King Arthur

Semi-Opera in fünf Akten von Henry Purcell
Text von John Dryden

Wo »Würde« mehr ist als ein Wort - Sven-Eric Bechtolf und René Jacobs mit einer neuen Lesart von Purcells »King Arthur«

Wo »Würde« mehr ist als ein Wort - Sven-Eric Bechtolf und René Jacobs mit einer neuen Lesart von Purcells »King Arthur«


Musikalische Nummern in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Schauspielszenen in deutscher Sprache
VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Referent: Detlef Giese

Einführungsmatinee am 08. Januar 2017
  • Hintergrund

    Er war eine Jahrhundertbegabung als Komponist, bewundert von seinen Zeitgenossen, hoch geschätzt von der Nachwelt. Was Henry Purcell für die englische Musik — und für die Musik überhaupt — getan hat, ist kaum zu überschätzen. Auch wenn seine Werke im 18. Jahrhundert nach und nach von denjenigen Georg Friedrich Händels in den Hintergrund gedrängt wurden, so blieb doch noch lange nach Purcells Tod die Erinnerung an ihn lebendig. Seine wirkungsmächtige Kirchenmusik spielte dabei ebenso eine Rolle wie seine phantasievollen Instrumentalwerke. Vor allem aber war es seine Theatermusik, die für Aufsehen sorgte und den Ruf Purcells, der originellste englische Komponist seiner Generation zu sein, wesentlich begründete. Dass sich England auch nach der glanzvollen Epoche der Renaissance als gewichtige Stimme innerhalb der europäischen Musik behaupten konnte, ist in hohem Maße seinem Wirken und seiner Ausstrahlung zu danken.

    Purcells Lebens- und Schaffenszeit fällt in eine Phase spürbaren Aufschwungs des englischen Musiklebens. Nach dem Rückzug der Puritaner wurde unter dem Regiment der Stuart-Könige die Chapel Royal wieder neu ins Leben gerufen. Schon der junge Henry kam mit dieser traditionsreichen Institution in Berührung; zunächst engagierte er sich als Chorist, nach dem Stimmbruch dann als »Keeper of the Royal Instruments«, schließlich als Organist. Die Orgel spielte er über einige Jahreauch in Westminster Abbey, zudem wirkte er als königlicher Hofkomponist und besaß enge Kontakte zu den Londoner Theaterunternehmern — Purcell als eine Zentralgestalt der englischen Kultur des späten 17. Jahrhunderts zu begreifen, trifft sicher den Kern der Sache.

    Im Umkreis der Chapel Royal kam er auch intensiv mit der Musik seiner Zeit in Berührung, nicht nur mit derjenigen seiner englischen Heimat, sondern auch mit modernen Entwicklungen aus Frankreich und Italien. Alle diese Einflüsse produktiv aufgegriffen und zu einem ganz eigenen Stil ausgeformt zu haben, ist Purcells ganz eigener Verdienst. Zusammen mit einer staunenswerten melodischen Erfindungsgabe und kompositionstechnischen Souveränität wurde es ihm möglich, Werke von beispielgebender Qualität zu schreiben — ob nun für Kirche, Kammer oder Bühne. Immer wieder hat es Purcell zum Theater gezogen. Ab 1680 steuerte er Musik zu zahlreichen Bühnenstücken bei, sowohl in Gestalt von eingestreuten Airs und Songs, Vokalensembles und Chören als auch von Instrumentalsätzen, die häufig als eine Art »Einstimmung« erklangen oder als Zwischenaktmusiken gespielt wurden, aber auch Auftritte aller Art begleiteten: Das Spektrum reichte dabei von der Darstellung religiöser Rituale und friedvoller Pastorale über lärmende Kriegsmusik bis hin zu teilweise recht derben Trinkliedern. Für alle diese Szenerien musste Purcell das richtige Gespür haben und den richtigen Ton finden. Mit typisch britischem Pragmatismus wurden dabei verschiedene Genres auf originelle Weise miteinander vermischt. Aus Schauspiel, Musik und Tanz sowie höfischem Zeremoniell entwickelte sich eine sehr eigene Art von »Gesamtkunstwerk «: Erhabene Kunst von großer Ernsthaftigkeit stand nicht selten unmittelbar neben Elementen, die einzig und allein dem Zweck eines kurzweiligen »Entertainment« dienten. Im Zusammenwirken von Dichtern, Komponisten, Choreographen, Schauspielern, Sängern, Tänzern und nicht zuletzt Bühnenbildern und -maschinisten wurde eine »Multimedia-Show« inszeniert, die den viel beschworenen Theaterzauber mit einbezog und ihre Wirkung auf das Publikum keineswegs verfehlte.

    Vor allem in den so genannten »Semi-Operas « — auch sie eine englische Spezialität — konnten buchstäblich alle Register gezogen werden. Zudem kamen sie Purcells Talenten sehr entgegen, zeichneten sie sich doch durch einen erhöhten Anteil an sowohl vokaler wie instrumentaler Musik aus. Vier Werke dieser Art, mehr oder minder erfolgreich, kamen zu Lebzeiten auf die Bühne; das wohl größte Renommee erlangte Purcell mit dem 1691 im Londoner Dorset Garden Theatre uraufgeführten »King Arthur« auf ein Libretto von John Dryden, dem seinerzeit prominentesten englischen Dichter und Dramatiker. Die Zusammenarbeit des gefeierten Poeten mit dem gleichfalls hoch gerühmten »Orpheus Britannicus« gestaltete sich äußerst fruchtbar: »King Arthur« war dabei das zweifellos ambitionierteste von mehreren gemeinsamen Unternehmungen.

    Das Geschehen selbst führt in eine unbestimmte, nur von vagen Legenden erhellte Geschichtsepoche hinein — in die Zeit der Auseinandersetzung von Arthur, dem König der Briten, mit Oswald, dem Anführer der Sachsen. Beide werden sie von mächtigen Zauberern unterstützt, Merlin auf der einen, Osmond auf der anderen Seite. Und schließlich geht es auch darum, die Liebe einer Frau zu gewinnen, der blinden Emmeline, die im Laufe des Stückes mithilfe magischer Kräfte das Augenlicht zurückgewinnt. Als Braut von Arthur gerät sie in die Hände von Oswald und Osmond, widersteht ihnen aber. Nachdem Arthur seinen Gegenspieler Oswald im Zweikampf gestellt und bezwungen hat, steht seinem Glück mit Emmeline — und zugleich dem zukünftigen Glück Britanniens — nichts mehr im Wege.

    Nicht zuletzt lässt sich die Handlung aber auch politisch lesen und deuten — der Untertitel »The British Worthy« (»Britanniens Würde«) verweist darauf. Eine wesentliche Dimension des Stückes liegt in der Verherrlichung der britischen Nation, die in der sagenhaften Gestalt von König Arthur einen ihrer Ursprünge hat. Der Gründungsmythos des Inselreiches ist ganz wesentlich auf den legendären »King« zentriert, weshalb Dryden und Purcell allein durch die Wahl des Sujets patriotische Gefühle ansprachen respektive erweckten. Nun wird der Mythos um Arthur, Merlin, Emmeline sowie ihre Gegenspieler neu gelesen und in neue Zusammenhänge gebracht. Für den Regisseur Sven-Eric Bechtolf, den Bühnenbildner Julian Crouch und den Dirigenten René Jacobs bleiben Drydens markante, zwischen Tiefsinnigkeit und Humor changierende Verse sowie Purcells ingeniöse Musik die essentiellen Bezugspunkte, von denen alles ausgeht und auf die alles hinführt, auch wenn die »Story« womöglich andere Wege nimmt und in andere Kontexte eingebettet wird. Eines aber dürfte sicher sein: »King Arthur«, jene stilistisch so vielgestaltige »dramatick opera«, die der Dichter und sein Komponist am Ende des 17. Jahrhunderts entworfen haben, wird auch in der Gegenwart gewiss ihre »Fans« und Bewunderer finden — zumal wenn das Theater alles daran setzt, sowohl für das Auge als auch für das Ohr etwas zu bieten.


    Detlef Giese