Manon Lescaut

Dramma lirico in vier Akten von Giacomo Puccini
Text von Marco Praga, Domenico Oliva, Luigi Illica und Ruggero Leoncavallo nach dem Roman von Abbé Prévost

Vor Sonnenuntergang - Jürgen Flimms ungewöhnliche »Manon Lescaut«-Inszenierung kommt von Sankt Petersburg nach Berlin.

Vor Sonnenuntergang - Jürgen Flimms ungewöhnliche »Manon Lescaut«-Inszenierung kommt von Sankt Petersburg nach Berlin.



    In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Referent: Benjamin Wäntig

    Einführungsmatinee am 27. November 2016
    Eine Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden mit dem Mikhailovsky Theater Sankt Petersburg
    • Hintergrund

      HOLLYWOOD IN SANKT PETERSBURG

      VARGES: Sagen Sie, Herr Professor Flimm, was bringt eigentlich solch berühmte Regisseure, die ja schon ein gewisses Alter erreicht haben, dazu, sich für die rührselige Geschichte der »Manon Lescaut« zu interessieren, so wie Sie in Sankt Petersburg und Hans Neuenfels in München?
      FLIMM: Was meinen Freund Hans, diesen bildkräftigen, wilden Regisseur, an dieser Sterntalergeschichte interessiert hat, kann ich nur ahnen. Ich für meinen Teil habe mich stets für die Kolportage und ihre musikalische Form, die Operette, interessiert. Nach genauer Betrachtung stellt sich ein enormer Zeitbelang heraus: Manon geht nicht minder köstlich mit den eigenen Zeitläuften um wie seinerzeit Verdis »Traviata«!

      VARGES: Aber das kann man doch nicht …
      FLIMM: Doch, das kann man vergleichen! Beide Frauen, Manon und Violetta, machen Karriere über die Männer — Lebedamen nannte man das früher —, und beide scheitern auch am Verlust von Liebe. Alfredo und Des Grieux sind schon ziemlich ähnliche Figuren.

      VARGES: Warum haben weder Neuenfels noch Sie dieses Stück in Berlin auf die Staatsopernbühne gebracht?
      FLIMM: Weil der Intendant nun mal kein Angebot gemacht hat (lacht). So mussten wir ins Ausland, Hans nach Bayern, und ich nach Russland.

      VARGES: Wieso nach Russland, nach Sankt Petersburg?
      FLIMM: Die haben mich gefragt, Ioan Holender, der ehemalige Chef der Wiener Staatsoper, hatte mich dort empfohlen. Ich war noch nie in Sankt Petersburg, habe noch nie dort gearbeitet. Das Mikhailovsky Theater ist einer der ältesten Russlands, es wurde schon 1833 gebaut und ist ein wunderschönes Rangtheater. Es sind dort viele bekannte Opern uraufgeführt worden, auch von Schostakowitsch. Ich hatte ein solch angenehmes Arbeiten nicht erwartet. Die Bedingungen waren sehr gut, die Menschen stets besonders freundlich und hilfsbereit, es war eine gute Zeit und ein großer Erfolg, seitdem wurde es noch oft gespielt, immer voll, versteht sich. Und nicht zuletzt ist Sankt Petersburg eine wunderschöne Stadt und erinnert sehr an den Süden, kein Wunder, denn Peter der Große hat seine Stadt von italienischen Architekten erbauen lassen.

      VARGES: Nun war ihre Konzeption nicht gerade im wörtlichen Sinne des Stückes entworfen, um nicht das Wort Werktreue zu benutzen …
      FLIMM: Das lassen wir mal weg, das ist sowieso Quatsch! Ich habe einfach eine andere Erzählfolie über diese Geschichte gelegt, die quasi dennoch unverändert erzählt wird. Die Überschrift könnte sein: »Aufstieg und Fall der Manon«, oder »Die Hollywood-Tragödie«. Die kleine Manon gerät unter der Führung ihres skrupellosen Bruders, der sie an einen reichen Produzenten verhökert, ins schwierige Geschäft der Hollywood- Ränke und der Filmindustrie.

      VARGES: Und das geht mit dem Stück?
      FLIMM: Na, schauen Sie es sich an, die Sankt Petersburger fanden, dass es so ging. Es kommt eben noch ein ziemlich bitteres Ende. Das ist ein erstaunliches Finale, das Puccini und seinen Librettisten eingefallen ist. Endlich angelangt, waren Manon und Des Grieux am Ende die Grenzen ihrer maßlosen Liebe. »Il sol piu non vedro« stammelt sie am Schluss kurz vor ihrem jämmerlichen Tod, schleppt er die todkranke Frau durch die Wüste irgendwo in ein Nirgendwo eines fernen Landes; kein Ort. Da ist alles von ihnen abgefallen, nur ein kleines bisschen Leben ist noch übrig. Alles begann so früh mit Arien und Gesängen, mit Liebesliedern, Intrigen und dem einzigen Auf und Ab von Zärtlichkeiten. Also, keine Sonne mehr … wie trostlos. Man denkt unwillkürlich anden großen Samuel Beckett, der die Hoffnungslosigkeit immer zu seinem Thema machte. Wenn ich an »Traviata« denke, ist dieser Schluss hier bei »Manon« viel radikaler und gründlicher. Betrachtet man die Oper vom Ende her, wird die eminente Bedeutung des Werkes sichtbar!

      VARGES: Haben Sie das schon zu Beginn der Proben gewusst?
      FLIMM: Ich habe es geahnt und wartete sehr ungeduldig, endlich diesen Schluss zu probieren. Es ging dann sehr rasch, das Bild entwickelte sich wie von selbst, wir haben nicht viel reden müssen. Es blieb so, wie wir es zum ersten Mal probiert hatten und wurde eine berührende Szene. Beckett hat Recht, wenn er vom teuren Augenblick spricht, den man lediglich noch durch einen weichenden Nebelvorhang sieht, aber, auch eine Tür. Hören Sie mal auf Beckett: »cher instant je te vois dans ce rideau de brume qui recule ou je n’aurai plus a fouler ces longs seuils mouvants et vivrai le temps d’une porte qui s’ouvre et se referme«

      VARGES: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Flimm!


      Das Gespräch führte Dr. K. Varges, er war Musikkritiker der Allgemeinen Zeitung Mainz