Comeback

Musiktheater von Oscar Strasnoy
Text von Christoph Hein

Jens Schroth gewidmet

»Eben war ich noch der Mittelpunkt… und jetzt?«. Einst feierte Tilla Durieux große Bühnenerfolge. Jahre später ist alles anders: Nach dem Selbstmord ihres Ehemanns Paul Cassirer und der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlässt Tilla Deutschland ...

»Eben war ich noch der Mittelpunkt… und jetzt?«. Einst feierte Tilla Durieux große Bühnenerfolge. Jahre später ist alles anders: Nach dem Selbstmord ihres Ehemanns Paul Cassirer und der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlässt Tilla Deutschland und erlebt entbehrungsreiche Jahre als Näherin in Kroatien, bevor sie sieben Jahre nach Ende des Krieges zurückkehrt. Emil Jannings, der einst große Erfolge mit Stummfilmen feierte, muss sich den Nachfragen seines Neffen Jörg zu seinem Verhalten während der Nazi-Diktatur stellen und flüchtet sich ins fortwährende Spiel des Schauspielers. Diese so gegensätzlichen und doch auf besondere Art und Weise eng miteinander verbundenen Biografien der beiden Schauspieler stehen im Zentrum von Oscar Strasnoys Comeback, das als Auftragswerk für die Staatsoper Berlin entstand und als Eröffnung der letzten Werkstatt-Spielzeit seine Uraufführung erlebt.



    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Referent: Roman Reeger
    • Aus dem Programmbuch

    • Pressestimmen

      »Max Renne dirigiert eine musikalische Begleitung, die entfernt an Filmmusik, frühen Jazz oder Kurt Weill erinnert – doch dieses 20-Jahre-Idiom wird keineswegs als starres Klischee vorgebracht.« (Berliner Morgenpost)

      »Maria Husmann singt (…) die zerrissene Tilla charmant, sentimental ohne Tränen. Einfach grandios.« (Neues Deutschland)

      »Eine gelungene Inszenierung, die das Publikum mit lang anhaltendem Applaus belohnte.« Deutschlandradio Kultur

      »Vor allem der Bassbariton Ralf Lukas fasziniert als zusammensackendes Kraftpaket Emil Jannings, der manchmal vor seiner eigenen Monstrosität zu erschrecken scheint. Die ältere Tilla von Maria Husmann harmoniert wunderbar mit der jüngeren der Josephine Renelt, der Countertenor Johannes Euler singt einen forsch-neugierigen Neffen, der dem Onkel unbequeme Fragen stellt.« (Deutschlandradio Kultur)

      »Die rhythmisch vertrackte Partitur wird von Max Renne kompetent zusammengehalten und entwickelt einen nie nachlassenden Sog.« (Deutschlandradio Kultur)

      »Faszinierend schafft die so auf dem Platz fixierte Maria Husmann die geballte Aufmerksamkeit kraft ihrer Persönlichkeit und ihres Ausdrucksreichtums stets zu fokussieren, selbst wenn sie nur ein Stück Torte isst oder in den Jannings-Szenen, den Oberkörper vornüber auf dem Boden schläft. « (Neue Musikzeitung)

    • Hintergrund

      Den Beginn der Werkstatt-Spielzeit 2016 / 17 markiert die Uraufführung von Oscar Strasnoys »Comeback« (nach einem Libretto von Christoph Hein), das als Auftragswerk für die Staatsoper Berlin entstand.

      Der 1970 in Buenos Aires geborene Komponist mit russischen Wurzeln gilt seit mehreren Jahren als kreativer Erneuerer des zeitgenössischen Musiktheaters, indem er immer wieder fernab jeglicher Dogmatik lustvoll mit unterschiedlichsten Stilen und Genres, die von avantgardistischen Klangmitteln bis hin zu jenen der Unterhaltungsmusik reichen, jongliert. Neben musikdramaturgisch raffiniert eingesetzten instrumentalen Klangfarben zeichnet sich Strasnoys Musiktheater vor allem durch den virtuosen Umgang mit der menschlichen Stimme und dem vielschichtigen Einsatz vokaler Ausdrucksmittel aus.

      Christoph Hein gehört seit vielen Jahren zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwartsliteratur, der in seinen Romanen und dramatischen Werken immer wieder querständige Figuren in den Fokus rückt. Ausgangspunkt von Heins Libretto bildet die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Schicksale zweier der berühmtesten deutschen Schauspieler der 1920er Jahre. Emil Jannings, der einst große Erfolge mit Stummfilmen feierte, muss sich den Nachfragen seines Neffen Jörg zu seinem Verhalten in der Zeit der Diktatur der Nationalsozialisten stellen. Auf der anderen Seite sieht sich auch Tilla Durieux mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: mit dem Tod ihres Ehemannes Paul Cassirer, der sich am Tag der Scheidung das Leben nimmt, mit der Flucht aus Deutschland und dem Leben im kroatischen Exil, wo sie zuletzt als Näherin arbeitete. Während sich der Mitläufer Jannings ins fortwährende Spiel des Schauspielers flüchtet und darauf hofft, sein filmisches Großprojekt »Alexander der Sechste. Kardinal Rodrigo Borgia« verwirklichen zu können, erkennt Tilla, dass ihr einstiges »Ich« einzig und allein in der Vergangenheit zu existieren scheint.

      Auch wenn sich die Figuren, deren Schicksale beide auf unterschiedliche Weise durch die Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten maßgeblich beeinflusst wurde, zunächst nicht direkt begegnen, so treffen sie sich doch in ihrer Sehnsucht und dem Beschwören einer vergangenen Zeit und einem hiermit verbundenen eigenartigen »Gefühl« von Heimweh.