La damnation de Faust

Légende dramatique in vier Aufzügen von Hector Berlioz
Text von Hector Berlioz nach Johann Wolfgang von Goethe in der Übersetzung von Gérard de Nerval

Unkonventionell kreativ - Terry Gilliam inszeniert »La damnation de Faust« von Berlioz.

Unkonventionell kreativ - Terry Gilliam inszeniert »La damnation de Faust« von Berlioz.



    In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Referent: Bejamin Wäntig

    Einführungsmatinee am 21. Mai 2017
    Eine Produktion der English National Opera London, La Fondazione Teatro Massimo Palermo und De Vlaamse Opera Antwerpen
    • Hintergrund

      »And now to something completely different …« Dergleichen muss Terry Gilliam wohl gedacht haben, als ihn die English National Opera London anfragte, ob er für sie »La damnation de Faust« in Bild und Szene setzen würde — ein Werk, das im Grunde keine Oper ist, sondern eher eine Art Oratorium, in dem der Zuhörer aufgefordert wird, im Ereignis der romantischen Musik die eigenen Visionen von unendlichen Landschaften und Zeitreisen, von gewaltigen Kämpfen oder dem Abgrund der Hölle, die der Faust’sche Stoff birgt, vor seinem inneren geistigen Auge entstehen zu lassen.

      Terry Gilliam war einst der (amerikanische) Kopf und Mitbegründer der erzbritischen Komiker-Brigade Monty Python. Und wer erinnert sich nicht an diesen wundervollen Humor der Pythons, die in ihren unzähligen Nonsense-Sketchen und den später nachfolgenden Filmen die Welt der Lachmuskeln eroberte und auch in deutschen Wohnzimmern über die Bildschirme flimmerten. Gelegentlich stand Gilliam mit seinen Mitstreitern John Cleese, Eric Idle, Michael Palin, Terry Jones und Graham Chapman auch selbst als Schauspieler mit vor der Kamera; meistens in stummen Rollen und schrägen Kostümen. Hauptsächlich aber bereicherte er jede Folge der in den Siebzigern für das britische Fernsehen produzierten Serie »Monty Python’s Flying Circus« mit seinen skurrilen Trickfilmen, die collagenhaft animierte Cartoons in einer Legetricktechnik verwendeten. Mit Bleistift, Pinsel, Schere und einer Fülle an Bildmaterial, ob aus Presse oder Kunstbänden stammend, entwickelte Gilliam seine Cut-Out-Animationen, die einerseits den abgründig schwarzen Humor der Pythons auf die Spitze trieben und andererseits seine eigenwillige unnachahmliche Bildsprache entfalteten beziehungsweise ikonographisch prägten. Das Erzählen oder Kommentieren in Bildern vertiefte Gilliam Mitte der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrtausends, als er unabhängig von Monty Python mit »Brazil« (1985), das bis heute als sein ambitioniertestes Filmwerk gilt, die Leinwände zum Überborden brachte. Seine unerschöpfliche Phantasie und Vorstellungskraft ließ anschließend weitere cineastische Meisterwerke folgen, unter anderem »König der Fischer« (1991), »12 Monkeys« (1995) oder »Fear and Loathing in Las Vegas« (1998).

      Dem Filmemacher in Doppelfunktion (als Drehbuchautor und Regisseur) attestierte der deutsche Autor und Filmkritiker Georg Seeßlen einmal, er sei »einer der eigenwilligsten und bildmächtigsten Regisseure unserer Zeit und schlage in jedem seiner Filme eine Brücke zwischen den Kulturen: der pragmatisch-materialistischen der Neuen und der phantastisch-spirituellen der Alten Welt«.

      Mit Berlioz’ »La damnation de Faust« im Jahre 2011 in London betrat Gilliam als Regisseur nun zum ersten Mal die Theaterwelt. Der Komponist selbst hatte sein 1846 an der Opéra Comique in Paris uraufgeführtes Opus als »dramatische Legende« betitelt und von einer szenischen Aufführung abgesehen. Die vierteilige Komposition plus Epilog war ursprünglich für den Konzertsaal konzipiert. Tatsächlich erscheint es auf den ersten Blick schwierig, sich die vielschichtige Rasanz der Partitur mit ihren ausgeweiteten Orchester-Interludien und Balladen und auch den charaktervollen Gesangssolonummern als ein in sich schlüssiges, lebendiges Bühnenwerk vorzustellen: Doch die schemenhaft, wie von Nebeln durchzogenen Verknüpfungen, die Berlioz’ musikalische Verarbeitung der Faust-Legende bietet, gestatten einen interpretativen Ermessensspielraum, die der unkonventionellen Kreativität eines Terry Gilliam entgegen kommt. Ausgehend von Thomas Manns Roman »Doktor Faustus«, interpretiert Gilliam die Berlioz’sche Legendenbearbeitung als eine Allegorie auf den Verfall des geistigen Deutschlands, indem er die Handlung in einen optischen Rahmen von 100 Jahren deutscher Kulturgeschichte fasst: vom 19. Jahrhundert bis zum Dritten Reich, von den romantischen Bildern Caspar David Friedrichs über die Grotesken eines Otto Dix und George Grosz’ bis hin zur Filmästhetik Leni Riefenstahls. Das von der englischen Presse umjubelte Opernregiedebüt Terry Gilliams steht nun auf dem Spielplan der letzten Saison im Schiller Theater. Berlin darf darauf gespannt sein!


      Katharina Winkler

    • Medienpartner
      Medienpartner