Les pêcheurs de perlesDie Perlenfischer

Oper in drei Akten von Georges Bizet
Text von Michel Carré und Eugène Cormon

Verwirrung der Gefühle - Wim Wenders und Daniel Barenboim widmen sich Bizets »Les pêcheurs de perles«

Verwirrung der Gefühle - Wim Wenders und Daniel Barenboim widmen sich Bizets »Les pêcheurs de perles«



    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Referent: Detlef Giese

    Einführungsmatinee am 18. Juni 2017
    • Hintergrund

      Georges Bizet gilt, mit einigem Recht, als tragisches Genie der Operngeschichte des 19. Jahrhunderts. Mit nur 36 Jahren verstarb er kurz nach der Uraufführung seines größten Erfolgs: Die Oper Carmen sollte den französischen Komponisten unvergessen machen. Bizets zwölf Jahre zuvor entstandenes Meisterwerk »Les pêcheurs de perles« hingegen ist bis heute ein selten anzutreffender Gast auf den Spielplänen der Opernhäuser. Erstaunlich genug, kam hier doch das mit Raffinesse und Einfallsreichtum gepaarte dramatische Talent des Komponisten erstmals eindrucksvoll zur Entfaltung. Ein Grund mehr für Regisseur Wim Wenders und Maestro Daniel Barenboim, diese bis heute unterschätzte »Perle« des Opernrepertoires neu zu beleuchten.

      Den Ort der Geschichte bildet eine wilde Küste der im südindischen Ozean gelegenen Insel Ceylon. Hier bereiten sich Perlenfischer auf die gefährlichen Tauchgänge vor, indem sie die bösen Geister mit Tanz und Gesang zu bannen versuchen. Nach altem Brauch wählen sie Zurga zu ihrem rechtmäßigen Anführer und schwören ihm unbedingte Treue. Kurz darauf trifft ein Fremder am Strand ein. Zurga erkennt in ihm seinen Jugendfreund Nadir. Einst waren sie in dieselbe Frau verliebt, entsagten dieser Liebe aber zugunsten ihrer Freundschaft. Um das damalige Versprechen zu untermauern, erneuern Zurga und Nadir ihren Treueschwur, während die Priesterin Leïla, die zum Schutz der Fischer gerufen wurde, gelobt, ihre Keuschheit zu wahren; andernfalls wolle sie sterben. Als Nadir ihren betörenden Gesang hört, erinnert er sich an die Begegnung mit jener Unbekannten, die ihn und Zurga einst verzaubert hatte und glaubt sie in der verschleierten Leïla wiederzuerkennen. Am Abend schleicht er sich zu ihr, und es gelingt ihm, Leïla von seiner Liebe zu überzeugen. Noch bevor sie gemeinsam fliehen können, entdeckt sie der Tempelpriester Nourabad.

      Vom Eidbruch der Priesterin erschüttert, fordern die Perlenfischer ihren wie auch Nadirs Tod. Zurga möchte beide verschonen, doch kaum hat Nourabad Leïla entschleiert, erkennt der Anführer seine einstige Liebe wieder und sinnt auf Rache. Kurzerhand verlangt er, dass beide wegen ihres Verrats bei Tagesanbruch sterben sollen. Als Leïla ihn um Gnade für ihren Geliebten bittet, wird seine Eifersucht aufs Neue entfacht. Nachdem das Todesurteil endgültig beschlossen ist, sieht Zurga an Leïlas Hals jene Kette, die er einst der Frau geschenkt hatte, die ihn dann vor den herannahenden Verfolgern rettete. Erschüttert von dieser Erkenntnis, will er das Schicksal Leïlas und Nadirs in letzter Sekunde abwenden und setzt das Dorf der Fischer in Flammen.

      Die Geschichte der »Perlenfischer« verbindet auf originelle Art und Weise den Kampf einer archaischen Kultur um das Dasein mit einer spannungsvollen Dreiecksgeschichte um Liebe und Verrat, Treue und Entsagung. Die Gemeinschaft der Fischer basiert auf strengen Regeln und Verträgen sowie einem naiven religiösen Glauben an die Geister des Wassers, welche durch den Gesang der keuschen Jungfrau gnädig gestimmt werden sollen. In ähnlicher Weise sind die »dramatis personae« durch Verträge aneinander gekettet. An zentraler Stelle steht hierbei der erneuerte Treueschwur Zurgas und Nadirs. In »Les pecheurs de perles« sorgt das individuelle Begehren gleichsam für den Bruch des Treuebunds zwischen Zurga und Nadir auf der einen so wie zwischen Leila und Zurga auf der anderen Seite; überdies markiert er den Untergang der Fischergemeinschaft.

      »Die Partitur der »Perlenfischer« macht Bizet die größte Ehre, und man wird sich genötigt sehen, ihn als Komponisten anzuerkennen.« Kein Geringerer als Hector Berlioz äußerte sich derart wohlwollend über die am 30. September 1863 am Théâtre Lyrique uraufgeführte Oper des Pariser Komponisten; insbesondere dessen Einfallsreichtum in Bezug auf die melodische Gestaltung findet sein Lob. Auch wenn Bizet bereits einige Werke für das Musiktheater (wiewohl mehr oder weniger für die Schublade) komponiert und durch Konzertstücke sowie seine glänzenden pianistischen Fähigkeiten auf sich aufmerksam gemacht hatte, so handelte es sich dennoch um ein Debüt, da »Les pecheurs de perles« die erste Oper Bizets war, die an einer großen Bühne zur Aufführung gebracht wurde. Trotz der positiven Kritik Berlioz’ bezeichnete Bizets selbst seine Schöpfung als »ehrenhaften und brillanten Misserfolg«. Ein Grund hierfür lag in den größtenteils negativen Reaktionen von Seiten der zeitgenössischen Musikkritik, die sich an den zahlreichen Neuerungen der Instrumentation sowie dem experimentierfreudigen Umgang Bizets mit musikalischen Formmodellen störte. Als »zu laut« und »zu farbenreich« wurde die Oper beschrieben.
      Wenig zufrieden war Bizet auch mit dem von Michel Carré und Eugene Cormon (eigentlich Pierre-Étienne Piestre) verfassten Libretto, das mit seinem exotischen Sujet und der Dreiecksgeschichte um Liebe, Eifersucht und Rache jedoch zweifelsohne dem Geschmack des Publikums und der Mode der Zeit entsprach — was wiederum Léon Carvalho bestens wusste, als er Bizet mit der Vertonung des Stoffes betraute. In der Partitur von »Les pecheurs de perles« sucht man den Exotismus Exotismus der Vorlage indes vergebens. Vielmehr konzentriert sich Bizet auf die musikdramatische Gestaltung der Szenen, indem er bemerkenswerte großdimensionierte Chor-Tableaus entwirft, welche den Einfluss Giacomo Meyerbeers und Charles Gounods bezeugen, und sie dem melodischen und farbenreichen Lyrismus des Kammerspiels gegenüberstellt. Insbesondere das Duett Zurgas und Nadirs im ersten Akt »Au fond du temple saint« gehört bis heute zu den Favoriten des Publikums und zeigt Bizets enormes Talent in Bezug auf die melodische Gestaltung und die Instrumentation. Zumal Letztere verweist an zahlreichen Stellen auf die Stilistik Richard Wagners.

      Insgesamt erlebte »Les pecheurs de perles« seinerzeit 18 Aufführungen, was zwar eine beachtliche Zahl für das Werk eines jungen und völlig unbekannten Komponisten darstellte, andererseits aber dafür sorgte, dass es über viele Jahre von der Opernbühne verschwand. Erst nach dem Tode Bizets und begünstigt durch den wachsenden Ruhm von »Carmen« erfolgte 1889 eine Wiederaufnahme, bei der jedoch — wie bei darauffolgenden Neuproduktionen — der Schluss des Stückes geändert wurde, um die dramatische Wirkung zu steigern. So existierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Varianten des Stücks. Erst in den 1970er Jahren gelang es mithilfe von Originalquellen, die ursprüngliche Gestalt dieses facettenreichen Werks zu rekonstruieren.


      Roman Reeger