Tagebuch eines Verschollenen | La voix humaineLeoš Janáček | Francis Poulenc

Liederzyklus für Tenor, Alt, drei Frauenstimmen und Klavier von Leoš Janáček || Tragédie lyrique in einem Akt von Francis Poulenc | Text von Jean Cocteau

Im Mai 1916 entdeckt Leoš Janáček in der Zeitung Gedichte, die dem Tagebuch eines »Verschollenen« entstammen. Der Bauernsohn Janek hatte sich in das Zigeunermädchen Zefka verliebt. Als sie schwanger wird, entschließt er sich, bei ihr und dem fahrenden ...

Im Mai 1916 entdeckt Leoš Janáček in der Zeitung Gedichte, die dem Tagebuch eines »Verschollenen« entstammen. Der Bauernsohn Janek hatte sich in das Zigeunermädchen Zefka verliebt. Als sie schwanger wird, entschließt er sich, bei ihr und dem fahrenden Volk zu bleiben, und verschwindet bei Nacht und Nebel aus seinem Dorf. In seinem Zimmer finden die Eltern später Aufzeichnungen über seine Liebe, seine Verzweiflung und seinen Entschluss zur Flucht. Sie inspirieren Janáček zur Vertonung, denn in diesem Drama findet er sich selbst wieder – ist der 61jährige doch gerade schwer verliebt in eine 25jährige.

Das »Tagebuch eines Verschollenen« ist ein ebenso großartiges Werk wie Janáčeks Opern. Die Besetzung ist ungewöhnlich: Ein Tenor und eine Altistin werden lediglich von einem Klavier begleitet, zu dem sich bisweilen ein dreistimmiger Frauenchor gesellt. Zwischen Liedzyklus und Kammeroper changierend, stellt das »Tagebuch« ein Meisterwerk der eruptiven Seelenanalyse und der Darstellung allmählicher Vereinsamung dar.

In einer ganz anderen musikalischen und gesellschaftlichen Atmosphäre bewegt sich Francis Poulencs Einakter »La voix humaine« (»Die geliebte Stimme«) von 1959. Eine Frau, allein, verlassen von ihrem Geliebten, telefoniert mit dem Mann, den sie noch immer liebt, und versucht, das Geschehene rückgängig zu machen. Ihr Gesprächspartner bleibt unsichtbar und ohne Stimme. Er erscheint in seiner Abwesenheit rücksichtslos, unbeteiligt oder bedrückend still. Es wird ein quälender letzter Abschied, bei dem die Frau alle denkbaren Zustände zwischen Ruhe und Verzweiflung, Hoffnung und Flehen durchlebt. Die Intimität der Situation, die den Zuschauer geradezu zum Voyeur macht, wird durch Poulencs eigene Klavierfassung erheblich verstärkt.



    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn