Fidelio

Oper in zwei Aufzügen von Ludwig van Beethoven
Text von Joseph Sonnleithner und Friedrich Treitschke
frei nach der französischen Vorlage von Jean Nicolas Bouilly

»Wer ein holdes Weib errungen, stimm’ in unsern Jubel ein!« — so singen, mit euphorischer Emphase, (fast) alle Protagonisten und der Chor am Schluss von Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio«. Erhebende Momente gab es schon zuvor reichlich: Die dramatische ...

»Wer ein holdes Weib errungen, stimm’ in unsern Jubel ein!« — so singen, mit euphorischer Emphase, (fast) alle Protagonisten und der Chor am Schluss von Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio«. Erhebende Momente gab es schon zuvor reichlich: Die dramatische Befreiung eines unschuldig inhaftierten Gefangenen, der nur knapp einem Mordanschlag entgeht, die bewegende Wiedersehensfreude mit seiner Angetrauten, die all ihre Courage aufgebracht hat, um sich unter dem Namen Fidelio in die unterirdischen Gewölbe des Staatsgefängnisses einzuschmuggeln, dort ihren Gatten zu retten und ihm schlussendlich, überwältigt von der Größe des Augenblicks, seine Ketten löst.
Es ist die Geschichte einer unerschütterlichen Liebe, die Beethoven in seinem einzigen, an musikalischen Schönheiten so reichen Bühnenwerk verhandelt.
In der Inszenierung von Harry Kupfer feiert es am Tag der Deutschen Einheit im Schiller Theater Premiere. Das Dirigat liegt in den Händen von Daniel Barenboim.



    In deutscher Sprache
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Referent: Detlef Giese
    • Handlung

      In einem Staatsgefängnis nahe Sevilla ist Florestan eingekerkert, seit zwei Jahren schon. Er hatte es gewagt, die Verbrechen von Don Pizarro aufzudecken, der als Gouverneur dem Gefängnis vorsteht. Von Florestan, den Pizarro willkürlich im untersten Verlies angekettet hält, darf nichts nach außen dringen. Leonore, die Ehefrau Florestans, hat die Suche nach ihrem vermissten Gatten jedoch noch nicht aufgegeben. Inständig hofft sie, ihn zu finden und befreien zu können. Als Mann verkleidet ist sie in die Dienste des Gefängniswärters Rocco getreten. Sie nennt sich Fidelio.


      I. AKT

      Marzelline, Roccos Tochter, ist in Fidelio verliebt, der sich als tüchtiger Helfer erwiesen hat. Der Pförtner Jaquino, der Marzelline gerne heiraten möchte, hat das Nachsehen. Rocco wäre sehr froh, wenn Fidelio sein Schwiegersohn würde, Leonore hingegen fürchtet, in ihrer wahren Identität entdeckt zu werden und bei ihrem Vorhaben zu scheitern.
      Don Pizarro erhält die Nachricht, dass der Minister auf dem Weg ist, um das Gefängnis zu untersuchen. Wenn herauskommt, dass er Florestan hier gefangen hält, wird er zur Rechenschaft gezogen werden. Pizarro beschließt, Florestan zu töten und danach alle Spuren zu verwischen. Rocco soll ihm dabei behilflich sein. Der Gefängniswärter weigert sich zwar, Florestan zu ermorden, im unterirdischen Gewölbe wird er aber das Grab bereiten.
      Leonore hat von Pizarros Plänen erfahren. Mit allen Mitteln will sie die Tat vereiteln. Sie überredet Rocco, gemeinsam mit ihm in den verborgenen Kerker hinabsteigen zu dürfen, wo sie Florestan vermutet. Zuvor schon hat sie ihn dazu bewegen können, die Kerkertore für die »leichteren« Gefangenen zu öffnen; Florestan ist nicht darunter. Die Gefangenen genießen es, zumindest für einen kurzen Moment an Luft und Sonne zu sein, bevor Pizarro sie wieder einschließen lässt. Er dringt auf eine schnelle Erledigung der Angelegenheit, während Rocco und Leonore dem Fortgang des Geschehens mit Furcht entgegensehen.


      II. AKT

      Tief unten im Kerker beklagt Florestan sein Schicksal, obwohl er sein Streben nach Wahrheit keineswegs bereut. In einer fieberhaften Vision erscheint ihm seine Frau Leonore.
      Rocco und Leonore sind hinab gestiegen und beginnen damit, das Grab auszuheben. Noch hat Leonore nicht erkennen können, ob es sich bei dem Gefangenen tatsächlich um Florestan handelt. Dennoch will sie ihn unter allen Umständen retten. Florestan bittet um ein wenig Essen und Trinken; Rocco erfüllt ihm diesen vermeintlich letzten Wunsch.
      Auf ein Signal Roccos erscheint Pizarro. Er gibt sich Florestan zu erkennen und schreitet zum Mord an seinem Gegner. In höchster Gefahr wirft sich Leonore schützend vor Florestan. Sie enthüllt, dass sie Florestans Gattin ist und zwingt Pizarro mit vorgehaltener Pistole zur Aufgabe. Ein Trompetensignal kündigt das Eintreffen des Ministers an. Pizarro wird nach oben geführt, Leonore und Florestan sind wieder glücklich vereint.
      Im Beisein der Gefangenen und des Volkes verkündet der Minister Don Fernando, allen Fällen von Unrecht und Tyrannei nachgehen zu wollen. In dem vor ihm gebrachten Gefangenen erkennt er seinen Freund Florestan, den er tot glaubte. Rocco berichtet über das Geschehene, das die Anwesenden staunen macht, während Marzelline tief enttäuscht ist.Der Minister fordert Leonore auf, ihrem Mann die Ketten abzunehmen. Er gibt Florestan die Freiheit wieder, Pizarro aber wird er vor Gericht stellen. Alle spüren die Magie des Augenblicks und feiern die mutige Rettungstat Leonores.

    • Hintergrund

      »Wer ein holdes Weib errungen, stimm’ in unsern Jubel ein!« — so singen, mit euphorischer Emphase, (fast) alle Protagonisten und der Chor am Schluss von Beethovens »Fidelio«. Erhebende Momente gab es schon zuvor reichlich: die dramatische Befreiung eines unschuldig inhaftierten Gefangenen, der nur knapp einem Mordanschlag entgeht, die bewegende Wiedersehensfreude mit seiner Angetrauten, die all ihre Courage aufgebracht hat, um ihren Gatten zu retten und die, überwältigt von der Größe des Augenblicks, ihm seine Ketten löst. Leonore und Florestan — das ist zweifellos ein denkwürdiges Paar der Oper, deren Worte und Taten im Gedächtnis haften bleiben.

      »Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen! Erhell’ mein Ziel, sei’s noch so fern, die Liebe wird’s erreichen!« — so eindringlich hatte Leonore zuvor ihr risikoreiches Vorhaben beschworen, in einem Moment, als es nur wenig Aussicht auf Gelingen gab. Die »Pflicht der treuen Gattenliebe« lenkt und leitet sie, unbeirrt, über alle sich auftürmenden Hürden hinweg. Und schließlich ist es in der Tat die Liebe, durch die Florestan seine Freiheit wiedergewinnt — im Bunde mit dem unbändigen Mut Leonores, die alles auf sich genommen hat, um nach langem Leiden jene »namenlose Freude« erleben zu dürfen, wieder mit ihrem Gatten vereint zu sein.

      Ein Stück über die Liebe ist Beethovens Oper, zuallererst und überhaupt. Das Werk, an dem der Komponist immer wieder arbeitete, orientiert sich dabei am Typus der sogenannten »Rettungsoper«, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert europaweit populär war. Nicht von ungefähr sind ihre Ursprünge mit der Französischen Revolution verbunden, die so hochgestimmt und wirkungsmächtig ein Ideal von »Freiheit« propagierte. Auch davon dürfte Beethoven angesprochen worden sein — anders ist die Begeisterung, mit dem er sich 1803 dem Sujet von »Léonore, ou l’Amour conjugal« (»Leonore oder Die eheliche Liebe«) aus der Feder des französischen Literaten und Politikers Jean Nicolas Bouilly zuwandte, nicht zu deuten. Der Wiener Hoftheatersekretär Joseph Sonnleithner hatte eine deutsche Fassung des bereits 1798 von einem Komponisten namens Pierre Gaveaux vertonten Librettos angefertigt, auf die Beethoven liebend gerne zurückgriff. Dass der Stoff auch anderswo auf Gefallen traf, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass nahezu zeitgleich, 1804, in Dresden ein Werk mit dem Titel »Leonora« von Ferdinando Paër, einem damals sehr prominenten italienisch-österreichischen Opernmeister, auf die Bühne kam. Und auch der aus Bayern stammende, in Italien wirkende Johann Simon Mayr schrieb nach Bouillys Textvorlage einen Einakter, der 1805 in Padua in Szene ging.

      Für Beethoven war es, so ließe sich zumindest aus der Retrospektive heraus sagen, eine gute Wahl. Zwar sollte es sein einziges Bühnenwerk bleiben (trotz zahlreicher weiterer Projekte, bei denen es indes stets bei ersten Ideen oder Entwürfen blieb), gleichwohl brachte er eine singuläre Oper in die Welt. Einerseits war er dabei nah am Puls der Zeit — man denke nur an die berühmten, beim zeitgenössischen Publikum auf ein enormes Echo stoßenden »Rettungsopern« Luigi Cherubinis —, zum anderen wies seine Musik weit über den historischen Moment ihrer Entstehung hinaus. Ähnlich wie in seinen Sinfonien, aber auch in vielen seiner avancierten Klavier- und Kammermusikwerke, wohnt auch seiner Oper etwas Utopisches inne — etwas, das sich, jenseits des real Möglichen, kaum je einlösen lässt, bei dem der Wunsch aber, dass es doch gelingen möge, letztlich größer ist als alle Widerstände.

      Drei Anläufe hat Beethoven benötigt, um seinem Werk Gestalt zu geben. Auf eine erste Version, »Fidelio« oder Die eheliche Liebe, die im Herbst 1805 ohne größere Resonanz lediglich drei Aufführungen im Theater an der Wien erlebte,folgtean gleicher Stätte im kommenden Jahr eine Neufassung namens Leonore oder Der Triumph der ehelichen Liebe — trotz des sehr erfreulichen Zuspruchs zog Beethoven seine Partitur wieder zurück. Ein dauerhafter Erfolg wurde der Oper jedoch erst nach diversen textlichen und musikalischen Umformungen ab 1814 zuteil, als sie im Wiener Kärntnertor-Theater der interessierten Öffentlichkeit präsentiert wurde, nunmehr unter dem ebenso einfachen wie griffigen Titel »Fidelio«. Beethovens Aussage, dass »beinahe kein Musikstück sich gleich geblieben, und mehr als die Hälfte der Oper ganz neu komponiert worden ist«, lässt das Bestreben erkennen, sein Werk noch einmal grundsätzlich zu überdenken. Eines aber, das Zentrum gewissermaßen, hat sich aber nicht bewegt: das Vertrauen auf die Stärke der dramatischen Handlung, die zugleich die Stärke einer unbedingten, durch nichts zu erschütternden Liebe ist. Und so kann Florestan am Ende singen: »Wer ein solches Weib errungen, stimm’ in unsern Jubel ein! Nie wird es zu hoch besungen, Retterin des Gatten sein.«


      Detlef Giese

    • Medienpartner
      Medienpartner