Die ZarenbrautZarskaja newesta

Oper von Nikolai Rimsky-Korsakow

Daniel Barenboim eröffnet die Saison mit einem zentralen Werk der slawischen Opernliteratur, das hierzulande viel zu wenig bekannt ist: »Die Zarenbraut« von Nikolai Rimsky-Korsakow. Regie führt Dmitri Tcherniakov, der seit seinem Boris Godunow an der ...

Daniel Barenboim eröffnet die Saison mit einem zentralen Werk der slawischen Opernliteratur, das hierzulande viel zu wenig bekannt ist: »Die Zarenbraut« von Nikolai Rimsky-Korsakow. Regie führt Dmitri Tcherniakov, der seit seinem Boris Godunow an der Staatsoper Unter den Linden 2005, seiner ersten Arbeit außerhalb Russlands, einer der gefragtesten Opernregisseure weltweit ist.


Die Moskauer Alexandrowkische Vorstadt, im Herbst des Jahres 1571. In Russland herrscht Zar Iwan IV., von seinen Zeitgenossen »Grosny« (eigentlich »der Strenge«, zumeist aber mit »der Schreckliche « übersetzt) genannt. Mit Hilfe seiner Leibgarde, den Opritschniki, hat er ein regelrechtes Terrorregime errichtet, das Wenige begünstigt und Viele unterdrückt. Als Witwer drängt es ihn, sich erneut, zum mittlerweile dritten Mal, zu vermählen. Nicht weniger als 2000 junge Frauen werden ihm vorgestellt, eine von ihnen soll seine Braut werden. Die Wahl des Zaren fällt auf die schöne Marfa Sobakina, die Tochter eines Kaufmanns aus Nowgorod. Sie liebt zwar den Bojaren Iwan Lykow, beugt sich aber dem Willen des Monarchen und dem Wunsch ihres Vaters.

Eingebettet ist diese Brautschau in eine tragische Geschichte von Liebe, Eifersucht, Intrige, Verrat und Tod. Denn kurz nach der Hochzeit erkrankt Marfa und stirbt unter mysteriösen Umständen. Offensichtlich war Gift im Spiel – wer es gemischt und wann wem gegeben hat, kommt erst am Ende wirklich ans Licht. Gleich mehrere Personen sind in das undurchsichtige Geschehen verwickelt: der einflussreiche, machtbewusste Opritschnik Grigory Grjasnoj ebenso wie dessen frühere, zunehmend verzweifelter werdende Geliebte Ljubascha und des Zaren skrupelloser Leibarzt Bomelius. Der Zar selbst tritt nur einmal stumm auf, häufiger kommt jedoch die Rede auf ihn – und auch musikalisch ist er überaus präsent. Mehrfach erklingt seine Hymne, seine Anhänger singen ihm Lob, und doch liegt der Schatten seiner Schreckensherrschaft drohend über allem.

Nikolai Rimsky-Korsakow, der jüngste Vertreter des sogenannten »Mächtigen Häufleins«, das sich dem Aufbau einer national geprägten russischen Musikkultur verschrieben hatte, wollte mit seiner Zarenbraut eine große tragische Oper vor einem realen geschichtlichen Hintergrund schreiben, ähnlich wie Mussorgsky mit »Boris Godunow«. Die damals wie heute umstrittene Gestalt von Zar Iwan Grosny hatte Rimsky-Korsakow bereits in seinem ersten Opernwerk »Das Mädchen von Pskow« von 1868 in den Mittelpunkt gestellt. Drei Jahrzehnte später nun komponierte er »Zarskaja Newesta« (»Die Zarenbraut«) – die neunte seiner insgesamt fünfzehn Opern – nach dem von ihm hochgeschätzten gleichnamigen Drama von Lew Mej, dessen Handlung und Figurenkonstellation er im Wesentlichen beibehielt.

Musikalisch orientierte sich Rimsky-Korsakow weniger an Mussorgsky und den ästhetischen Prinzipien des »Mächtigen Häufleins«, sondern weit stärker an Michail Glinka, dem 1857 in Berlin verstorbenen Begründer der russischen Operntradition. Statt einer möglichst realistischen Deklamation des Textes setzte er in der »Zarenbraut« auf fest umrissene musikalische Formen wie Arien, Duette, Ensembles und Chöre.

Das 1899 in Moskau uraufgeführte Werk gehört unzweifelhaft zu den Höhepunkten der Opernliteratur der Zeit. Rimsky-Korsakow hat eine ungemein farbige Partitur geschrieben, mit attraktiven Aufgaben für die Sängerinnen und Sänger der Hauptpartien sowie für Chor und Orchester. Viele Melodien erinnern an russische Folklore, wenngleich der Komponist auf direkte Zitate verzichtete. »Die Zarenbraut« ist ein vielschichtiges Werk sowohl im Blick auf das gewählte Sujet, das ein in Mittel- und Westeuropa nicht allzu gut bekanntes Kapitel der russischen Historie reflektiert, als auch hinsichtlich ihrer Musik, die in vielen Teilen sicher zum Eindrucksvollsten zählt, was Nikolai Rimsky-Korsakow komponiert hat.

(Detlef Giese)



    In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    voraussichtlich 3:00 h | inklusive 1 Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Eine Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden mit dem Teatro alla Scala di Milano
    • Handlung

      ERSTER AKT
      Der angesehene Opritschnik Grigorij Grjasnoj ist tief verzweifelt. Er hat sein Herz an Marfa Sobakina verloren, und sein Heiratsantrag ist abgewiesen worden. Marfa ist bereits Iwan Lykow versprochen, der unlängst aus dem Ausland zurückgekehrt ist.

      Um auf andere Gedanken zu kommen, veranstaltet Grjasnoj ein Fest für die Opritschniks, zu dem er auch den Arzt Jelissej Bomelius einlädt, der für seine besonderen Heil- und Wundermittel bekannt ist.

      Auch Marfas Verlobter Lykow sowie der hochrangige Opritschnik Maljuta-Skuratow sind unter den Gästen.

      Maljuta lässt Ljubascha, die Geliebte Grjasnojs, holen. Genötigt, sich zu den Opritschniks zu gesellen, weiß sie die Anwesenden zu betören.

      Als sich die Gesellschaft auflöst, bittet Grjasnoj den Arzt, noch zu bleiben. Er stellt Bomelius eine großzügige Belohnung in Aussicht, wenn dieser ihm ein Mittel verschafft, das ihm dabei helfen kann, eine Frau zu erobern.

      Ljubascha belauscht ihre Unterhaltung. Von Eifersucht gequält, versucht sie, Grjasnoj, dessen Gefühle zu ihr längst erkaltet sind, zu einem klärenden Gespräch zu bewegen; er aber weicht ihr aus. Besessen davon, Grjasnoj nicht zu verlieren, ist Ljubascha zu allem bereit.

      ZWEITER AKT
      Im Volk wird über nichts anderes gesprochen als über die bevorstehende Brautschau des Zaren; die schönsten jungen Frauen sind dazu versammelt worden. Der Zar soll eine Braut wählen.

      Wassilij Sobakins Tochter Marfa ist voller Vorfreude auf das Treffen mit ihrem zukünftigen Bräutigam Iwan Lykow. Ihrer Freundin Dunjascha vertraut sie ihre tiefsten Gefühle an.

      Sobakin lädt Lykow zu sich nach Hause ein.

      Ljubascha findet heraus, wo Marfa wohnt, und beobachtet sie heimlich. Verblüfft von Marfas Schönheit, entschließt sie sich zu einer extremen Maßnahme: Sie erbittet von Bomelius ein Gift, um es mit Grjasnojs Liebestrank zu vertauschen. Als Preis für seine Dienste fordert Bomelius eine Liebesnacht mit Ljubascha. In die Verzweiflung getrieben, willigt sie ein.

      DRITTER AKT
      Im Hause der Sobakins sind die Vorbereitungen für die Vermählung von Marfa und Lykow in vollem Gange. Sobakin gesteht dem zukünftigen Bräutigam, dass Marfa und ihre Freundin Dunjascha zur Brautschau des Zaren geladen wurden. Lykow ist beunruhigt. Auch Grjasnoj, der sich Lykow als Trauzeuge aufgedrängt hat, ist aufgewühlt.

      Dunjaschas Mutter Domna Saburowa kehrt mit Neuigkeiten von der Brautschau zurück: Sie ist sich sicher, dass der Zar ein Auge auf ihre Tochter geworfen hat. Nun kann Sobakin guten Mutes die Verlobung seiner Tochter mit Lykow feiern. Grjasnoj nutzt die Gelegenheit, füllt die Gläser der Verlobten auf und schüttet dabei unbemerkt Bomelius’ Mittel in Marfas Wein. Kaum hat sie ihr Glas geleert, ereilt sie die Nachricht, dass der Zar Marfa Sobakina zu seiner Braut erkoren hat.

      VIERTER AKT
      Wassilij Sobakin ist tief bestürzt: Seine Tochter Marfa ist überraschend schwer erkrankt, kurz nachdem sie die Braut des Zaren geworden ist.

      Girgorij Grjasnoj berichtet Marfa, dass Lykow unter Folter gestanden hätte, die Zarenbraut vergiftet zu haben, wofür er auf Befehl des Zaren hingerichtet wurde. Die schlimme Botschaft bringt Marfa völlig um den Verstand. In ihrer geistigen Umnachtung meint sie in Grjasnoj ihren geliebten Bräutigam Lykow zu erkennen. Sie schwärmt von der Vermählung mit ihm, und gleich einem Alptraum wird ihr die Wahl zur Zarenbraut wieder gegenwärtig.

      Als Grjasnoj Marfas Wahn sieht, wird er sich mit Entsetzen darüber bewusst, wohin seine Hoffnungen geführt haben: Statt Marfa für sich zu gewinnen, hat er sie zugrunde gerichtet. Die Seelenpein lässt ihm keine Ruhe, schließlich bekennt er sich zu seiner Tat: Er hat Marfa vergiftet und den unschuldigen Lykow verleumdet.

      Ljubascha erscheint und gesteht, dass das Mittel nicht von Bomelius ausgetauscht wurde, sondern von ihr. Außer sich vor Wut tötet Grjasnoj Ljubascha und fleht die sterbende Marfa um Vergebung an.

    • Pressestimmen

      »Der Regisseur Dmitri Tcherniakov ist ein Perfektionist, Daniel Barenboim ein Phantast. Die beiden schafften es, diesen fetten, alten russischen Schmachtfetzen vom Folklorefilz zu befreien und in die Fernsehwelt zu beamen. Es ist die bislang beste Opernaufführung der Wintersaison. Herrlich lodernde Musiken gibt es in der Berliner Staatsoper, atemberaubende Bilder.« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Januar 2014)

      »Daniel Barenboim und seine Berliner Staatskapelle fächern die orchestrale Pracht dieses Werkes in feinsten Schattierungen auf und bringen Poesie und wechselnde Stimmungen dieser Musik atmosphärisch zur Geltung. Tcherniakov spürt in seiner Inszenierung genau den Nerv dieser Oper auf… Triumph für die ›Zarenbraut‹ in Berlin.«
      (FAZ, 5. Oktober 2013)

      »Sensationelle Wiederentdeckung. Selten, sehr selten gelingt im Musiktheater, was Walter Felsenstein, der Erfinder der modernen Regie, stets anstrebte: dass nämlich Gesang und Spiel eins werden, optische Inszenierung und musikalische Interpretation zur gesamtkunstwerklichen Einheit verschmelzen. Atemberaubend virtuos katapultiert Dmitri Tcherniakov die historische Handlung mit ihren billigen Zaubertrank-Tricks ins Heute. Mit rückhaltlos begeistertem Applaus versucht sich das Publikum am Ende aus kollektiver Erschütterung zu befreien. Dabei weiß jeder im Saal: Dieser Abend wird noch lange nachklingen.«
      (Der Tagesspiegel, 5. Oktober 2013)

      »Rimsky-Korsakow war ein Meister der Melodie, und hat in der Staatsoper Sängerinnen und Sänger gefunden, die ihm alles geben, was er sich wünschen mochte. Es beginnt mit Martin Kränzle, der mit seinem sparsamen und klug artikulierten Bariton die Vorlage gibt für den Auftritt von Anita Rachvelishvili. Die Stimme dieser jungen Georgierin ist ein kaum fassbares Wunder an Kraft, Schönheit und Musikalität. Und es endet im Wahnsinn der Zarin, gesungen von Olga Peretyatko. Sie klingt heller und leichter: die ideale Ergänzung ihrer Kollegin.«
      (taz, 7. Oktober 2013)

      »Die Farbigkeit und Mühelosigkeit dieser Musik bezaubert. Die Staatskapelle unter Daniel Barenboim spielt das mit viel Sinn für die feinen Klänge und den eleganten Fluss dieser Musik, gesungen wird durchweg beeindruckend: Johannes Martin Kränzle als hinterlistiger Grjasnoj gibt mit Weichheit wie schneidender Härte seiner Figur die nötige Unberechenbarkeit; Pavel Cernoch als Lykow betört mit jugendlich-jungenhaftem Tenor. Überstrahlt werden sie noch von den beiden Frauenstimmen: Anita Rachvelishvili, die die tragische Figur der Ljubascha mit viel Empathie und Dramatik singt, und Olga Peretyatko als Zarenbraut Marfa mit geschmeidigem Sopran.«
      (Berliner Zeitung, 5. Oktober 2013)

      »Eine selten geschlossene Produktion, auf allerhöchstem Niveau bis in die kleinsten Rollen.«
      (Die Welt, 5. Oktober 2013)

      »Daniel Barenboim am Pult der Berliner Staatskapelle erinnert sich unter Hochdruck seiner russischen Wurzeln, lässt Emotionen und Klangbilder der Partitur mit Wucht lodern und wuchern: von Erregung durchwirkt die melodischen Linien, farbstark augetragen die meisterliche Instrumentation.«
      (Süddeutsche Zeitung, 5. Oktober 2013)