Elektra

Tragödie in einem Aufzug von Richard Strauss
Text von Hugo von Hofmannsthal

Wie ein Rufen aus der Vorzeit - Chéreaus eindrückliche »Elektra« ist endlich in Berlin zu erleben.

Tiefe menschliche Gefühle lässt die »Elektra«-Inszenierung des im Oktober 2013 verstorbenen französischen Regisseurs Patrice Chéreau klar und deutlich ...

Wie ein Rufen aus der Vorzeit - Chéreaus eindrückliche »Elektra« ist endlich in Berlin zu erleben.

Tiefe menschliche Gefühle lässt die »Elektra«-Inszenierung des im Oktober 2013 verstorbenen französischen Regisseurs Patrice Chéreau klar und deutlich hervortreten. Endlich kommt die eindrückliche Inszenierung der monumentalen Oper für dramatische Stimmen und Riesenorchester des Fin-de-Siècle-Komponisten Richard Strauss unter der Leitung von Daniel Barenboim und mit der atemberaubenden Evelyn Herlitzius in der Titelrolle nach Berlin.



    In deutscher Sprache mit Übertiteln
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Referent: Detlef Giese

    Einführungsmatinee am 16. Oktober 2016
    Eine Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden mit dem Teatro alla Scala di Milano, dem Festival d’Aix-en-Provence, der Metropolitan Opera New York, der Finnish National Opera Helsinki, und dem Gran Teatre del Liceu Barcelona
    • Hintergrund

      Kein Zweifel, diesem Anfang wohnt ein Zauber inne. Doch ist es der Zauber des Schaurig-Düsteren, des Mythisch-Grausamen: »Agamemnon, Agamemnon! « ruft die von ihrer Familie gedemütigte und gepeinigte mykenische Königstochter Elektra gleich zu Beginn auf der Schwelle jenes Palastes, den zu betreten man ihr verwehrt. Wenig Wunder, dass ihre Äußerungen in der Folge größtenteils aus Klagen, Prophezeiungen, Beschwörungen und Flüchen bestehen. Und kein Ausweg, nirgends: Nach Dialogen mit ihrer Mutter Klytämnestra, ihrer Schwester Chrysothemis und ihrem Bruder Orest erfüllt Letzterer schließlich Elektras Verlangen, gleichsam ihr Lebensziel: Gleiches wird mit Gleichem vergolten. Es waltet biblische Rohheit; eine Rohheit, die jeden moralisch und humanistisch-empathisch empfindenden Menschen nur erschrecken kann. Und doch tragen letztlich alle Menschen auch diese Urgewalten in sich und sind gezwungen, immer wieder mit ihnen zu ringen.

      Im Jahre 1903 sah Richard Strauss das auf Sophokles’ Tragödie basierende Theaterstück »Elektra« von Hugo von Hofmannsthal in einer Inszenierung Max Reinhardts — wie zuvor auch schon »Salome« am Berliner Kleinen Theater Unter den Linden — und verständigte sich daraufhin mit dem feinnervigen Wiener Fin-de-Siecle-Schriftsteller über eine Opernfassung. Der ursprüngliche Schauspieltext »Elektra« wurde mit Ausnahme weniger Striche und kleiner Änderungen fast eins zu eins für die Opernkomposition übernommen; er gehört gewiss zu den schönsten und poetischsten Libretti der in der Zusammenarbeit mit Hofmannsthal entstandenen Opern.

      Bereits beim bloßen Lesen entwickelt der Text seine archaisch-wilde Kraft: »Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab! So wie aus umgeworfenen Krügen.« Hofmannsthal kleidet Brutalität in ein poetisches Gewand, ganz wie man es aus griechischen Sagen kennt. Beide — sowohl derDichter als auch der Komponist — fühlten sich, dem Zeitgeist der Jahrhundertwende entsprechend, von der Wiederbelebung und Psychologisierung mythologischer Stoffe im Gewand des modernen Dramas angezogen. Das blutrünstige, dämonische und ekstatische Griechentum mit seinen grausamen Sagengeschichten bedeutete in Anlehnung an Nietzsches Dionysos- Kult ein Aufbäumen gegen das verstaubte, bildungsbürgerlich-klassizistische Ideal der Antike. Dabei ist der Elektra-Mythos so alt wie das Theater selbst. Vor zweieinhalbtausend Jahren von Aischylos, Sophokles und Euripides weitergetragen und später von Hofmannsthal in die Sprache der Moderne überführt, entwickeln die Figuren sowohl der Elektra als auch ihrer Schwester und ihrer Mutter neue psychologische Durchschlagkraft. Dennoch ist Elektra nicht allein auf die psychologisch-pathologische Ebene festzulegen, die — auf Freuds Abhandlungen zur Hysterie bezugnehmend — einen »Geier im Leib« trägt, in sexueller weiblicher Frustration lebt und, in Anlehnung an den Ödipus- Komplex, eine schicksalhafte Vaterliebe ausbadet. Auch wenn Sigmund Freud sicherlich ein Ideengeber war, so erweist er sich als Schlüssel zum Verständnis eher problematisch, wenn man bedenkt, dass Freud nicht den Ausgangspunkt, sondern nur Bezugspunkte für die literarische Bearbeitung des Stoffes lieferte. Hofmannsthal bestätigte seine subjektive Arbeitsweise in einem Brief: »[…] ich habe die Gestalten so behandelt, wie ich sie gesehen habe, meine Intention war ganz pietätlos, etwas zu machen, das auf die Menschen unserer Zeit wirken kann und zwar nicht auf die Bildungsgefühle in ihrem Kopf, sondern auf die gewöhnlichen menschlichen Gefühle.« Dem Dichter geht es demnach eher um triviale Gefühle als um krankhaft veränderte Emotionen.

      Eben diese tiefen menschlichen Gefühle ließ Patrice Chéreau in seiner legendären Regiearbeit von 2013 — eine Koproduktion des Opernfestivals von Aix-en-Provence mit der Staatsoper im Schiller Theater, dem Théâtre Royal de la Monnaie Brüssel, der Metropolitan Opera New York sowie den Opernhäusern in Helsinki und Barcelona, die nun endlich auch in Berlin zu erleben ist — klar und deutlich hervortreten. Immer den Spuren des Librettos folgend, bezog er sich zudem auf die Literatur selbst, indem er mittels der gespenstisch alptraumhaften Atmosphäre die Shakespearesche Hamlet-Figur ins Licht holte. Hofmannsthal hatte im Zusammenhang mit der Elektra auf den dänischen Prinzen verwiesen; jener sei ihm gewichtiger Anlass gewesen, das Stück zu schreiben. Insbesondere ihr Verhältnis zur Tat verbindet beide Figuren: Elektra wie Hamlet wollen diese Tat, trachten nach ihr, sind aber außerstande, sie eigenhändig zu vollbringen; Ausdruck einer abgrundtiefen Verzweiflung und Ohnmacht.

      Patrice Chéreaus Inszenierung, letzter Geniestreich des im Oktober 2013 Verstorbenen — rückte das wirkungsmächtig in den Fokus. Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Richard Peduzzi gelang es dem Regisseur auf eindrucksvolle Weise, die mythologische Dimension der antiken Handlung heraufzubeschwören. Die Bühne präsentiert sich als Palast von Mykene, als historischer Schauplatz, mit monumentalem Torbogen, Löwentor und Treppenrampe, welche den Eingang zur Stadt und zum Palast der antiken Anlage des Agamemnon andeuten — ebendort, wo in den 1870er Jahren der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann seine berühmten Ausgrabungen vorantrieb. Elektra ist bei Chéreau weder Heldin noch Beherrscherin der Bühne. Vielmehr ist sie exakt jenes »arme Geschöpf«, für das sie ihre Schwester Chrysothemis hält. In Lumpen gekleidet, bei den Hunden auf dem Hof lebend, wartet sie auf Vergeltung an ihrer Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Aegisth, um den heimtückischen Mord an ihrem Vater zu rächen. Evelyn Herlitzius verkörpert diese Partie mit einer reichen Palette an menschlichen Gefühlen wie Hass, Angst, Schwäche, Überheblichkeit, Zärtlichkeit, Innigkeit, abgrundtiefer Traurigkeit, Selbstüberschätzung, Besessenheit, Sarkasmus …

      Zwei Jahre lang schrieb Richard Strauss an seiner Oper für Riesenorchester und dramatische Stimmen, die am 25. Januar 1909 an der Dresdner Hofoper uraufgeführt wurde und trotz der immensen Herausforderungen im Blick auf die Gesangspartien und den gigantischen Orchesterapparat rasch auf den Spielplänen der großen Häuser Fuß fasste. Elektra ist wie ein Rufen aus der Vorzeit, ein stilisierter Mythos aus wilden, vorzeitlichen Tagen. Zugleich ist es eine betörende Musik, die in der Staatsoper im Schiller Theater nun in den Händen von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin liegt. Und dieser Kombination wohnt ganz zweifelsohne ein enormer Zauber inne.


      Irene Flegel