Jakob Lenz

Kammeroper in einem Akt und 13 Szenen von Wolfgang Rihm
Text von Michael Fröhling frei nach Georg Büchner

Dieses bleierne Gewicht der Welt - Ein Dichter in Not: Georg Nigl als trauriger Titelheld in Woflgang Rihms Kammeroper »Jakob Lenz«.

Dieses bleierne Gewicht der Welt - Ein Dichter in Not: Georg Nigl als trauriger Titelheld in Woflgang Rihms Kammeroper »Jakob Lenz«.


  • Lenz
  • Oberlin
    • Henry Waddington
  • Kaufmann
    • John Graham-Hall

  • Sopran 1
    • Irma Mihelic
  • Sopran 2
    • Olga Heikkilä
  • Alt 1
    • Sabrina Kögel
  • Alt 2
    • Stine Maria Fischer
  • Bass 1
    • Dominic Grosse
  • Bass 2
    • Eric Ander
  • Akrobat und Double Jakob Lenz
    • Martin Bukovsek

In deutscher Sprache mit Übertiteln
VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Referent: Roman Reeger

Einführungsmatinee am 02. Juli 2017

Symposion zum Musiktheater Wolfgang Rihms am 08. Juli 2017
Eine Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden mit der Staatsoper Stuttgart und dem Théâtre Royal de la Monnaie / de Munt Brüssel
  • Hintergrund

    Von ersten Anzeichen einer paranoiden Schizophrenie geplagt, sucht der Sturm-und-Drang- Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz Mitte Januar 1778 den Philanthropen, Sozialreformer und Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im elsässischen Waldersbach auf. Vermittelt durch den umtriebigen Literaten Christoph Kaufmann, der die Veränderung von Lenz’ Geisteszustand bemerkt hat, besteht Hoffnung, den Verlauf der Krankheit doch noch aufhalten zu können. Jedoch müssen Oberlin und Kaufmann bald mit ansehen, wie der von Stimmen getriebene und suizidale Lenz zunehmend den Kontakt mit seiner Umgebung zu verlieren scheint. Der Kommunikation unfähig, transformiert sich bei Lenz das Außen der vordergründigen Realität zu einer grotesk verzerrten Projektion ins Innere. Im Zustand jener seelischen Überspanntheit erhalten zwei gegensätzliche Pole in Lenz’ Welt eine besondere Präsenz: einerseits die Erinnerung an die vormals geliebte Friederike, andererseits jene quälenden Stimmen, welche gar vom Tod des Mädchens künden.

    60 Jahre nach diesen Vorfällen erscheint, posthum, Georg Büchners berühmte Erzählung, die den etwa 20-tägigen Aufenthalt Lenz’ bei Oberlin in Waldersbach mittels der zugrundeliegenden und über weite Strecken auch wörtlich zitierten Briefe von Lenz sowie den umfassenden Aufzeichnungen Oberlins eindrucksvoll nachzeichnen. Seine bahnbrechende literaturhistorische Bedeutung gewann Büchners Novelle nicht zuletzt aus der eindringlich-suggestiven Erzählweise und der Vermischung von fiktionalen und faktualen Beschreibungen.

    Als »eine Zustandsbeschreibung innerhalb eines Zerfallsprozesses« bezeichnete Wolfgang Rihm Büchners Erzählung und gibt hiermit zugleich einen Einblick in seine Auseinandersetzung mit der Figur Lenz, dessen Zustand er als eine »vollzogen[e] — aber noch nicht akzeptierte — Verstörung« benannte. In seiner 1977 bis 1978 entstandenen, auf Büchners Text basierenden Kammeroper, für die Rihm neben der literarischen Vorlage auch Gedichte des historischen Dichters Lenz sowie Briefpassagen Büchners verwendete, bleibt Lenz für den Betrachter auf paradoxale Art und Weise verborgen und transparent zugleich. Der Komponist versucht sich nicht an einer psychologisierenden »Ausleuchtung« seines Protagonisten im Sinne einer wie auch immer gearteten Erklärung von dessen Scheitern, sondern begreift diesen als das »Scheitern selbst«. In seiner Isolation der sich dauerhaft manifestiert habenden Verstörung bleibt Lenz gewissermaßen ein in unterschiedliche Stadien abgestufter Zustand, dessen genaue Beschreibung selbst das musikalische Narrativ bildet.

    Zu Beginn steht der sich aus drei Tönen (h-f-ges) zusammensetzende Grundklang der Kammeroper, welcher das gesamte Werk durchzieht und gewissermaßen das »Scheitern« der perfekten Harmonie symbolisiert, indem die klingende reine Quinte (»h-«ges) durch eine hinzugefügte kleine Sekunde gestört wird. So wie sich Wahrheit und Fiktion in Lenz’ Wahrnehmung vermischen und durchdringen, entsteht ein zwischen Tonalität und Atonalität changierendes Klanggewebe, das deutliche Bezüge zu expressionistischen Meisterwerken wie Schönbergs »Moses und Aron« und Bergs »Wozzeck« aufweist. Nicht zuletzt aufgrund seiner unheimlichen suggestiven Wirkungskraft und der Originalität des Zugriffs, der sich fernab jeglicher Dogmatik bewegt, gehört Jakob Lenz zu den am meisten gespielten Werken des zeitgenössischen Musiktheaters in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

    Andrea Breth, die im Schiller Theater mit großer Resonanz bereits »Wozzeck« und »Lulu«, die beiden Opern Alban Bergs, inszeniert hat, und deren tiefsinnige Deutung von Janáčeks »Katja Kabanowa« das Berliner Publikum ebenso stark beeindruckte, hat »Jakob Lenz« 2015 an der Staatsoper Stuttgart auf die Bühne gebracht. Ihre hochgelobte Regiearbeit beschließt den Premierenreigen 2016/2017.


    Roman Reeger

  • Medienpartner
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