, Politik und Macht beleuchtet. »Mefisto for ever«, das ein sofortiger Erfolg bei Kritik und Publikum war, erzählt von der diabolischen Verführung durch die Macht, Teil 2 »Wolfskers« (»Tollkirsche«) von der Vergiftung durch Macht und Teil 3 »Atropa. De wraak van de vrede« (»Atropa. Rache des Friedens«) behandelt im Rahmen der griechischen Tragödien die Qualen der Macht. »Wolfskers« eröffnet den Blick auf einen sowohl durchschnittlichen als auch entscheidenden Tag im Leben von Lenin, Hitler und Hirohito, wobei sich Guy Cassiers von den Filmen des russischen Regisseurs Alexander Sokurov inspirieren ließ. In »Atropa. De wraak van de vrede« verleiht er den Kriegs- und Gewaltopfern eine Stimme: Vor dem Hintergrund des historischen Troja- und des damals aktuellen Irakkrieges stellen fünf Frauen den Herrscher Agamemnon zur Rede, indem sie ihn mit der Realität seiner ideologisch motivierten Wahl konfrontieren. Das »Triptiek van de macht« war überaus erfolgreich und ging auf Tournee.

Zusammen mit Benjamin Verdonck, Sidi Larbi Cherkaoui, Lotte van den Berg, »Olympique Dramatique«, Wayn Traub, »De Filmfabriek« und Künstlern des Toneelhuis rief Guy Cassiers ein kollektives Projekt im Bourla Theater in Antwerpen ins Leben: eine ironische Reise durch die Vergangenheit, basierend auf Julian Barnes’ »Eine Geschichte der Welt in 10½ Kapiteln«, die die Grenzen von Realität und Phantasie verschiebt und versinnbildlicht, wie nah Kunst und Katastrophe einander oft sind. Mit »Olympique Dramatique« inszenierte er außerdem »De geruchten« (»Die Gerüchte«) nach Hugo Claus.

In der Spielzeit 2008/09 brachte er zwei Opern zur Aufführung: »Adam in Ballingschap« (»Adam im Exil«) von Rob Zuidam und »House of the Sleeping Beauties« von Kris Defoort nach dem Roman von Yasunari Kawabata. Außerdem inszenierte er in der Spielzeit 2009/10 »Onder de vulkaan« nach Malcom Lowrys Roman »Under the Volcano« und das mehrsprachige Projekt »SWCHWRM« nach der Vorlage von Toon Tellegen.

In derselben Saison begann Guy Cassiers an zwei Projekten zu arbeiten, die sich über mehrere Spielzeiten erstrecken: eine dreiteilige Inszenierung von Robert Musils Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« (diesen Zyklus beendete er im Mai 2012) sowie Wagners »Der Ring des Nibelungen« in Mailand und Berlin. Mit diesen Projekten kehrte er zu den gesellschaft­lichen Themen zurück, die »Das Triptychon der Macht« kennzeichneten. In diesen Geschichten von Aufstieg und Fall – Musils Roman und Wagners Opern sind beide »Götterdämmerungen« – spiegelt sich für Guy Cassiers die politische Krise unserer Zeit. »SWCHWRM« dagegen, ein multikulturelles Stück in verschiedenen Sprachen (Niederländisch, Marokkanisch, Türkisch und Vietnamesisch) über einen Jungen, der sich entscheidet, Schriftsteller zu werden und dabei entdeckt, wie schwer dies ist, zeigt die Fähigkeit Guy Cassiers’, auch leichtere Töne anzuschlagen.

Die 2011 aufgeführten Produktionen »Bloed en rozen. Het lied van Gilles & Jeanne« nach einem Text Tom Lanoyes und »Duister Hart« nach Joseph Conrads Roman »Heart of Darkness« reflektieren das wachsende Interesse des Regisseurs an der politischen Geschichte Europas. »Bloed en Rozen« konzentriert sich auf zwei historische Figuren – Jeanne d’Arc und Gilles de Rais – und auf deren Konflikt mit der Kirche, darüber hinaus beinhaltet das Werk Anklänge an unsere moderne Zeit, indem es die universale Geschichte der politischen Macht und Manipulation erzählt. Beim Festival d’Avignon 2011 erzielte »Bloed en Rozen« einen großen Erfolg; die Kombination aus Live-Musik (Collegium Vocale), Video und Schauspiel fand den Beifall der Kritik und des Publikums. In »Duister Hart« dagegen, mit Josse de Pauw als Erzähler, wird ein Abstieg in die Tiefe der menschlichen Seele und ein Nachdenken über die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft initiiert.

Guy Cassiers, der für seine innovative Arbeit nationale und internationale Anerkennung und zahlreiche Preise erhalten hat, inszeniert in der Spielzeit 2012/13 u. a. »Orlando« (nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf) und komplettiert den »Ring des Nibelungen« am Teatro alla Scala und an der Staatsoper im Schiller Theater.

Foto: (c) Alex Salinas