Schiller Theater

  • Geschichte des Schiller Theaters

    VORTRAG VON FRANCIS HÜSERS


    Man hat mich gebeten, etwas über die Geschichte des Schiller Theaters zu sagen. Ich tue das gerne, nicht nur damit uns bewusst wird, dass hier am Ort tatsächlich Theatergeschichte geschrieben wurde, sondern auch, um direkte und indirekte Bezüge zwischen dem Schiller Theater und der Staatsoper zu benennen, die es in dieser Geschichte durchaus gegeben hat.

    Ein Beispiel für einen direkten Bezug bietet etwa Ernst Legal, der als Regisseur noch 1944 auf der Behelfsbühne des zerbombten Schiller Theaters Kleists DER ZERBROCHNE KRUG inszeniert hat, nach dem Krieg dann aber als erster Intendant der »Deutschen Staatsoper Berlin« – so ja der offizielle Name unseres Hauses zu DDR-Zeiten – gemeinsam mit seinen anderen Ost-Berliner Intendantenkollegen von der Eröffnung des Schiller Theaters am 5. und 6. September 1951 demonstrativ vom (West-Berliner) Kultursenator Tiburtius ausgeschlossen wurde. Neben solch personellen Bezügen gibt es aber auch institutionelle und in gewisser Weise auch programmatische Zusammenhänge in der Geschichte von Staatsoper und Schiller Theater.

    Wir haben ja die wichtigsten Daten der Geschichte des Schiller Theaters in Schautafeln zu einer Art Ausstellung zusammengefasst, die nun schon eine ganze Zeit im Tunnel bei uns in der Staatsoper zu sehen war und auch weiterhin zu sehen sein wird. Ich möchte Ihnen deshalb hier gar nicht so viele Einzeldaten vortragen, sondern eher versuchen, die bekannten Daten in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

    Der Zeitraum der zu betrachtenden Geschichte beträgt dabei ziemlich genau 100 Jahre – egal ob man nun als Anfangspunkt die Gründung der »Schiller Theater AG« im Jahre 1894 und das vorläufiges Ende in der offiziellen Schließung des städtischen Schiller Theaters im Jahre 1993 sieht; oder aber die Eröffnung des 1906 fertig gestellten ersten Theatergebäudes im Januar 1907 als Anfang sieht und von diesem Datum aus bis heute bzw. bis zur geplanten Übernahme des Hauses durch die Staatsoper im Oktober 2010 weiterdenkt.
    Diese insgesamt gut 100-jährige Geschichte des Schiller Theaters würde ich nun aus überschlägiger Gesamtperspektive in drei große Phasen einteilen.

    Erstens, die Phase von der Jahrhundertwende mit der Gründung als Privattheater im Kaiserreich über den 1. Weltkrieg hinausreichend bis hinein in die Weimarer Republik, wo in der Wirtschaftskrise von 1923 das Schiller Theater als Privattheater pleite macht und verstaatlicht wird.
    Zweitens, die Periode von den 20er Jahren der Republik bis zum Ende von Krieg und Nationalsozialismus. Von 1923 bis 1932 fungierte das Schiller Theater dabei als zweites Haus der Preußischen Staatstheater in Berlin und gehörte somit unmittelbar der gleichen Institution an wie die Staatsoper – unter den Intendanten: Leopold Jeßner, Ernst Legal und Heinz Tietjen. Im Nationalsozialismus bis zur Zerstörung des Theaters im Krieg und der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 war dann das Schiller Theater offiziell der Stadt Berlin zugeordnet.
    Drittens, schließlich die vor allem durch die deutsche Staatenteilung geprägte Phase von der Eröffnung des neu erbauten Schiller Theaters im September 1951 als Teil der neu gegründeten »Staatlichen Schauspielbühnen in Berlin (West)« unter dem Intendanten Boleslaw Barlog, der das Haus von 1951 bis 1972 leitete, über die Wiedervereinigung 1990 hinaus bis zur offiziellen Schließung des Schiller Theaters 1993.

    Und diese letzte lange Phase der Geschichte des Hauses als führende Sprechtheaterbühne West-Berlins, also von den 50er bis in die 80er Jahre hinein, erscheint heute natürlich als die theatergeschichtlich wirklich »große Zeit« des Schiller Theaters, beispielsweise schon wegen der berühmt gewordenen Beckett-Inszenierungen hier, von denen heute noch in anderen Zusammenhängen die Rede sein wird.

    Es lohnt sich jedoch meines Erachtens trotzdem, wenigstens kurz auf die beiden geschichtlichen Phasen davor einzugehen.

    In der prosperierenden Atmosphäre der so genannten »Gründerjahre« im von Preußen dominierten Deutschen Kaiserreich um die Jahrhundertwende, gründet 1894 Professor Raphael Löwenfeld eine Aktien-Gesellschaft namens »Schiller-Theater AG«, die privatwirtschaftlich erfolgreich Theater-Vorstellungen – zunächst an verschiedenen Orten in Berlin – organisiert, bis sie sich dafür hier in Charlottenburg mit Unterstützung des Oberbürgermeisters ein eigenes Theater bauen kann, das eben 1907 eröffnet wird.
    Sieht man sich die erhaltenen Fotos aus dieser Zeit an, erkennt man schon am Gebäudestil – und für mich persönlich besonders deutlich: an der Gartenrestauration (Biergarten) auf der Ecke der Anlage an der Bismarckstraße – die für die Gründerzeit vielleicht typischen Symbole einer gutbürgerlichen, ökonomisch florierenden Gesellschaft, die kulturell auf Ausgleich und Gediegenheit, nicht aber auf Umsturz setzt. Das Schiller Theater dieser Zeit war sicher nicht avantgardistisch. Man bemühte sich um eine Mischung aus anspruchsvoller und leichterer Literatur, wobei Löwenfeld selbst die Gegensätzlichkeit der anspruchsvollen Dramatik programmatisch betont: »Heute Schiller und Calderón, morgen Hebbel und Ibsen, heute Sophokles, morgen Shakespeare«, führt er aus. Das Programm soll in dem als »volkstümlichem Theater« konzipierten Haus der »geistigen Erhebung« und »seelischen Erbauung« dienen. Allerdings bilden insgesamt die eher leichteren zeitgenössischen Stücke bei den Spielplänen durchaus die Mehrheit.

    So wurde hier also im Grunde das, was wir heute »Boulevard-Theater« nennen könnten, bewusst neben die Stücke vom Namenspatron Schiller gesetzt oder eben auch neben Ibsen, der nach den Skandalen und Kämpfen in den 1890er Jahren allerdings um 1907 selbstverständlich auch beim bürgerlichen Publikum durchgesetzt war.


    Die Wirtschaftskrise von 1923 könnte man von heute aus betrachtet auch als Glücksfall für das Schiller Theater ansehen, weil durch die erzwungene Umwandlung eines Privattheaters in ein Staatstheater auch eine programmatische Neu-Akzentuierung für die zweite große geschichtliche Phase des Theaters möglich war. Denn als Haus der Preußischen Staatstheater konnten am Schiller Theater nun die großen Regisseure der Weimarer Republik arbeiten.

    Dabei ist zum Beispiel auf Leopold Jeßner hinzuweisen, Intendant der Staatstheater und Regisseur von theatergeschichtlich großer Bedeutung, da er neben Max Reinhardt bzw. als dessen Antipode sicher als einer derjenigen anzusehen ist, von denen Impulse für das Theater ausgingen, die als frühe Begründungen dessen gelten können, was wir heute »Regietheater« nennen. Jeßner eröffnete das Schiller Theater 1923 nach der Übernahme in den Staatsbühnenverbund mit Lessings NATHAN DER WEISE.

    Als weiteres Beispiel für die deutlich modern geprägte Dramaturgie des Schiller Theaters der 20er Jahre wäre auch auf die von Jürgen Fehling 1926 inszenierte deutsche Erstaufführung von DREI SCHWESTERN von Anton Tschechow zu verweisen, ein Stück also, das heute fraglos zum Kanon der zentralen Werke der klassischen Moderne überhaupt zählt.

    Mit der Machtübernahme der Nazis gerät das Schiller Theater in das Spiel der Konkurrenz zwischen Hermann Göring, als Preußischer Ministerpräsident Chef der Preußischen Staatsbühnen einschließlich der Staatsoper, auf der einen und Joseph Goebbels auf der anderen Seite, der als Reichspropagandaminister großes Interesse an der Kultur hat und sich durch die Überführung des Schiller Theaters in den Besitz der Stadt Berlin aufgrund seiner Funktion als »Gauleiter von Berlin« Einfluss zu verschaffen weiß.

    Goebbels ernennt Heinrich George zum Intendanten des Schiller Theaters, der als Schauspielerpersönlichkeit vor allem als Goethes Götz von Berlichingen fester Bestandteil der Theatergeschichte geworden ist. Und auch hierin wäre ggf. ja eine Parallelität zum Umgang Görings mit Gustav Gründgens und dessen Darstellung von Mephisto zu sehen.

    In der Zeit des Nationalsozialismus wird zudem das Schiller Theater gründlich saniert und umgebaut und zeigt sodann einen durchaus »nationalsozialistisch« anmutenden Architekturstil. Die Wiedereröffnung des modernisierten Theaters erfolgt am 15. November 1938, wenige Tage nach den antijüdischen Pogromen vom 9. November (»Reichskristallnacht«) – so stehen demonstrative Kulturbehauptung und die brutale Vorbereitung des Völkermords an den Juden im Nationalsozialismus beieinander.

    Im Krieg wird das Schillertheater 1943 ausgebombt. Wie bereits erwähnt, finden danach auf der Behelfsbühne allerdings noch Vorstellungen statt, bis im September 1944 alle Theater geschlossen werden.
    In den unmittelbaren Nachkriegsjahren bleibt das Schiller Theater eine Ruine, bis es 1951 als Theater der Stadt Berlin (West) vollkommen neu aufgebaut wieder eröffnet werden kann.

    Das neuen Schiller Theater der 50er Jahre weist sich, beispielsweise schon erkennbar an den damals als »surrealistisch« bezeichneten Glasfenstern hier im oberen Foyer – wie ja sein Vorgängerbau auch – deutlich als Kind seiner Zeit aus, also der 50er Jahre unmittelbar nach dem Krieg.
    Die schon erwähnte Eröffnung des neuen Schiller Theaters im September 1951 war programmatisch und politisch ein Signal: Boleslaw Barlog inszenierte Schillers Wilhelm Tell in einem Bühnenbild von Caspar Neher, der viel mit Projektionen arbeitete.

    Am Tag vorher hatte Wilhelm Furtwängler die Berliner Philharmoniker dirigiert, sie spielten natürlich Beethovens Neunte Sinfonie, der Bundespräsident Theodor Heuss war anwesend: Die schon angedeutete »große Zeit« des Schiller Theaters hatte begonnen.

    Die gesamte Periode von den frühen 50er bis in die späten 80er Jahre hinein ist wohl am besten jeweils anhand der Intendanzen und der unten ihnen arbeitenden Künstler schlaglichtartig zu charakterisieren.
    Boleslaw Barlog, der bereits das Schlossparktheater leitete und das Schiller Theater dann zusätzlich übernahm, war von 1951 bis 1972 Intendant dieser als »Staatliche Schauspielbühnen in Berlin (West)« verbundenen Bühnen, die er mit einem überaus großen Ensemble aus fest engagierten, hervorragenden Schauspielern bespielen ließ. In der Spielzeit 1959/60 wurde als dritte Spielstätte im Gebäudeteil der ehemalige Tischlerei, dort, wo beim Vorkriegsbau die Gastronomie untergebracht war, die »Schiller Theater Werkstatt« eröffnet. Diese Studiobühne erlangte nicht nur mit den späteren Inszenierungen von Samuel Beckett Berühmtheit, sondern viele weitere große Namen lassen sich mit der Werkstatt verbinden, so z.B. ab 1973 auch Heiner Müller (unter der Intendanz von Hans Lietzau).

    Dabei ist übrigens für unsere Perspektive vielleicht nicht unerheblich, dass mit Beckett und auch Müller Autoren benannt sind, die in der DDR dieser Periode noch lange nicht aufgeführt werden durften.
    Am 29. April 1964 hatte dann Peter Weiss am Schiller Theater seinen Durchbruch mit dem legendären Stück mit dem langen Titel: DIE VERFOLGUNG UND ERMORDUNG JEAN PAUL MARATS, DARGESTELLT DURCH DIE SCHAUSPIELTRUPPE DES HOPIZES ZU CHARENTON UNTER ANLEITUNG DES HERRN DE SADE, bei der übrigens bereits Stefan Wigger mitwirkte, der ja heute hier unser Gast ist und mit Jürgen Flimm im Anschluss noch ausführlicher von seiner Zeit am Schiller Theater berichten wird.

    Stefan Wigger erlangte zusammen mit Horst Bollmann bereits als Komikerpaar Berühmtheit (z. B. in Feydeau-Stücken, von Barlog selbst inszeniert), bleibt aber natürlich unvergessen durch die beiden Produktionen von Becketts WARTEN AUF GODOT (die erste 1964/65, offiziell in der Regie von Derek Mendel und assistiert von Beckett, die zweite dann 1975 mit Beckett als offiziellem Regisseur).

    Des weiteren ist exemplarisch auf die Arbeiten des Regisseurs Konrad Swinarski hinzuweisen, der unter Barlog zum Beispiel Majakowskijs WANZE inszenierte oder auf Fritz Kortners Regiearbeiten, wie etwa Molieres DER EINGEBILDETE KRANKE.
    Als Nachfolger von Barlog hatte Hans Lietzau von 1972 bis 1980 die Intendanz des Schiller Theaters inne, und auch hier treffen wir auf viele Namen von theatergeschichtlicher Bedeutung, die in einem Bezug zur Staatsoper stehen. Als Regisseure sind so z.B. zu nennen: Dieter Dorn, der Thomas Bernhards JAGDGESELLSCHAFT inszenierte und damit Bernhard als Dramatiker durchsetzte, Günther Krämer mit Canettis HOCHZEIT oder Hans Lietzau selbst, der im Bühnenbild von Achim Freyer – an der Staatsoper seit langem ja auch kein unbekannter - KING LEAR von Edward Bond inszenierte, einem heute leider in Vergessenheit geratenen englischen Dramatiker, der in den 70er Jahren Furore machte.
    Und wie schon erwähnt als eine der Sternstunden eben WARTEN AUF GODOT, von Beckett selbst im Großen Haus inszeniert, mit der Premiere am 8. März 1975 und eben wieder mit Bollmann und Wigger in den nun im Vergleich zu 1965 allerdings vertauschten Rollen.

    Auch unter dem Intendanten Boy Gobert von 1980 bis 1985 sind große Namen mit spektakulären Produktionen verbunden, so etwa die von Peter Zadek inszenierte Fallada-Revue JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN. Und natürlich haben wir es auch in dieser Zeit mit Namen zu tun, die heute auch aus der Geschichte des Musiktheaters nicht mehr wegzudenken sind, etwa Hans Neuenfels, der im Bühnenbild von Anna Viebrock Kleists PENTHELISEA inszenierte und auch Jean Genets BALKON.

    Auf Gobert folgte Heribert Sasse, der nach seiner Intendanz am benachbarten Residenztheater von 1985 bis 1989 das Schiller Theater leitete, offensichtlich aber zunehmend in Schwierigkeiten mit dem Ensemble und den Produktionsbedingungen geriet. Das »große« Schiller Theater schien auch künstlerisch in eine Krise zu geraten. Aus der sollte 1989 der Einsatz einer Leitungsgremiums (die »Viererbande«) führen, bestehend aus den Regisseuren Alfred Kirchner und Alexander Lang, der Dramaturgin Vera Sturm sowie Volkmar Clauß als Geschäftsführer, die also nun von 1989 bis 1993 die Leitung des Schiller Theaters inne hatten. Und auch in dieser Zeit kommt es noch zu spektakulären Theaterereignissen, z.B. 1990 als Alexander Lang Schillers RÄUBER als »furios trommelnden Männergesangsverein« inszeniert oder Leander Haußmann 1992 Goethes CLAVIGO auf die Bühne bringt. Im gleichen Jahr inszenierte Benno Besson den wohl letzten großen Erfolg des Schiller Theaters überhaupt, nämlich HASE, HASE von Coline Serreau mit Katharina Thalbach in der markanten Hauptrolle. Und noch 1993 inszeniert Hans Neuenfels Shakespears SOMMERNACHTSTRAUM in einer ganz düsteren Ausstattung von Reinhard von der Thannen, der bekanntlich heute ebenfalls zu den bedeutenden Ausstattern in Oper und Theater gehört.

    All diese Namen sind nur wichtig, weil man an ihnen erkennt, dass noch heute auch für die Staatsoper richtungweisende Künstler, Autoren und Regisseure hier »am Schiller« angefangen bzw. sich einen Teil ihrer späteren Bedeutung erst erarbeitet haben.

    Wie zufällig parallel zur Wende im Osten, zu Mauerfall und Wiedervereinigung gerät das Schiller Theater dann in die Krise. Tiefere Ursache sind nicht nur die Divergenzen im Leitungsgremium, sondern wohl auch, dass das Haus nun mit den Bühnen im Ostteil der Stadt, allen voran das Deutsche Theater, mächtige Konkurrenten im Kampf um ein Gesamt-Berliner Publikum erhält.
    Die vier Leitenden erklären 1993 dem Kultursenator Ulrich Roloff-Momin, dass sie das Schiller Theater verlassen werden, und aus dem Prozess der Vertragsauflösung entsteht dann im Rahmen der politischen Diskussion um die Finanzierung der Theater im wieder vereinten Berlins die Diskussion um die Schließung des Hauses. Sie wird zunächst per Senatsbeschluss angeordnet und schließlich im September 1993 durch das Berliner Abgeordnetenhaus bestätigt. Am 2. Oktober 1993 gibt das Schiller Theater als städtische Bühne seine letzte Vorstellung.

    In der Retrospektive erscheint das Schiller Theater dieser langen dritten Phase in seiner »großen Zeit« als Ausgeburt des kalten Krieges. Und auch wenn es Gott sei Dank dabei einen von der deutschen Zweistaatlichkeit völlig unabhängigen künstlerischen Beitrag zur Theatergeschichte geleistet hat, war es ja tatsächlich 1951 bewusst als Antwort auf die Volksbühne in Ost-Berlin konzipiert gewesen und wurde von manchen ganz offen als »Fronttheater« des Kalten Kriegs gedeutet. Bei der Wiedervereinigung war diese Konzeption natürlich längst vollkommen überholt.
    Das Haus wurde nach der Schließung als vermietbarer Theatersaal bewirtschaftet, bis jüngst die Entscheidung fiel, es als Ersatzspielstätte für die Staatsoper wieder herzustellen und nach der Staatsopernutzung für freie Produktionen nutzbar zu machen.

    Mit uns, mit der Staatsoper Unter den Linden, geht nun also das Schiller Theater zu Beginn des 21. Jahrhunderts hoffentlich in seine vierte große historische Phase.
    Vor dem Hintergrund der ja viel weiter zurück reichenden Geschichte unseres Hauses, also der Staatsoper selbst, ist diese sicherlich als würdiger Ersatznutzer für das Schiller Theater anzuerkennen.
    Ich würde mir aber wünschen, dass wir von der Staatsoper uns auch umgekehrt der historischen Bedeutung des Schiller Theaters bewusst bleiben und uns also mit Respekt und Achtung diesem Haus nähern, um es dann im Oktober 2010 in Betrieb zu nehmen.

    Und dazu sage ich uns allen: Toi, toi, toi!

  • Baugeschichte

    1814-1836
    Errichtung eines Volkstheaters für die »geistige Erholung«.

    1894
    In Berlin werden die Pläne der »Schiller-Theater AG« für den Bau eines neuen Theaterhauses vom Magistrat und den Stadtverordneten abgelehnt.

    In der »aufblühenden Nachbarstadt« Charlottenburg jedoch findet die »Schiller-Theater AG« positive Aufnahme und die Fürsprache des Oberbürgermeisters, der den Aufbau einer kulturellen Institution für die Charlottenburger Bevölkerung als sozialpolitische Aufgabe ersten Ranges ansieht.

    Die Charlottenburger Arbeiter, Gewerbetreibende und Kaufleute sollen in einem volkstümlichen Theater, einer Stätte der »geistigen Erholung« und »seelischen Erhebung«, einen Ausgleich zur täglichen Arbeit bekommen.

    1903
    12. Januar: Der Aufsichtsrat der »Schiller-Theater AG« bietet dem Charlottenburger Magistrat einen Vertrag an, der die Errichtung und Unterhaltung eines Schauspielhauses mit 1500 Sitzplätzen vorsieht.

    1904
    13. Februar: Die Stadtgemeinde Charlottenburg beschließt, den Grundstücksankauf und Theaterneubau eigenständig zu übernehmen und mit der »Schiller-Theater AG« einen langjährigen Pachtvertrag abzuschließen.

    21. | 23. Juni: Die »Schiller-Theater AG« ist mit der Finanzierungsregelung einverstanden und schließt mit dem Magistrat einen Vertrag auf 25 Jahre ab.

    Am Wettbewerb für ein an der östlichen Ecke von Bismark- und Grolmanstraße zu errichtendes Theater beteiligen sich sechs Architekten:

    Heilmann und Littman (München), March, Fellner und Helmer (Wien), Reinhardt und Süßenguth (Charlottenburg), Seeling und Sturmhöfel (Berlin).

    26. August: Mit 10 zu 2 Stimmen entscheidet sich das Preisgericht für den Entwurf von Heilmann und dem Theaterarchitekten Littmann.

    1905
    21. Oktober: Abschluss eines mit Heilmann und Littmann als Vertragsnehmer. Die pauschale Bausumme wird auf 1.423.000.- Mark veranschlagt. Den Termin für den Bauabschluss legt der Vertrag auf den 15. Dezember 1906 fest.

    25. Oktober: Beginn der Erdarbeiten.

    1906
    14. Juli: Erweiterung des Bauvertrages nach Beschlüssen der städtischen Körperschaften: Der Anbau eines Saales für Volksunterhaltungs- und Bildungszwecke sowie die Verbesserung der Bühnentechnik werden vorgesehen.

    12. | 28. Dezember: Ergänzung des Pachtvertrages. Die »Schiller-Theater AG« übernimmt den projektierten Saalbau und verpflichtet sich, Funktions- und Tarifbestimmungen einzuhalten.

    15. Dezember: Feierliche Abnahme des Neubaus.

    Der Komplex besteht aus drei Einheiten: einem Theatergebäude, einer Gaststätte und einem Mehrzweck-Saalbau. Das als Volkstheater konzipierte Gebäude verzichtet auf die rangförmige Gliederung herkömmlicher Zuschauerräume. Es ist mit über 1450 Plätzen ausgestattet, dessen Ausrichtung auf die Bühne größtmögliche Gleichwertigkeit der Plätze anstrebt.

    Das Prinzip des Amphitheaters wird durch die Anordnung einer Galerie im rückwärtigen Teil des Saales durchbrochen, was jedoch nicht als Zugeständnis an das traditionelle Rangtheater, sondern als Mittel der Platzgewinnung verstanden wird. Im Innern findet sich eine ausgesprochen moderne Gestaltung: Alles all zu Luxuriöse wird vermieden, einfache, klare Linien und eine zurückhaltende Farbgestaltung dominieren. Dieses Prinzip setzt sich an der Fassade fort, wo Putzflächen vorherrschen und Sandstein nur wenig Verwendung findet.

    Das Bühnenhaus hingegen bleibt traditionell: Ein illusionistischer Guckkasten mit Kulissendekoration. Die Idee des Reformtheaters beschränkt sich auf die Gestaltung des Zuschauerraums.

    Der dezente Skulpturenschmuck ist von den Bildhauern Düll und Petzold gestaltet, die Ausmalung des Zuschauerraums und der gemalte Vorhang stammen von Julius Mössel.

    Das Haus ist von der Straßenflucht weit zurückgenommen und hat im Vorhof einen Musikpavillon. An das Bühnenhaus schließt sich der Volksunterhaltungssaal an, während der Bau zur Bismarkstraße hin mit dem vorspringenden Restaurationsgebäude abgeschlossen wird.

    1907

    1. Januar: Eröffnung des Schiller-Theaters mit der Aufführung der »Räuber« von Friedrich Schiller.

    1. Februar: Abnahme des Volksunterhaltungssaals.
    Baukosten für den gesamten Gebäudekomplex 1.659.000.- Mark.


    1936-1938
    Nazi-Theater und Kriegsruine

    1936
    Abriss des Eckladens (Musikpavillon) und Neugestaltung des Theaterplatzes mit stärkerer räumlicher Einbindung in die Bismarckstraße. Der Volksunterhaltungssaal dient ausschließlich als Probebühne.

    1937/38
    Umbau unter Beibehaltung des Grundrisses zu einem repräsentativen Zwei-Rang-Theater mit 1300 Plätzen durch Paul Baumgarten. Der Umbau erfolgt im Einklang mit dem monumentalen Architekturgeschmack des Nationalsozialismus: Durch reichliche Verwendung von Marmor, poliertem Kalkstein und Mahagoniverkleidung wird eine prunkhafte Ausstattung erreicht und das Gesicht des Theaters stark verändert. Im 1. Rang wird eine »Regierungsloge« eingebaut.
    Die Bühne wird vergrößert und erhält einen Rundhorizont. Der Orchestergraben kann als Vorbühne verwendet werden.
    Am Umbau sind die Bildhauer Paul Scheurich und Karl Nocke sowie der Maler Albert Birkle beteiligt.

    1943
    23. November: Das Theater wird bei einem Luftangriff zerstört. Wie ein verstümmelter Riese steht es jahrelang in einer Umwelt von zerborstenem Gestein, in der sich Gräser und Birkenstauden als »Trümmerflora« ansiedeln.


    1948-1967
    Wideraufbau und Wirtschaftswunderglanz

    1948
    Wettbewerbsausschreibung für den Wideraufbau des Schiller-Theaters. Der Entwurf der Architekten Heinz Völker und Rolf Grosse findet die Anerkennung des Preisgerichtes. Ihr Entwurf, der bereits im Wettbewerb »durch seine kultivierten Formen und seine große Ausgeglichenheit im Äußeren und Inneren« sowie den »ansprechenden und großzügig« wirkenden Zuschauerraum einen großen Eindruck hinterlassen hatte, diente für den Neubau als Grundlage.

    1950
    Beginn der Bauarbeiten unter der künstlerischen Oberleitung der Architekten. Die Baudurchführung liegt beim damaligen Stadtbaudirektor Bonatz.

    Einige Teile der Ruine des alten Theaters werden für den Neubau wieder verwendet. Völker und Grosse versuchen an die Konzeption des Volkstheaters anzuknüpfen. Im Innern wird eine Kompromisslösung realisiert: keine Widerherstellung des Littmannschen Amphitheaters, sondern die Verbindung eines großen Parketts mit einem breiten Rang.

    Das Theater verfügt nur noch über 1085 Plätze.

    Der Bühnenbereich ist gegenüber den Vorgängerbauten erheblich erweitert worden.

    Ein surrealistisches Glasbildpanorama von Ludwig Peter Kowalski ist in der vorgewölbten Glasfassade zur Straße hin zu sehen.

    1951
    Im Spätsommer: Abschluss der Bauarbeiten.
    5. September: Das Schiller-Theater wird feierlich eingeweiht.

    1958
    Akustische Nachbesserungen.

    1959
    Fertigstellung eines Magazin- und Werkstättengebäudes auf dem rückwärtigen Grundstück der Schillerstraße 9.

    Einrichtung einer einfachen Studio-Bühne in den ehemaligen Tischlerwerkstätten: Die »Schiller-Theater Werkstatt«.

    1967-1980
    Modernisierungen

    1967/68
    Einbau einer neuen Bühnenlicht-Stellanlage.

    1976/79
    Neubau eines Werkstattgebäudes für die Schneiderei auf dem östlichen Grundstücksteil mit Anbindung an das bestehende Osttreppenhaus. Umbau der Kostümwerkstätten im 3. Obergeschoß des Bühnenhauses zu Büroräumen.

    1980
    Optische Umgestaltung und technische Modernisierung des Theaters für 8,1 Millionen Mark. Die bisherige helle Holzverkleidung der Wände und das mit rotem Cordsamt bezogene Gestühl des Zuschauerraumes trennt nach Ansicht der Direktion das Publikum zu krass von der Bühne. Wände und Sitzreihen einschließlich der Decke erhalten eine dunkelbraune Farbgebung, um den Raum zu Gunsten des Bühnengeschehens zu neutralisieren.

    Ein neues Beleuchtungssystem wird installiert, die Akustik funktionell nachgebessert und die Bühnentechnik überholt, unter anderem durch den Einbau von Hubpodien.

    In Foyer und Kassenraum bestimmen nunmehr fein nuancierte Weißtöne die farbliche Gestaltung. Die Fassade des Theaters wird einer gründlichen Reinigung unterzogen.

  • Theatergeschichte

    1894
    30. August: In Berlin konstituiert sich unter dem Slawistik-Professor Dr. Raphael Löwenfeld eine Gesellschaft, die sich die »Begründung und Unterhaltung volkstümlicher Schauspiele« unter dem Namen »Schiller-Theater« zur Aufgabe macht. Die so genannte »Schiller-Theater AG« ist eine Theaterbetriebsgesellschaft auf Aktien. Die Gesellschaft ist eine wohltätige Stiftung und darf daher nicht mehr als fünf Prozent Dividende auszahlen. Der Genuss dramatischer Kunst soll nicht länger den Reichen und Wohlhabenden vorbehalten bleiben, sondern Eingang in das Arbeiter- und Kleinbürgertum finden.

    Die »Schiller-Theater AG« lässt ihr Ensemble zunächst im alten Wallner-Theater als »Schiller-Theater OST« und im Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theater als »Schiller-Theater NORD« spielen. Sie setzt sich jedoch zeitgleich für den Bau eines neuen Theaters ein. In der »aufblühenden Nachbarstadt«“ Charlottenburg findet die »Schiller-Theater AG« positive Aufnahme mit Fürsprache des Oberbürgermeisters, der den Aufbau einer kulturellen Institution für die Charlottenburger Bevölkerung als sozialpolitische Aufgabe ersten Ranges ansieht. Die Arbeiter, Gewerbetreibenden und Kaufleute sollen in einem volkstümlichen Theater, einer Stätte der »geistigen Erholung« und »seelischen Erhebung«, ein Gegengewicht zur täglichen Arbeit finden.

    1906
    27. Dezember: Offizieller Presseempfang im neu erbauten Schiller Theater.


    1907
    Januar: Eröffnung des Schiller Theaters mit der Aufführung der »Räuber« von Friedrich Schiller. Das Schiller-Theater wird von der »Schiller-Theater AG« mit eigenem Ensemble betrieben.

    1908/09
    In den drei Häusern der »Schiller-Theater AG« werden Klassiker und so genannte Volksschauspiele gegeben, da nur der »große Dichter« auch als »edler Mensch«, frei von »Einseitigkeit und Engherzigkeit« allein in der Lage sei, den »kleineren Geistern« zu einer »großmütigen Weltsicht« zu verhelfen (Raphael Löwenfeld).
    Das Anliegen der Direktion ist: »Alles, was Schönes und Gutes von deutschen Dichtern geschaffen ist, in sauberer, abgerundeter Darstellung vorzuführen. Wir schwören weder zur Fahne des Idealismus noch zu der des Realismus, für uns hat alles eine Berechtigung, was in schöner Form edle Gedanken ausdrückt. Heute Schiller und Calderón, morgen Hebbel und Ibsen, heute Sophokles, morgen Shakespeare, heute »Faust« morgen »Der Feilchenfresser«. Alles Frivole sollte außerhalb der Mauern des neuen Theaterhauses bleiben.“

    Darstellung und Ausstattung der Inszenierungen sind – angesichts der billigen Eintrittspreise – vorzüglich. Der Parkettplatz kostet eine Mark siebzig, und auf die Galerie kommt man schon für vierzig Pfennige. Die »Schiller-Theater« werden als eine große Leistung des Berliner Bürgertums angesehen.

    Die »Schiller-Theater AG« beschließt, das kulturelle Programm durch regelmäßige kammermusikalische Veranstaltungen zu erweitern.

    Der Spielplan der ersten Monate kann durchaus stellvertretend für spätere Spielplangestaltungen gelten. Nach dem Beginn mit Schillers »Räuber« folgen Werke Ernst von Wildenbruchs, Gustav von Mosers und von Ludwig Anzengruber.
    Während der Spielzeit 1908/09 stehen fünf Inszenierungen von Klassikern, sieben Einstudierungen realistischer Gesellschaftsdramatik (vertreten durch Autoren wie Henrik Ibsen und Octave Mirbeau) und elf Produktionen leichter zeitgenössischer Stücke gegenüber.

    Es zeigt sich jedoch recht bald, dass das Bedürfnis nach künstlerischer Volksunterhaltung »in weiten Kreisen« der »mindestbegüterten« Bevölkerung wenig verbreitet ist. Offensichtlich erregt das Programm der Schillergesellschaft nicht die angesprochenen Arbeiterkreise. Stattdessen wird ein Versuch unternommen, die ästhetisch-pädagogische Konzeption des Theaters durch Schulvorstellungen fortzusetzen.

    1914
    August:: Kriegserklärungen Deutschlands an Russland und Frankreich, Beginn des 1. Weltkriegs, patriotische Kriegsbegeisterung in Deutschland.

    Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommen zunehmend patriotische Stücke auf die Spielpläne. Die Spielzeit 1914/15 wird im Schiller Theater mit Kleists »Prinz von Homburg« eröffnet.
    Die nationalistische Tendenz des Stücks erntet den euphorischen Beifall des Publikums.

    1918
    November: Kapitulation Deutschlands, Ende des 1. Weltkriegs, Revolution, Abdankung Kaiser Wilhelms II, Ausrufung der Republik (»Weimarer Republik«).

    1923
    März: Das Schiller Theater gerät in unüberbrückbare Zahlungsschwierigkeiten.

    21. Juni: Die »Schiller-Theater AG« verpachtet das Theater zunächst für fünf Jahre an die Generalverwaltung der Preußischen Staatstheater. Mit dem Anschluss an die Preußischen Staatsbühnen kommt das Schiller Theater unter die Oberleitung von Leopold Jeßner, Regisseur und Intendant des Preußischen Staatstheaters am Gendarmenmarkt und wird so zweite Spielstätte des Preußischen Staatstheaters Berlin.

    1. September: Das Theater eröffnet die neue Spielzeit mit Lessings »Nathan der Weise«. Auf dem Spielplan steht nun auch moderne Literatur.

    1926
    21. Dezember: Das Schiller Theater bringt in einer Inszenierung von Jürgen Fehling die deutsche Erstaufführung von »Drei Schwestern« von Anton Tschechow heraus.


    1930
    10. Januar: Leopold Jeßner tritt als Intendant der preußischen Staatstheater (einschließlich des Schiller Theaters) zurück, sein Nachfolger wird der Regisseur Ernst Legal, der zu dieser Zeit noch die Intendanz der Kroll-Oper innehat. (Ernst Legal wird dann von 1945 –1952 als Intendant der Staatsoper Unter den Linden arbeiten.)

    1931
    3. Juli: Die Kroll-Oper wird mit einer letzten Vorstellung von Mozarts »Hochzeit des Figaro« auf Beschluss des Preußischen Landtags aufgrund der wirtschaftlichen Situation geschlossen.

    31. Dezember: Am Schiller Theater feiert Lucie Mannheim ihren Durchbruch als Schauspielerin in Fehlings Uraufführungs-Inszenierung der »Posse mit Musik« »Die göttliche Jette« von Günther Bibo und Emil Rameau, mit Musik von Walter W. Goetze.


    1932
    3. März: Ernst Legal tritt als Intendant der preußischen Staatstheater in Berlin zurück. Die interimistische Leitung übernimmt der Staatsopernintendant Heinz Tietjen.

    29. April: Bernhard Minetti feiert am Schiller Theater seinen Durchbruch als Franz Moor in Schillers »Räuber«, inszeniert von Leopold Jeßner als dessen letzte Arbeit an diesem Haus.

    1. Juli: Die Arbeit des Schiller Theaters als Preußische Staatsbühne endet mit einer Vorstellung von Goethes »Egmont«.

    1. Oktober: Als neuer Direktor des verpachteten Schiller Theaters übernimmt Fritz Hirsch die Leitung des Hauses.


    1933
    23. März: Ermächtigungsgesetz für die NSDAP-Regierung unter Adolf Hitler. In der Folge werden alle jüdischen und oppositionellen Intendanten, Mitarbeiter und Künstler aus den deutschen Theatern entfernt.

    Der jüdische Privatpächter des Schiller Theaters Fritz Hirsch muss Deutschland verlassen, die »Schiller-Theater AG« wird endgültig aufgelöst.

    11. April: Hermann Göring wird Preußischer Ministerpräsident und damit oberster Dienstherr der Preußischen Staatstheater und der Staatsoper.

    Mai: Das Schiller Theater wird vorübergehend als »Preußisches Theater der Jugend« im Verbund der Preußischen Staatstheater dem Ministerpräsidenten Göring unterstellt, dann aber schließlich doch in den Besitz der Stadt Berlin überführt.
    Als städtische Bühne genießt das Schiller Theater die Gunst Joseph Goebbels´, der als Gauleiter von Berlin und Minister für Volksaufklärung und Propaganda über die Reichstheaterkammer maßgeblichen Einfluss auf die Bühnenarbeit ausübt.

    1934
    25. September: Das Schiller Theater wird unter der neuen Direktion van Buren eröffnet mit »Spielereien einer Kaiserin« von Dauthenday mit Agnes Straub in der Hauptrolle.

    1937
    11. März: Im Schiller Theater wird das 25jährige Bühnenjubiläum von Heinrich George mit einer Aufführung von Goethes »Götz von Berlichingen« gefeiert.

    1938
    1. März: Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ernennt Heinrich George zum Intendanten des im Umbau befindlichen Schiller Theaters.

    9.-10. November: Antijüdische Pogrome: »Reichskristallnacht«.

    15. November: Festliche Eröffnung des umgebauten Schiller Theaters unter der neuen Intendanz von Heinrich George mit Schillers »Kabale und Liebe« in Anwesenheit Hitlers, George spielt den Stadtmusikanten Miller.

    1939
    1. September: Deutscher Überfall auf Polen, Beginn des 2. Weltkriegs.
    9. November: Will Quadflieg ist in seiner ersten Rolle (Don Carlos) am Schiller Theater zu sehen in einer Inszenierung von Ernst Legal.

    1940
    6. Februar: Jürgen Fehling inszeniert am Schiller Theater Kleists »Prinz Friedrich von Homburg«.

    1. Mai: Fehling inszeniert am Schiller Theater die Uraufführung von »Der Kampf ums Reich« von Wolfgang Goetz mit Heinrich George.


    1941
    29. März: Karl Heinz Martin inszeniert Grabbes »Hannibal« mit Heinrich George am Schiller Theater.

    1943
    18. November: Beginn der großen Luftangriffe auf Berlin.


    1944
    22. Juni: Auf der Behelfsbühne im Schiller Theater gibt Heinrich George seine letzte Rolle im deutschen Theater in Kleists »Der zerbrochene Krug«, inszeniert von Ernst Legal.

    1. September: Auf Anordnung von Goebbels werden alle Theater geschlossen.

    1945
    8. Mai: Kapitulation Deutschlands. Ende des 2. Weltkriegs.

    1950
    1. Dezember: Boleslaw Barlog wird zum Leiter des Schiller Theaters in der Bismarckstraße ernannt.
    Barlog selbst vermutet, dass er nur vorübergehend, bis ein geeigneter Kandidat zur Verfügung stehen würde, das Amt übernehmen soll. Sarkastisch stellt er fest: »Hier bin ich ja bloß der Trockenwohner«.

    1951
    5. September: Das Schiller Theater als Haupthaus der neu gegründeten Staatlichen Schauspielbühnen in Berlin (West) wird in Anwesenheit des Bundespräsidenten Theodor Heuss und Ernst Reuter feierlich seiner Bestimmung übergeben. Die Berliner Philharmoniker spielen unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler Beethovens 9. Sinfonie. Abgeordnete und Senat von Berlin hatten über 1000 Ehrengäste aus dem öffentlichen Leben der Bundesrepublik, West-Berlins und der Alliierten eingeladen und stellten Berlin als Schaufenster des freien Westens vor.


    Die außerordentliche kulturpolitische Bedeutung der Eröffnung des Schiller Theaters beschreibt der Kritiker der amerikanisch lizenzierten Mittagszeitung »Der Abend« pathetisch:
    »Hohe Pforten werden von hohen Gästen in hoher Erwartung durchschritten. Mein Gott, wie lange vermißten wir den Zauber solchen Hauses: die teppich- gedämpften Rundgänge, den großen, den großzügigen, großartigen Theaterraum. Das weite Parkett.«


    6. September: Eröffnung der ersten Spielzeit nach dem Kriege mit Schillers »Wilhelm Tell«. Regie führt der Intendant Boleslaw Barlog, die Ausstattung wird von Casper Neher verantwortet. Paul Esser spielt den Tell, der junge Götz George seinen Sohn, Sebastian Fischer den Rudenz, Paul Wegner den Stauffacher, Walter Süßenguth den Geßler und Albert Bassermann ist in seiner letzten Rolle als Attinghausen auf der Bühne zu erleben.

    Die Eröffnungspremiere findet, im Gegensatz zur bisher geübten Praxis, ohne die Intendanten der Ostberliner Theater statt. Barlog muss Walter Felsenstein (Komische Oper), Ernst Legal (Deutsche Staatsoper), Fritz Wisten (Theater am Schiffbauerdamm) und Fritz Langhoff (Deutsches Theater) offiziell wieder ausladen. Sein Vorgesetzter Senator Tiburtius, der die Ausladung verlangt hatte, wollte aus dem Schiller-Theater ein Fronttheater im Kalten Krieg machen, da passten die Intendanten der Ostberliner Bühnen nicht ins Bild. Die Intendanten reagieren mit einem Brief, in dem sie Barlog ausdrücklich als Kollegen und Kameraden zu seiner Intendanz beglückwünschen. Sie werten die Tatsache, dass Barlog den »Tell« als Eröffnungs-Stück wählte, als Zeichen, dass er nicht vorhabe »ein Theater der nationalen Zwietracht zu leiten«.

    ENSEMBLE
    Viele Schauspieler des vom Senat nicht mehr finanzierten Hebbel-Theaters, aber auch Schauspieler aus Max Reinhardts Deutschem Theater – Elsa Wagner, Paul Bildt und Aribert Wäscher, Wilhelm Borchert und Käthe Braun – wechseln Anfang der fünfziger Jahre zum Schiller Theater. Barlog konnte weitere Protagonisten von hoher Qualität – Hermine Körner, Berta Drews, Bernhard Minetti und Martin Held – verpflichten und so ein Ensemble von einmaliger Dichte und Vielseitigkeit zusammen stellen.

    SPIELPLAN
    Neben den Klassikern dürfen in den 50er Jahren auf dem Spielplan am Schiller Theater keine Stücke von Schriftstellern erscheinen, die ein marxistisch orientiertes Theater befürworten. So werden Bertolt Brecht und der frühe Gerhard Hauptmann in West-Berlin zunächst boykottiert. Brecht wird erst Mitte der 60er Jahre wieder »theaterfähig«, stattdessen versucht man in den 50er Jahren zum Beispiel Jean Paul Sartre als Dramatiker auf deutschen Bühnen aufzubauen.

    Zum Schiller Theater als Haupthaus der Staatlichen Schauspielbühne Berlin gehören auch das Schlosspark-Theater in Steglitz, die Schiller-Theater-Werkstatt und die Spielstätte im Ballhaus Rixdorf.

    1959
    Fritz Kortner inszeniert Schillers »Die Räuber« am Schiller Theater.
    Mit Beginn der Spielzeit 1959/60 eröffnet das Schiller Theater in den ehemaligen Tischlerwerkstätten eine Studio-Bühne insbesondere für Stücke zeitgenössischer Autoren: Die Schiller-Theaterwerkstatt. Neben Autoren wie Harold Pinter, James Saunders oder Günter Grass ist Samuel Beckett häufiger Gast der Werkstattbühne. Ihm steht 16 Jahre später darauf die Bühne im Großen Haus für sein Stück »Warten auf Godot« zur Verfügung.

    1964
    29. April: Peter Weiss wird durch das Schiller Theater entdeckt, denn hier findet die Uraufführung seines Stücks »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats«, dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade statt, Regie führt Konrad Swinarski, in den Hauptrollen sind Peter Moosbacher bzw. Bernhard Minetti, Ernst Schröder und Liselotte Rau zu sehen.


    In zahlreichen Produktionen am Schiller Theater in den 60er Jahren, darunter »Wer hat Angst vor Virginia Woolf« von Edward Albee oder »Unter dem Milchwald« von Dylan Thomas kann Boleslaw Barlog die Qualität seines Ensembles unter Beweis stellen und gleichzeitig neue Autoren auf dem deutschen Theater vorstellen.

    1972
    Nach über zwanzigjähriger Leitung des Schiller Theaters wird Boleslaw Barlog von Hans Lietzau abgelöst. Der neue Intendant beginnt mit Kleists »Prinz von Homburg«. Neben Helmut Griem und Bernhard Minetti treten Elfriede Rückert und Heidemarie Theobald auf. Lietzau gerät jedoch in Konkurrenz zur Schaubühne am Halleschen Ufer, wo »Der Prinz von Homburg« in einer erfolgreichen Inszenierung von Peter Stein zu sehen ist.
    Mit Stücken von Heiner Müller, Edward Bond, Christopher Hampton, Hartmut Lange oder Thomas Bernhard gelingt es Lietzau jedoch Interesse zu wecken. Mit jungen Regisseuren wie Hans Hollmann, Dieter Dorn oder Niels Peter Rudolf versucht er zudem stärker konzeptionell-inszenatorische Akzente zu setzten und eine »Berliner Dramaturgie« neu zu begründen.


    1975
    8. März: Premiere von »Warten auf Godot« in der Inszenierung, die Samuell Beckett selbst am Schiller Theater erstellt hat. Es spielen: Horst Bollmann, Stefan Wigger, Karl Raddatz, Klaus Herm.


    1980
    Boy Gobert wird neuer Intendant der Staatlichen Schauspielbühne, die als Haupthaus das Schiller Theater nutzt. Er beginnt seine Arbeit politisch prononciert mit der Aufarbeitung von Faschismus und Verbrechen des Nationalsozialismus.
    Einen weiteren Höhepunkt der Spielzeit 1980/81 bietet Kleists »Penthesilea« in der Inszenierung von Hans Neuenfels, der hierbei mit Anna Viebrock zusammen arbeitet.


    1981
    Die Revue »Jeder stirbt für sich allein« nach Hans Falladas Roman in der Regie von Peter Zadek sorgt am Schiller Theater für Aufsehen. Zadek richtete den Roman in Zusammenarbeit mit Gottfried Greiffenhagen für die Bühne ein, und Jérôme Savary arbeitete die Revue aus. Für die Bühnengestaltung konnte der Berliner Maler Johannes Grützke und der Architekt Dieter Flimm gewonnen werden. Auch die Rollen waren mit Angelica Domröse, Bernhard Minetti, Otto Sander, Hilmar Thate und Sabine Sinjen sehr prominent besetzt.

    1985
    Boy Goberts Intendanz endet mit einer Doppelinszenierung von Schillers »Wallenstein«, in der er selbst die Hauptrolle spielt. Heiner Müller bearbeitete einzelne Teile des Dramas, Klaus Emmerich führte Regie. Neuer Intendant wird Heribert Sasse, mit dem erklärten Anspruch, die Akteure in den Mittelpunkt zu stellen, anstatt selbstherrliche Regiekonzepte zu verwirklichen.

    Allerdings gelingt es in den Folgejahren nicht wirklich, die hohen Erwartungen an das Theater zu erfüllen, so dass mancher Kritiker am Schiller Theater einen schleichenden künstlerischen Substanzverlust wahrnimmt.
    Auch der Versuch, mit einem Vierer-Direktorium, bestehend aus Alfred Kirchner, Alexander Lang, Volkmar Clauß und Vera Sturm, weiter zu machen, scheint nicht wirkliche eine Besserung der schwierigen Situation zu bringen.
    1993
    Das Schiller Theater wird durch Senatsbeschluss trotz großen Protests geschlossen. Mit Hinweis auf einen Fehler im Verfahren gelingt es dem Schiller Theater jedoch zunächst, beim Landesverfassungsgericht eine Aussetzung des Beschlusses zu erreichen.
    16. September: Das Berliner Abgeordnetenhaus entscheidet sich für die endgültige Schließung des Schiller Theaters, die am 3. Oktober vollzogen wird.

    1994
    Anfang Juli beschließt der Senat von Berlin, das geschlossene Schiller Theater an den Entertainment-Veranstalter Peter Schwenkow zu verpachten. Schwenkow plant die Einrichtung eines Musical-Theaters mit Gastspielen und berlinspezifischen Eigenproduktionen, während in der Schiller-Theaterwerkstatt ein politisches Kabarett sein Domizil finden soll.

    2000
    Von Januar bis Oktober dient das Schiller Theater als Interimsspielstätte für das Maxim Gorki Theater.

    2009
    5. Januar: Im Schiller Theater wird mit den Bauarbeiten zur Umgestaltung des Theaters für die Nutzung durch die Staats-oper begonnen.

    2010
    3. Oktober: Das Schiller Theater wird als vorübergehende Spielstätte der Staatsoper Unter den Linden während der Sanierungsphase mit einer Uraufführungspremiere unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim mit dem Ensemble der Staatsoper und der Staatskapelle Berlin feierlich eröffnet.