Der Freischütz

Oper von Carl Maria von Weber

Nicht ein Held, sondern die Natur, insbesondere der deutsche Wald, ist Hauptdarsteller im »Freischütz«, und die handelnden Personen erscheinen nur als seine Symbole. In der mystischen Atmosphäre des Waldes gedeihen in gleicher Weise das fröhliche Treiben ...

Nicht ein Held, sondern die Natur, insbesondere der deutsche Wald, ist Hauptdarsteller im »Freischütz«, und die handelnden Personen erscheinen nur als seine Symbole. In der mystischen Atmosphäre des Waldes gedeihen in gleicher Weise das fröhliche Treiben des Jagdlebens und das finstere Walten der dämonischen Mächte. Webers geniale Phantasie wusste beide Welten, die heimelige wie die unheimliche, durch die Ausdruckskraft seiner Musik packend zu gestalten. Unvergängliche Melodien, die lebendige musikalische Zeichnung und nicht zuletzt eine dem Denken und Fühlen des Volks entsprechende Gestaltung des Stoffes verleihen Webers Werk eine seltene Volkstümlichkeit.

  • Musikalische Leitung
  • Inszenierung
    • Nikolaus Lehnhoff
  • Bühnenbild und Kostüme
    • Tobias Hoheisel


    2:55 h | inklusive 1 Pause
    • Handlung

      ERSTER AUFZUG
      Beim Sternschießen gewinnt der Bauer Kilian gegen den Zweiten Jägerburschen Max den Schützen-preis. Für die Bauern ist das nur ein Anlass zum Spott, für Max aber ein Grund ernster Sorge, er könne vom Schützenglück verlassen sein – gerade jetzt, wo es ganz besonders darauf ankommt. Denn Max liebt Agathe, das einzige Kind des Erbförsters Kuno, und sie liebt ihn. Um Agathes Hand und damit zugleich das Anrecht auf die Erbförsterei zu erhalten, muss Max jedoch nach altem Brauch einen erfolgreichen
      Probeschuss ablegen. Die seit Urvater Kunos Zeiten vom Fürsten selbst verordnete Probe wird so über das Schicksal des Paares entscheiden. Aus Angst vor dem eigenen Versagen lässt sich Max vom Ersten Jägerburschen Kaspar, der selbst einmal erfolglos um Agathe geworben hat, in die Arme dunkler Mächte treiben: Kaspar verspricht Max, ihm Freikugeln zu verschaffen – magische Kugeln, die ihr Ziel immer treffen. Er soll ihn um Mitternacht in der Wolfsschlucht treffen.


      ZWEITER AUFZUG
      Agathe ist ein Portrait des Urvaters Kuno auf den Kopf gefallen und hat sie verletzt. Sie wartet sehnsüchtig auf Max. Ännchen, eine unverheiratete Verwandte, versucht, die bekümmerte Braut aufzuheitern. Agathe erzählt von den geweihten Rosen, die ihr ein frommer Eremit geschenkt hat, sie geben ihr Hoffnung und Zuversicht. Endlich kehrt Max heim, doch Agathes Erleich-terung schlägt in Entsetzen um, als dieser sich auf den Weg in die Wolfsschlucht macht. Max wird in der Wolfsschlucht von Kaspar erwartet, der vor einiger Zeit einen Pakt mit dem Schwarzen Jäger Samiel geschlossen hat. Nun hat Kaspar nur noch einen Tag zu leben – es sei denn, es gelingt ihm, Samiel eine andere Menschenseele zu verschaffen. Dann kann die Frist verlängert werden. Trotz düsterer Visionen klettert Max zu dem verabredeten Treffen in die Wolfsschlucht hinab – und begleitet von größten Unheimlichkeiten ist er zugegen, wie Kaspar sieben magische Freikugeln beschaffen kann.


      DRITTER AUFZUG
      Agathe ist allein in ihrem Zimmer. Sie deutet einen Albtraum als schlechtes Vorzeichen und sucht Trost im Gebet. Ännchen kommt hinzu und bemüht sich, Agathe mit bodenständigeren Traumerklärungen aufzumuntern. Die Brautjungfern erscheinen, um Agathe ihre Brautkrone zu bringen, doch die mitgebrachte Schachtel enthält einen Totenkopf. Agathe beschließt, ihre Brautkrone aus den weißen Rosen des Eremiten winden zu lassen. Kaspar hat seine Freikugeln bereits verschossen; Max besitzt nur noch eine einzige, die er für den Probeschuss aufgehoben hat. Nur Kaspar weiß, dass bei dieser siebten Samiel selbst die Flugbahn bestimmen kann. Fürst Ottokar bestimmt eine weiße Taube zum Ziel von Max' Probeschuss. Max schießt, und Agathe und Kaspar sinken zu Boden. Agathe ist jedoch nur ohnmächtig geworden – die geweihten Rosen des Eremiten haben sie vor Samiels Macht geschützt. Kaspar aber, von Max tödlich getroffen, stirbt mit einem Fluch auf den Lippen. Max muss die Verwendung von Freikugeln gestehen, und Fürst Ottokar will ihn des Landes verweisen. Da greift der Eremit ein: Er empfiehlt, den Brauch des Probeschusses aufzugeben und Max ein Probejahr zuzugestehen. So er sich bewährt, soll er danach Agathes Hand erhalten ...

    • Aus dem Programmbuch

      DER FREISCHÜTZ ODER DAS DOPPELGESICHT DES BIEDERMEIER
      Von Walter Rösler

      »Das Ganze wird sehr interessant und schauerlich, endet aber natürlich glücklich.« (Carl Maria von Weber)

      Es beginnt fröhlich. Ländliches Festtreiben. Einer der Bauern ist Schützenkönig geworden und wird gefeiert. Gleich aber zeigt das lustige Landleben seine Kehrseite. Der Verlierer, der Jägerbursche Max, der beim Scheibenschießen niemals getroffen hat, wird auf impertinente Weise kollektiv verspottet. Aber auch der folgende deftige Bauerntanz versickert gleichsam in nächtlicher Dunkelheit. Dann aber, in Maxens Arie, meldet sich das Böse direkt und unverkennbar zu Wort.

      In seinen Gesprächen mit dem Musiktheoretiker und Komponisten Johann Christian Lobe sagte Weber: Die wichtigste Stelle für mich waren die Worte des Max: ,mich umgarnen finstre Mächte', denn sie deuten mir an, welcher Hauptcharakter der Oper zu, geben sei. An diese finstern Mächte' musste ich die Hörer so oft als möglich durch Klang und Melodie erinnern. Selbst in dem so harmlos scheinenden Liedchen vom »Jungfernkranz« sind die finstern Mächte zur Stelle. Der Brautkranz wird mit einer Totenkrone verwechselt, und schon deutet die Figur mit dem leiterfremden Es in den Bratschen auf kommendes Unheil hin.

      Das a-Moll im Abgesang der letzten Strophe schließlich ist von unsagbarer Traurigkeit. Auch dem Schlussjubel der großen Agathe-Arie ist nicht zu trauen, wird er doch durch einen Irrtum ausgelöst, denn Max hat nicht, wie die Jägersbraut meint, den besten Schuss getan, und nichts kündet Glück für morgen an.

      Alles zielt auf die Wolfsschlucht, auf die Gegenwelt der Försterhaus-Idylle, die — obwohl die Handlung laut Angabe im Text kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges spielt - mit der frommen, aber verunsicherten Agathe und dem schon ein wenig emanzipierten Ännchen ganz im Kleinbürgermilieu der Weber-Zeit angesiedelt ist.

      Draußen aber, in der Schreckensschlucht, erhebt der nächtliche Wald seine Stimme. In bisher nie gehörter Weise. Keine heiteren Gefühle löst Natur hier aus, wie noch in der reichlich ein Jahrzehnt zuvor entstandenen Pastoral-Sinfonie Beethovens, sondern Furcht und Grauen. In der Kleingliedrigkeit der musikalischen Formen bleibt der Bezug zum Singspielhaften dennoch gewahrt.

      Theodor W. Adorno nannte die Wolfsschluchtszene eine Höllenvision aus Biedermeierminiaturen. Nicht nur in Webers »Freischütz«, sondern auch in der Literatur der Zeit lauert allenthalben die nächtliche Kehrseite der geordnet scheinenden Bürgerwelt. Man hat die Erfahrungen des Krieges gegen Napoleon hinter sich.

      In der danach einsetzenden Zeit politischer und gesellschaftlicher Restauration erfüllten sich die Hoffnungen, die viele in die Zukunft gesetzt hatten, nicht. Der Boden, auf dem die Menschen sich bewegen, ist wie eine dünne Eisdecke, durch die man in die Finsternis durchbrechen kann.

      Nicht zufällig tritt in der Literatur der Romantik und ihrer Nachfolge der Doppelgänger so oft in schauerlicher Gestalt hervor. Doppelgänger nicht nur verstanden als der in äußerlicher Gestalt gleich aussehende Mensch, sondern als das andere (zumeist böse) Ich, wie der grauenvolle Mister Hyde im Verhältnis zu dem ehrbaren Doktor Jekyll.

      Die Jägerburschen Kaspar und Max sind einander ähnlich verbunden. Der mit den teuflischen Mächten im Bündnis stehende Kaspar ist gleichsam das verhängnisvolle Double des braven Max, der sonst stets getreu der Pflicht war, wie es im Finale der Oper über ihn heißt. Und wenn Max am Schluss mit der letzten Freikugel (ungewollt) Kaspar tötet, entledigt er sich gleichsam unbewusst seines zweiten, ihn zu teuflischen Praktiken verführenden Ich.

      Sonderbar, dass Max vom Fürsten wegen seiner Freikugeln in Acht und Bann getan werden soll, kein Vorwurf aber wegen der Tötung Kaspars erhoben wird.

      Kein Wunder, dass gerade der Doppelgänger-Autor par excellence E. T. A. Hoffmann (John Warrack meint in seiner Weber-Monographie, Hoffmann hätte für Weber werden können, was Boito für Verdi war) immer wieder die Doppelbödigkeit des bürgerlichen Lebens Gestalt werden ließ und die Dualität der Daseinsebenen sowie die zwei Wirklichkeiten des Lebens (Hans Mayer) ins Bewusstsein rief.

      In der»Brautwahl« gerät der Geheime Kanzlei-Sekretär Tusman, dessen Leben mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks abläuft, auf dem Heimweg von dem Kaffeehaus, wo er allabendlich sein Glas Bier genießt, unversehens in die Gegenwelt, indem er dem geheimnisvollen Goldschmied Leonhard begegnet, der ein Revenant aus einem längst vergangenen Jahr-hundert ist, und überdies einem alten Juden, der schon vor mehr als zweihundert Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

      Als der Geheime Kanzlei-Sekretär dann aus der Weinstube nach Hause flieht, begegnen ihm Dinge, die so wunderlich und schrecklich sind, dass sie ihm später kein Mensch glauben will. In »Der goldene Topf« gibt es geradezu ein Pendant zum »Freischütz«.

      Fräulein Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt, ein wohlerzogenes, wohlbehütetes und ehrbares Bürgermädchen, begibt sich, um den Studenten Anselmus durch Zauberei für sich zu gewinnen, in der Nacht des Herbst-Äquinoktiums auf einen einsamen Kreuzweg (ein Kreuzweg spielt bei solchen Geschichten oft eine besondere Rolle — auch in der Erzählung vom »Freischütz« im »Gespensterbuch«), um dort während eines furchtbaren Unwetters (wie in der Wolfsschluchtszene) gemeinsam mit der Rauerin, einer widerlichen alten Hexe, allerlei seltsame Manipulationen (auch ein Kessel fehlt nicht) vorzunehmen. Die Rauerin sagt zuvor zu Veronika: ...und alles Wunderliche, was du vielleicht erblicken wirst, soll dich nicht anfechten, in der Wolfsschlucht bedeutet Kaspar seinem Jagdgesellen: Was du auch hören und sehen magst, verhalte dich ruhig. Kam' vielleicht ein Unbekannter, uns zu helfen, was kümmert's dich? Kommt andres, was tut's? So etwas sieht ein Gescheiter gar nicht!

      Noch deutlicher sind die Bezüge zu Webers Oper in Hoffmanns Roman »Die Elixiere des Teufels« (erschienen 1815/16). Er enthält die Lebensbeichte des Kapuzinermönches Medardus, der von dem Elixier des Teufels getrunken hat und von seinem Prior zur Selbstfindung nach Rom geschickt wird. Auf dieser Reise, die durch Verirrungen, Verbrechen und Gefährdungen des Ich führt, gelangt er auch in ein mitten im Walde gelegenes altes Jagdschloss. Es ist der Wohnsitz des Revierförsters, dem die sogenannten Freischützen nach dem Leben trachten, aber der wackere Jägersmann meint: ... die Spitzbuben können mir nichts anhaben, denn mit der Hülfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und im Glauben und Vertrauen auf ihn und mein Gewehr biete ich ihnen Trotz.

      Neben dem Motiv vom Freischützen gibt es in dem betreffenden Roman-Kapitel auch noch andere Personen und Begebenheiten, die wir auf ähnliche Weise in Kinds Operntext wiederfinden: da sind die beiden anmutigen Töchter des Försters, und da ist ein Jagdbursche, dessen Gewehr verhext ist, denn in der Tat traf er ... kein Tier, so gut er sonst geschossen. Nicht zuletzt taucht auch hier das Doppelgänger-Motiv auf, denn der Held und Ich-Erzähler trifft auf einen wahnsinnigen Mönch, einen falschen Medardus, der den Frieden des Waldschlösschens stört.

      Weber machte schon im Oktober 1816 die Bekanntschaft Friedrich Kinds. Als er im folgenden Jahr seine Kapellmeisterstelle in Dresden antrat, suchte er den Kontakt zu dem dort tonangebenden»Liederkreis«, in dem Kind eine führende Rolle spielte. Es handelte sich dabei, wie wir aus verschiedenen Zeugnissen wissen, um eine eher biedermeierlich-betuliche Teerunde, deren Mitglieder gegenseitig ihre literarischen Produkte lobten.

      Aber auch hier eine Affinität zur Gegenwelt des Unheimlichen. Die Quelle des »Freischütz«-Textes ist bekanntlich eine Erzählung in Apels und Launs »Gespensterbuch« aus dem Jahre 1810. Kind hielt sich weitgehend an die Vorlage. Auf eine entscheidende Abweichung muss aber hingewiesen werden: Der Schreiber Wilhelm, der die Försterstochter Kätchen heiraten will, um dessen Schießkünste es aber schlecht bestellt ist, hat nächtlicherweise Freikugeln gegossen. Beim Probeschuss schießt er auf eine Taube. Kätchen fällt mit einem Aufschrei zu Boden, ihre Stirn ist von der Kugel zerschmettert. Die Braut wird das Opfer teuflischer Zauberei. Wilhelm beendet sein Leben im Irrenhaus.

      Weber und sein Textdichter kehren den Ausgang der Geschichte gleichsam um. Die Braut wird nicht das Opfer, sondern die Retterin ihres Bräutigams. Retterin zwar nicht durch aktives Handeln — wie Leonore im»Fidelio« — , sondern durch die Lauterkeit ihres Fühlens und Denkens (Samiel in der Wolfsschlucht: Noch hob ich keinen Teil an ihr!).

      Agathe erscheint damit als Vorläuferin der Retterinnengestalten bei Richard Wagner, - besser gesagt: der Erlöserinnen. Senta erlöst durch ihre Treue bis zum Tod den Fliegenden Holländer von dem Fluch, ewig durch die Weltmeere segeln zu müssen, und Elisabeth erlöst Tannhäuser durch ihre tiefe Gläubigkeit von der Sünde, die er durch seinen Aufenthalt im Venusberg auf sich geladen hat.

      Dennoch enden beide Opern Wagners tragisch. Das »happy ending« im »Freischütz« sollte man jedoch nicht bloß als eine Konzession an das Publikum betrachten, wie das bisweilen geschieht. Kind und Weber besaßen - zwanzig Jahre vor den genannten Werken Richard Wagners - offenbar noch die Zuversicht, der Mensch könne durch moralische Integrität den Kampf gegen die Welt Samiels überleben.

      Nach Kinds Meinung ist der »Freischütz« geradezu ein Lehrstück. Bezug nehmend auf den traurigen Ausgang der Erzählung im »Gespensterbuch« erklärte er: Ich wählte ... die weit tröstlichere und erhebende Idee, daß die Vorsicht die Unschuld schütze, ja wohl ihretwegen einem aus Schwachheit Fehlenden Langmuth und Zeit zur Besserung angedeihen lasse; ich wünschte, daß Hörer und Schauer die Lehre mit sich nähmen, welche der Eremit hier ausspricht: Bewahre treu die Reinheit des Herzens, so wird der Allmächtige Dich bewahren!

      Weber drückt es in einem Brief an seine Braut viel unpathetischer aus: »Das Ganze wird sehr interessant und schauerlich, endet aber natürlich glücklich.«

      Diesen und weitere Artikel finden Sie im Programmbuch.

    • Hintergrund

      EIN GANG INS INNERE
      Von Marcus Chr. Lippe

      Mehrfach hat er ihn angeboten bekommen, jedes Mal hat er ihn dankend abgelehnt: Nun inszeniert Nikolaus Lehnhoff den »Freischütz« und gibt somit gleich ein doppeltes Debüt: Zum ersten Mal kommt der international renommierte Regisseur an die Staatsoper.

      Den »Ring« hat er in München und in San Francisco gemacht, »Salome« an der Met inszeniert, die Janáček-Opern »Die Sache Makropulos«, »Jenůfa« und »Katja Kabanowa« beim Glyndebourne-Festival, den »Idomeneo« bei den Salzburger Festspielen, die »Meistersinger« an der Mailänder Scala, Pfitzners »Palestrina« am Covent Garden, um nur einige Stationen zu nennen. Dem »Freischütz« allerdings ist er bisher aus dem Weg gegangen, schien er ihm doch zu vertraut:

      Wahrscheinlich geht es vielen so: Der »Freischütz« war die erste Oper, die wir in der Schule durchgenommen haben, von der wir alles singen mußten. Na ja, und dann schiebt man es beiseite, nach dem Motto: »Das kennt man ja sowieso.« Sicherlich ist einem die Modernität der Wolfsschlucht bewußt, diese Psychoanalyse und das Unterbewußte usw. - trotzdem ist es diese Agathe/Max- und Kuno-Welt, die sich über das ganze Stück legt, diese Ebene des Biedermeierlich-Beschaulichen, die es einem eher erschwert, einen direkten, unvoreingenommenen Zugang zu dem Stück zu finden. Es ist doch derart mit Klischees besetzt, dass man wirklich glaubt, es sehr gut zu kennen, und es sich dann vom Leib hält.

      Ähnlich ging es Nikolaus Lehnhoff mit dem anderen Höhepunkt deutscher romantischer Oper, mit dem »Lohengrin«. Auch hier lehnte er Inszenierungsangebote lange ab, ehe er ihn 1991 in Frankfurt auf die Bühne brachte.

      Nicht zuletzt die Erfahrung, dass es ihm gelungen war, verkrustete Strukturen eines durch seine Rezeptionsgeschichte belegten, um nicht zu sagen: verbauten Stückes aufzubrechen, brachte ihn dazu, auch beim »Freischütz« durch die oberflächliche Ebene der bekannten Klischees hindurch die absolute Modernität dieses Werkes freilegen zu wollen.

      So richtet Nikolaus Lehnhoff bei seiner »Freischütz«- Inszenierung seinen konzeptionellen Blick direkt auf die Personen und ihre Befindlichkeit im Rahmen der allgegenwärtigen Natur. Ihm geht es darum, die im harmlos-beschaulichen Biedersinn und in der Volkstümelei (für die z.B. der Brautjungfern- und Jägerchor stehen) enthaltenen Abgründe aufzuzeigen und die Ambivalenz der Wald-Metapher deutlich zu machen.

      Der Wald ist Protagonist. Er verkörpert mehr als den vertrauten Ort der Försteridylle, ist zugleich finster, dämonisch, bedrohlich und unheimlich, beherbergt Anarchie wie Ekstase. Gerade für uns Deutsche mit unserem ausgeprägten Wald-Gefühl habe der Wald aber noch eine weitere Konnotation. Lehnhoff erinnert an das bekannte Canetti-Zitat: Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer; es war der marschierende Wald.

      Die Grundkonstellation der Figuren ist die einer unfreien Welt. Der Wald ist Gefängnis. Auch Agathes Zimmer ist eine Zelle, letztlich ein Käfig dieses Waldes.

      Alle Personen im »Freischütz« sind doch im Grunde genommen fremdbestimmte, gemaßregelte Menschen.
      Sie alle leben in vom Gehorsam bestimmten Konventionen, in einer hierarchisch aufgebauten Welt voller Regeln.

      Der Urvater Kuno ist allgegenwärtig, der Brauch des Probeschusses lastet als Fluch über der Gesellschaft. Dies erklärt die neurotischen Züge von Max und Agathe: Je näher der Tag rückt, an dem Max mit einem einzigen Schuß über seine und Agathes Zukunft entscheiden, an dem er sowohl Frau als auch Erbförsterei »gewinnen« soll, desto mehr versagt er.

      Es sind diese Maßregelungen, diese Konventionen, die die Thematik der deutschen romantischen Oper häufig mit bestimmen: Immer und überall müssen erst Prüfungen bestanden werden, ehe man zum Leben gelangt.

      Vor diesem Hintergrund offenbart sich die Labilität von Maxens und Agathes Innerem.
      Beide sind sie jederzeit absturzgefährdet. Agathe sehen wir von Anfang an auch äußerlich verwundet. Sie trägt einen Verband, nachdem ihr das Bild des Urvaters Kuno auf den Kopf gefallen war. Agathe ist eine Nachtwandlerin: Einerseits schöpft sie Zuversicht und Hoffnung in ihrem Glauben und in ihrer Frömmigkeit, nicht zuletzt in den vom Eremiten geweihten Rosen — andererseits offenbaren sich ihre Gebete auch als Versuch, die innere Unruhe zu kompensieren. Max ist ebenfalls wankelmütig und mit einem Schritt stets im dämonischen Reich des Bösen. Es müssen nur die richtigen Anstöße kommen und er öffnet die dunklen Fenster seiner Seele, die wir alle haben. Er ist durchaus empfänglich für diese Dinge.

      Sein Alter ego ist Kaspar, nicht jedoch im Sinne einer Schwarzweißdialektik, die Kaspars Charakter auf die Rolle des eindimensionalen Bösewicht begrenzte. Müssen wir nicht Verständnis für diesen Mann haben, dessen Triumph-Arie doch nicht nur Ausdruck eines Jubilierens über die bevorstehende, sicher geglaubte Rache, sondern auch emphatisch mitgeteilte Hoffnung eines zum Tode Verurteilten ist? Seine Frist währt nur noch einen Tag. Nach den Regeln der Hölle darf er weitere drei Jahre leben, wenn es ihm gelingt, Samiel eine Seele als Ersatz für die seinige zuzuführen. Gelingt ihm dies nicht, ist er selbst des Teufels.

      Bewirkt bei Kaspar die Todesangst den inneren Zwang, sich dem Bösen zu verschreiben, so ist es bei Max die Angst, Agathe zu verlieren, bevor er sie überhaupt »besessen« hat.

      Aus Verzweiflung greift er zu den dämonischen Kräften. Die Abgründe seiner Seele tun sich auf. Sie spiegeln sich in der Wolfsschlucht-Szene. Maxens Abstieg in dieser Szene ist ein innerer - die Wolfsschlucht ist sein Gang ins Innere, ins Unterbewusstsein: Sie findet in ihm statt.

      Für die Wolfsschlucht, das Paradestück einer jeden Freischütz-Inszenierung, erarbeitet Lehnhoff ein facettenreiches, psychoanalytisches Kaleidoskop einer gebrochenen und gepeinigten Seele. Visionen quälen Max, was die Regie mit packenden Bildern verdeutlicht. Die Wolfsschlucht als Reflexion seelischer Vorgänge — bleibt die Frage: Wieviel Wolfsschlucht steckt in uns?