Mord an Mozart

Eine relative Vernichtungstheorie
Musiktheater von Annika Haller, Elisabeth Stöppler, Max Renne und Jens Schroth
mit »Mozart und Salieri« von Nikolai Rimsky-Korsakow
und Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Dmitri Schostakowitsch und David Robert Coleman
sowie Texten von Fjodor Dostojewskij, Albert Einstein und Sigmund Freud

Warum starb Mozart? War der Komponist Antonio Salieri tatsächlich fähig, das von ihm bewunderte Genie zu töten? Verzweifelt lässt Puschkin ihn in seiner kleinen Tragödie »Mozart und Salieri« ausrufen: »Wo liegt die Gerechtigkeit, wenn die göttliche Gabe ...

Warum starb Mozart? War der Komponist Antonio Salieri tatsächlich fähig, das von ihm bewunderte Genie zu töten? Verzweifelt lässt Puschkin ihn in seiner kleinen Tragödie »Mozart und Salieri« ausrufen: »Wo liegt die Gerechtigkeit, wenn die göttliche Gabe, wenn das unsterbliche Genie den Kopf eines Wahnsinnigen erleuchten, eines eitlen Bummlers?« War Salieris Neid auf seinen Konkurrenten das Mordmotiv?
Ausgehend von Nikolai Rimsky-Korsakows musikalischem Krimi-Kammerspiel »Mozart und Salieri« nach Puschkins Vorlage begibt sich die Regisseurin Elisabeth Stöppler auf Spurensuche des vermeintlichen Giftmord Salieris am Genie Mozart, so wie er auch in Miloš Formans oscarprämiertem Film »Amadeus« zum Thema geworden ist.
Dazu gibt es weitere musikalische und textliche Ebenen: Schostakowitsch und Dostojewskij etwa, Einstein, Freud und Beuys. Sie alle verhandeln auf der Bühne »eine relative Vernichtungstheorie«. Dazwischen schlägt die Musik Mozarts Brücken zwischen Jahrhunderten, zwischen Allzu-Menschlichem und Absurd-Genialem - das alles im Rahmen eines Musiktheaterabends der besonderen Art.



    In deutscher Sprache
    ca. 1:45 h | keine Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn

    KammerOperFestival
    Beim Kauf von zwei Karten und mehr in den ersten drei Preisgruppen für Vorstellungen der Produktionen »Mord an Mozart – Eine relative Vernichtungstheorie«, »The Turn of the Screw«, »Le vin herbé / Der Zaubertrank« und »Zangezi« wird ein Rabatt von 50 % auf den gesamten Kartenwert gewährt. Tickets sind telefonisch unter +49 (0)30 – 20 35 45 55, per Mail an tickets@staatsoper-berlin.de, an der Theaterkasse oder an der Ticket-Box erhältlich. Das Kontingent ist begrenzt.
    • Hintergrund

      In der Kurzoper »Mozart und Salieri« von Nikolai Rimsky-Korsakow aus dem Jahre 1896 geht es vordergründig um die berühmte These, dass der Salzburger Komponist durch seinen Konkurrenten durch Gift ermordet wurde — eine These, die zwar bis zu Miloš Formans Film »Amadeus« die Phantasie der Zuschauer bewegt und erregt hat, allerdings eben auch ausschließlich ins Reich der Phantasie gehört. Dennoch ist die Hypothese der physischen Vernichtung eines unerklärlichen Genies und deren Begründung ein höchst spannender und zugleich beunruhigender Komplex, der von Alexander Puschkin in seiner Vorlage zu Rimskys Oper behandelt wird. Wie erträglich ist das Auftauchen eines Menschen, dessen Vermögen alle üblichen Wert- und Bewertungskategorien sprengt? Nicht allein die Tatsache, dass Mozart von Salieri als der eindeutig bessere Komponist anerkannt wird, führt zu dem Giftmord an dem Kollegen — also mitnichten nur Neid —, sondern die fatale Vorstellung einer Weltenordnung, die auf keinen Fall gestört werden darf. Rund 50 Jahre nach Puschkins Theaterstück erschien 1880 Fjodor Dostojewskijs Roman »Die Brüder Karamasow«, dessen fünftes Kapitel die berühmte Binnenerzählung »Der Großinquisitor« enthält. Hier ist es ein Großinquisitor, der den auf die Erde zurückgekommenen Christus beschuldigt, durch seine Lehre und sein Wiedererscheinen die Ordnung der Welt zu stören. Es ist frappierend, wie ähnlich die Argumentationsketten Salieris und des Großinquisitors sind; das Außergewöhnliche, nicht Erklärbare wird als destruktiv bezeichnet und muss aus diesem Grund vernichtet werden. Gut und Böse werden auf eigenwillige Weise vertauscht und dies mit einer analytischen Logik, die eine einfache Gegenargumentation äußerst schwierig macht. Spätestens im 20. Jahrhundert wird es durch die Komplexität der Welt vollends unmöglich, die Verbindung von Genialität und deren nicht mehr absehbaren Folgen zu negieren oder als Zweierlei zu betrachten. Einem Universaldenker wie Albert Einstein war es selbst ein unheimliches Rätsel, in welcher Weise seine Erkenntnisse auch das Potential der endgültigen Vernichtung der Welt in sich tragen. Der erklärte Pazifist unterschrieb angesichts des deutschen Vernichtungskrieges eine Petition, in der er sich für die Entwicklung der Atombombe auf Seiten der USA aussprach. Jahre später bezeichnete er dies als den größten Fehler seines Lebens. Zur künstlerischen und religiösen Betrachtung des Unerklärlichen und nicht zu Fassenden des Genies kommt spätestens hier die existentielle Frage nach der Verbindung zwischen Genie und Verbrechen. Bei Mord an Mozart wird auf die nicht zu lösende Frage, was geschieht, wenn eine wohlgeordnete Welt durch bisher nie dagewesenes Denken, unerhörte Vorstellungskraft oder originäre Künstlerschaft durcheinandergewirbelt und in ihren Grundfesten erschüttert wird, versucht, eine Anschauung zu geben, in der die Verhältnisse zwischen normativem und exzessivem Handeln, Fühlen und Denken durchleuchtet werden.