Federico TiezziRegie

Der Regisseur, Dramatiker und Schauspieler Federico Tiezzi setzte sich in den 1970er mit ersten Arbeiten am Theater durch, bei denen eine konzeptionelle Untersuchung der Sprache im Mittelpunkt stand; so realisierte er die Stücke »Presagi del vampiro« ...

Der Regisseur, Dramatiker und Schauspieler Federico Tiezzi setzte sich in den 1970er mit ersten Arbeiten am Theater durch, bei denen eine konzeptionelle Untersuchung der Sprache im Mittelpunkt stand; so realisierte er die Stücke »Presagi del vampiro« (1977), »Vedute di Porto Said« (1978), »Punto di rottura« (1979) – Arbeiten, die Manifestcharakter besitzen und den Einfluss der Bildenden Künste deutlich werden lassen. Mit der gemeinsam mit Sandro Lombardi und Marion D’Amburgo gegründeten Gruppe waren seine Arbeiten aus dieser Zeit bei den wichtigsten Theaterfestivals in Europa zu Gast.

In der Folge konzentrierte sich Tiezzis Schaffen auf Stücke, die einen ausgesprochen offenen Blick auf die Gegenwart haben: 1979 »Ebdòmero« nach dem Roman von Giorgio De Chirico, 1980 »Crollo nervoso« – ein Stück, in dem erstmals die Untersuchungen über den Theaterraum von Edward Gordon Craig zum Ausdruck kommen. »Sulla strada« (»Unterwegs«) frei nach dem Roman von Jack Kerouac, wurde erstmals während der Biennale des Theaters in Venedig 1982 gezeigt. 1980 inszenierte er im Münchner Olympiastadion »Ins Null« mit Hanna Schygulla. Rainer Werner Fassbinder dokumentierte »Ebdòmero« und »Crollo Nervoso« in seinem Film »Theater in Trance« (1981).

Mitte der 1980er Jahre begann Federico Tiezzi in Theorie und Praxis eine Form von »Poesietheater« zu entwickeln, das freie Dramatik mit Texten in Versform verbindet. In dieser Phase entstand die dramatische Ausarbeitung einer Trilogie von Texten, die 1984-1985 auf die Bühne kamen: »Genet a Tangeri «, »Ritratto dell’attore da giovane« und »Vita immaginaria di Paolo Uccello«. Alle drei Produktionen wurden 1985 auch bei der Biennale des Theaters in Venedig gezeigt.

1987 brachte Federico Tiezzi in der dramatischen Ausarbeitung von Franco Quadri erstmals den Roman »Wie es ist« von Samuel Beckett auf die Bühne. Im selben Jahr zeigte er an der Oper Kassel zur Eröffnung der Documenta 8 »Artaud – una tragedia«, dem ein Dyptichon aus Werken von Heiner Müller folgte: »Hamletmaschine« und »Medeamaterial«, beide 1988 realisiert. Ab 1989 inszenierte er in Prato am Teatro Metastasio drei Stücke, die zum ersten Mal Dantes »Göttliche Komödie« für das Theater adaptieren. Die dramatische Ausarbeitung dafür vertraute er drei Dichtern an: Edoardo Sanguineti (»Commedia dell’Inferno«, 1989), Mario Luzi (»Il Purgatorio«, 1990) und Giovanni Giudici (»Il Paradiso«, 1991).

1990 wurde »Hamletmaschine« auch am Taganka-Theater in Moskau und beim Tokyo Theatre Festival gezeigt. Die Arbeiten der Folgezeit bezogen sich vor allem auf eine moderne Wiederaneignung der Klassiker. 1991 inszenierte Federico Tiezzi für das Teatro di Roma »Adelchi« von Alessandro Manzoni, 1992 realisierte er »Endspiel« von Samuel Beckett.

Von Anfang an war er fasziniert vom Musiktheater. Bereits 1976 arbeitete er mit Azio Corghi bei ”Tactus” für den Autunno Musicale in Como zusammen und darüberhinaus mit Musikern wie Brian Eno, Jon Hassell und Giancarlo Cardini. 1992 komponierte Giacomo Manzoni die Originalmusik für eine Neuinszenierung von »Inferno«, und zwei Jahre später komponierte Salvatore Sciarrino die Musik für eine Neuinszenierung von »Paradiso« für das Ravenna Festival.

Sein Debüt als Opernregisseur gab Tiezzi 1991 mit einer hochgelobten »Norma« am Teatro Petruzzelli in Bari, darauf folgten »La traviata« am Teatro Pergolesi in Jesi (1992) und »Il barbiere di Siviglia« am Teatro Comunale in Messina und am Teatro La Fenice in Venedig. In dieser Zeit arbeitete er eng mit italienischen Malern und Architekten zusammen wie Mario Schifano, Alighiero Boetti und Alessandro Mendini.

1994 inszenierte er das Prosastück »Edipus« von Giovanni Testori und näherte sich mit einer Inszenierung von »Porcile« dem Theater Pasolinis. Im März 1995 brachte er Bizets »Carmen« am Teatro Comunale Bologna auf die Bühne und im Juni »Felicità turbate«, ein Stück über den Renaissancemaler Pontormo, Text von Mario Luzi, Musik von Giacomo Manzoni, für den 58. Maggio Musicale Fiorentino. 1997 eröffnete die Spielzeit des Teatro dell’Opera in Rom mit Tiezzis Inszenierung von »Les vêpres siciliennes« von Giuseppe Verdi. Er realisierte im selben Jahr »Im Dickicht der Städte« von Bertolt Brecht in eigener Übersetzung. 1997 inszenierte er »Madama Butterfly « von Giacomo Puccini für das Teatro Vittorio Emanuele Messina und das Schauspiel »L’assoluto naturale« von Goffredo Parise.

Mit der Inszenierung von »Scene di Amleto« für das Teatro Fabbricone in Prato begann 1998 eine neue Schaffensphase um die Figur Hamlets, die mit der Inszenierung von Shakespeares »Hamlet« im Dezember 2002 einen Höhepunkt erreichte. Mit dem Stück »Due lai« setzte sich außerdem die Inszenierungsarbeit des Werkes von Giovanni Testori fort, und 2001 brachte Federico Tiezzi auch dessen »L’ambleto« auf die Bühne. Die Stücke, die zur Wiederentdeckung dieses Autors führten, entstanden alle in Zusammenarbeit mit Sandro Lombardi. Tiezzis Inszenierung von »Onkel Wanja« von Anton Tschechow wurde erstmals im Oktober 1999 während der Biennale des Theaters in Venedig gezeigt.

Im Jahre 2000 führte er Regie bei »Dido und Aeneas« von Henry Purcell auf dem Monteverdi-Festival in Cremona und beim Maggio Musicale Fiorentino sowie bei Bellinis »La sonnambula« für das Teatro Comunale Florenz. Im gleichen Jahr inszenierte er einen Text von Thomas Bernhard: »Der Schein trügt«. 2004 inszenierte er »Antigone« nach Sophokles von Bertolt Brecht, eine Produktion, die an das Berliner Ensemble eingeladen wurde. Außerdem inszenierte er »Viaggio terrestre e celeste di Simone Martini« von Mario Luzi zum 90. Geburtstag des Dichters. 2003 realisierte er »La clemenza di Tito« von Mozart für den Maggio Musicale Fiorentino. Zur Eröffnung der Spielzeit 2004 inszenierte er für das Teatro Verdi in Triest »I cavalieri di Ekebù« von Riccardo Zandonai.

Sowohl bei klassischen wie bei modernen Texten wie auch bei der Lyrik zielen Tiezzis Arbeiten immer auf Formabstraktion mit ständigem Bezug auf Bildende Kunst und Musik, auf der Suche nach einem »emotionalen Raum«, der es möglich macht, die Figuren, die Situationen und die Musik in der gesamten Fülle ihrer Bedeutungen stärker zu isolieren und zu vertiefen – sie zielen auf eine Schauspielkunst, die Tradition und Gegenwart vereint. Im März 2005 führte er am Teatro San Carlo in Neapel im Bühnenbild von Giulio Paolini mit »Die Walküre« erstmals Regie bei einem Bühnenwerk von Richard Wagner. Im Juni 2005 inszenierte er für das Teatro San Carlo in Neapel »Il trovatore«. Diese Produktion wurde dann auch in Tokyo und Osaka gezeigt. Im November desselben Jahres hatten »Die Vögel« von Aristophanes Premiere.

Im Januar 2006 inszenierte er in Triest »Don Quichotte« von Jules Massenet und im September in Livorno »Iris« von Pietro Mascagni. Im April 2007 inszenierte er »Andrea Chénier« von Umberto Giordano am Teatro Massimo Bellini in Catania; im selben Jahr realisierte er »I giganti della montagna« von Luigi Pirandello und eröffnete die Spielzeit des Teatro San Carlo in Neapel mit »Parsifal« von Richard Wagner. Im April 2008 inszenierte er am Teatro Comunale von Bologna »Norma« von Vincenzo Bellini. Im Herbst 2008 hatte »Passaggio in India« von Santha Rama Rau nach dem gleichnamigen Roman von E. M. Forster Premiere.

Für zahlreiche seiner Regiearbeiten und Theaterstücke erhielt Federico Tiezzi den »Premio Ubu«. Seit 2007 ist er Künstlerischer Direktor der Fondazione Teatro Metastasio in Prato – Stabile della Toscana. Federico Tiezzi betrachtet sich selbst als Schüler von Edward Gordon Craig.