Aus einem TotenhausZ mrtvého domu

Oper in drei Akten von Leoš Janáček

Macht, Beziehungen, Demütigungen und Leidenschaften bestimmen das hoffnungslose Elend in einem sibirischen Straflager. Und es ist ein Symbol für eine Gesellschaft, die parallel zu unserer existiert. Im Zentrum der drei Akte steht jeweils eine Erzählung ...

Macht, Beziehungen, Demütigungen und Leidenschaften bestimmen das hoffnungslose Elend in einem sibirischen Straflager. Und es ist ein Symbol für eine Gesellschaft, die parallel zu unserer existiert. Im Zentrum der drei Akte steht jeweils eine Erzählung, die das Leben und die Melancholie verzweifelt zu bewältigen versucht: ein Wunschtraum, ein Bericht über eine Straftat und die Erinnerung an eine Frau. Das Erzählen hilft zu überleben und eine Utopie von Freiheit kommt auf.

Pressestimmen zur Premiere an der Staatsoper am 03. Oktober 2011:

"Triumph für das »Totenhaus«. Wer diese Inszenierung erlebt hat, wird künftig jede Oper mit anderen Augen sehen. Frankreichs Altmeister zeigte einfach mal grundsätzlich, wie man Sänger auf der Bühne bewegt, jeder Darsteller scheint hier unterschwellig zu brodeln. Den Rest besorgt die Musik mit der Staatskapelle unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Grandios!" (B.Z.)

"Simon Rattle geht im Schillertheater sofort aufs Ganze: Mit einem orchestralen Aufschrei beginnt die Janacek-Oper »Aus einem Totenhaus«. Gut eineinhalb Stunden lässt der Stardirigent nicht locker. Janaceks "schwarze Oper" nach Fjodor Dostojewskis Roman führt die geschändeten wie hoffenden Gefangenen in Sibirien vor. Regie-Legende Pierre Chereau hat es voller Mitgefühl in Szene gesetzt. Am Ende gibt es viel Premierenbeifall für die Staatskapelle, die Solisten, den Chor und den Regisseur." (Berliner Morgenpost Frühkritik)

"Wir konstatieren eine Interpretation insbesonders durch die Staatskapelle Berlin, welche so ohne Weiteres, vermuten wir, von selten einem anderen Orchester übertrumpft sein dürfte - filigran-präzis bishin zum Spinnweben, hart-kantig bis zum körperlichen Schmerz und insgesamt doch vollmundig und warm! Gesanglich profitiert die Aufführung durch exklusives Personal, allen voran zum Beispiel Williard White (Gorjantschikow), Eric Stoklossa (Aleja), Štefan Margita (Luka), John Mark Ainsley (Skuratow), Pavlo Hunka (Schischkow) oder Jiří Sulženko (Platzkommandant). Der Chor der Deutschen Staatsoper Berlin: superb wie eh und je! Ein Staatsereignis." (Kultura extra)



    In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    ca. 1:40 h | keine Pause
    Eine Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Holland Festival, Amsterdam, dem Festival d’Aix-en-Provence, The Metropolitan Opera New York und dem Teatro alla Scala di Milano
    • Handlung

      ERSTER AKT
      In einem Straflager bricht der Tag an. Die Häftlinge gehen, kurz bevor die Zwangsarbeit beginnt, ihren morgendlichen Tätigkeiten nach. Es gibt heftige Wortwechsel. Für eine Unterbrechung sorgt die Ankunft des neuen Häftlings Gorjantschikow, der wegen politischer Aktivitäten verurteilt ist und schnell die Aufmerksamkeit der Gefangenen und die Feindseligkeit des Platzkommandanten auf sich zieht. Sein Besitz wird beschlagnahmt und er erhält eine Prügelstrafe. Währenddessen bewundern die Häftlinge einen Adler, der von dem alten Häftling gebracht wird.

      Ein Teil der Gefangenen geht ab, um zu arbeiten, der andere Teil geht seinem Tagwerk im Lager nach. Unter ihnen befinden sich der junge Tatar Aleja, Luka sowie Skuratow, der von seinem Leben in Moskau erzählt. Luka berichtet von seinem früheren Aufenthalt im Gefängnis, wo er einen Platzkommandanten erstach und dafür eine Prügelstrafe erhielt, bevor er in das Straflager geschickt wurde. Halb tot geschlagen wird Gorjantschikow wieder hereingeführt.


      ZWEITER AKT
      Ein Jahr später. Die Häftlinge gehen ihrer Arbeit nach. Gorjantschikow und Aleja verbindet ein freundschaftliches Verhältnis. Aleja erzählt von seiner Schwester und seiner Mutter. Der Ältere bietet an, ihm Lesen und Schreiben beizubringen. Glocken künden das Ende der Arbeit und ein abendliches Fest an.

      Nach dem Besuch des Popen essen die Häftlinge zu Abend. Vor der Theatervorstellung, die einige Mithäftlinge geben werden, erzählt Skuratow, warum er im Lager ist: Er hat einen reichen Deutschen ermordet, den seine Geliebte Lujza unter Zwang heiratete.

      Die Gäste treffen ein und nehmen für die Aufführung Platz. Die Häftlinge führen die beiden Stücke »Kedril und Don Juan« und »Die schöne Müllerin« auf. Beide sind Verführungsgeschichten.
      Der Abend neigt sich dem Ende zu. Eine der Prostituierten, die das Lager besuchen, verschwindet mit einem Häftling. Gorjantschikow und Aleja trinken Tee. Das erregt den Neid eines Häftlings, der Aleja angreift und mit einem Messer verwundet.


      DRITTER AKT
      In der Krankenstation des Lagers wacht Gorjantschikow bei dem fiebernden Aleja. Tschekunow bietet ihnen Tee an und erregt damit den Spott Lukas, der im Sterben liegt. Schapkin erzählt, wie man ihn bei einem Einbruch erwischte. Skuratow ist inzwischen wahnsinnig geworden.

      Schischkow zieht mit seiner Erzählung die Aufmerksamkeit auf sich: Er berichtet, wie er die junge Akulina heiratete, obwohl sie ein gewisser Filka entehrt haben soll. In der Hochzeitsnacht stellte sich jedoch heraus, dass Akulina noch Jungfrau war. Trotzdem musste Schischkow feststellen, dass sie in Filka verliebt war. Außer sich schnitt Schischkow Akulina die Kehle durch. In dem Moment, als die Geschichte zu Ende ist, stirbt Luka. Schischkow erkennt in ihm seinen Nebenbuhler Filka und beschimpft ihn. Die Wache kommt, um Gorjantschikow zu holen.

      Der Kommandant verkündet Gorjantschikow seine Freilassung. Aleja, der inzwischen Lesen gelernt hat, fällt ihm um den Hals und bezeichnet ihn als Vater. Die Häftlinge lassen den wiederhergestellten Adler frei. Gorjantschikow verlässt das Lager, die Gefangenen müssen zurück an die Arbeit.

    • Pressestimmen

      "Die beeindruckende »Totenhaus«-Inszenierung von Patrice Chéreau verdient das Attribut »mustergültig«. Das Premierendoppel an der Staatsoper und an der Komischen Oper belegt eindrucksvoll, was Berlins Opernhäuser leisten können. Das hohe Niveau der Inszenierungen fand nicht nur in den jeweils sehr spielstarken Sängerensembles, sondern auch bei den Orchestern eine erfreuliche Entsprechung. Die Staatskapelle bewältigte unter der rhythmisch pulsierenden Leitung von Simon Rattle klangschön die eruptive, leicht zerfallende Tonsprache des späten Janácek." (FAZ)

      "Mit welcher Virtuosität Chéreau die "Nummern" im Geschehen verankert, wie er das Lagerleben zeigt, filmisch präzise, unerbittlich, ohne jede Anbiederei, das besitzt eine fast gespenstische Gültigkeit. Als zöge diese Arbeit ein Resümee, ja als begriffe sie sich mit Schauspielern und großem Chor als gesamttheatralisches Vermächtnis. Die Hauptdarstellerin an diesem Abend aber ist die Musik, ist die Staatskapelle Berlin. Simon Rattle liest Janácek mehr von der böhmischen Spätromantik und von Gustav Mahler her. Da pulst und vibriert es im Graben, dass es nur so eine Lust ist." (Der Tagesspiegel)

      "Triumph für das »Totenhaus«. Wer diese Inszenierung erlebt hat, wird künftig jede Oper mit anderen Augen sehen. Frankreichs Altmeister zeigte einfach mal grundsätzlich, wie man Sänger auf der Bühne bewegt, jeder Darsteller scheint hier unterschwellig zu brodeln. Den Rest besorgt die Musik mit der Staatskapelle unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Grandios!" (B.Z.)

      "Simon Rattles Gespür für dieses doch sehr spezielle Komponieren ist schlicht großartig. Er bindet die Musik in ein dramaturgisch souverän gestaffeltes Kontinuum ein, ohne ihr an expressiver Gewalt das Geringste zu nehmen: Die Staatskapelle spielt die glühenden Farben und neuartigen Dissonanzen leidenschaftlich aus. Willard White als Goriantschikow und Eric Stoklossa als jungem, anhänglichem Aleja gelingen scharf umrissene Charaktere. Das gilt nicht weniger für jene Sänger, die nur einmal hervortreten dürfen, um ihre Schuldgeschichten zu erzählen: Stefan Margita weiß als Luka die verschiedenen Personen seiner Erzählung plastisch voneinander abzusetzen; Pavlo Hunka (für den erkrankten Roman Trekel) entwickelt in der langen Erzählung des Schischkow einen gewaltigen Sog." (Berliner Zeitung)

      "Besser lässt sich diese Finsternis gequälter, an sich selbst zerbrochener Seelen wohl nicht auf die Bühne bringen, als das Patrice Chéreau getan hat. Diese Inszenierung setzt Maßstäbe, weil sie ganz allein auf Janáceks Kunst der Sprachmelodie setzt. Kein Regiekonzept lenkt davon ab, Sträflinge in einem Betonverließ kommen zu Wort, geführt von Orchestersätzen, die ihre Aufritte inszenieren und ihren monologischen Erzählungen bedrückende Glaubwürdigkeit geben." (taz)

      "Simon Rattle geht im Schillertheater sofort aufs Ganze: Mit einem orchestralen Aufschrei beginnt die Janacek-Oper »Aus einem Totenhaus«. Gut eineinhalb Stunden lässt der Stardirigent nicht locker. Janaceks "schwarze Oper" nach Fjodor Dostojewskis Roman führt die geschändeten wie hoffenden Gefangenen in Sibirien vor. Regie-Legende Pierre Chereau hat es voller Mitgefühl in Szene gesetzt. Am Ende gibt es viel Premierenbeifall für die Staatskapelle, die Solisten, den Chor und den Regisseur." (Berliner Morgenpost Frühkritik)

      "Wir konstatieren eine Interpretation insonders durch die Staatskapelle Berlin, welche so ohne Weiteres, vermuten wir, von selten einem anderen Orchester übertrumpft sein dürfte - filigran-präzis bishin zum Spinnweben, hart-kantig bis zum körperlichen Schmerz und insgesamt doch vollmundig und warm! Gesanglich profitiert die Aufführung durch exklusives Personal, allen voran zum Beispiel Williard White (Gorjantschikow), Eric Stoklossa (Aleja), Štefan Margita (Luka), John Mark Ainsley (Skuratow), Pavlo Hunka (Schischkow) oder Jiří Sulženko (Platzkommandant). Der Chor der Deutschen Staatsoper Berlin: superb wie eh und je! Ein Staatsereignis." (Kultura extra)

    • Hintergrund

      Eng verwoben mit Berlin und der legendären Krolloper ist die Aufführung von Janáčeks letzter Oper »Aus einem Totenhaus« nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski. Diese Oper über das hoffnungslose Elend und die Ausweglosigkeit in einem Straflager in Sibirien sollte für die Krolloper im Mai 1931 nach nur vierjährigem Bestehen die letzte Premiere sein. Ihre damalige innovative Programmgestaltung wirkt auch heute noch höchst modern und zeitgemäß. Politische Umstände führten damals zu einer verspäteten Aufführung des »Totenhauses«. Auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes musste sie wieder abgesetzt werden: Grund dafür war eine Demonstration gegen deutsche Tonfilme in Tschechien. Vom Kritiker Klaus Pringsheim wurde sie damals im »Vorwärts« als das wichtigste Opernwerk der Spielzeit bezeichnet. Die musikalische Leitung hatte Fritz Zweig inne. Die Inszenierung realisierte der Dramaturg der Krolloper, Hans Curjel. Caspar Neher gestaltete das eindrucksvolle Bühnenbild des »Totenhauses«. Die Übersetzung des original tschechischen Librettos ins Deutsche verfasste der Schriftsteller und enge Freund Franz Kafkas und Leoš Janáčeks, Max Brod. In seinem Nachwort des Librettos schreibt er über das künstlerische Vorgehen seines wenige Jahre zuvor verstorbenen Freundes: Er lies sich von einem Buch, einem Drama oder Roman auf die unmittelbarste Art dramatisch inspirieren, strich bei der Lektüre (so auch bei der Lektüre des »Totenhauses«) die Stellen an, die ihn hinrissen, übernahm manches zwar wörtlich, aber fragmentarisch, indem er ziemlich achtlose Zusammenhänge wegließ, hingegen Figuren und Situationen verband, die sich seinem Gefühl assoziiert hatten. Man kann sagen, das er gleichsam auch die weggelassenen Stellen, die für das Theaterpublikum unsichtbar bleiben, mitkomponiert hat …

      Erst Anfang dreißig war damals der Musikkritiker und spätere Professor für Musikwissenschaft an der TU Berlin, Hans Heinz Stuckenschmidt, als er für den gehobenen Kulturteil der B.Z. am Mittag nach der Premiere des »Totenhauses« diese lesenswerte Kritik verfasste:

      »Voriges Jahr um diese Zeit begannen mit der Sensation des Toscanini-Gastspiels die Festwochen, die uns noch bis tief in den Juni hinein mit Opernpremieren versorgten. Dieses Jahr ist alle Welt musikmüde; nicht einmal Gigli macht noch Kasse. Eine ungünstige Situation für diesen glanzvollen Abend bei Kroll, der einen Ehrenplatz in der Saison verdient hätte. Bei dreißig Grad im Schatten läßt der Appetit auf Meister werke nach. Noch dazu in einer Welt, der vor sich selbst so mies ist, daß sie zwar in den Ruf »Schön ist die Welt« begeistert einstimmt, sich aber von Zuchthaus, Sibirien und Sträflingselend höchst ungern berichten läßt. Aus einem Totenhaus, Dostojewskis Tagebuch der Erinnerungen an Jahre sibirischer Katorga, ist die Textbasis dieser seltsamen Janáček-Oper. Sechs, acht Szenen-Dialoge aus dem Buch sind wörtlich in Musik gesetzt und zu einem epischen Gebilde verkettet worden. Sträflinge unterhalten sich, bekommen Wutanfälle, schließen Freundschaften, spielen Theater auf einer improvisierten Bühne. (Die deutsche Fassung stammt von Max Brod, Janáčeks Entdecker.) Im Zentrum jedes der drei Akte eine Erzählung: Lukas Wunschtraum von der Ermordung des verhaßten Platzmajors; Skuratoffs Bericht über seine Straftat; Schischkoffs Erinnerung an die Frau. Und inmitten dieses unglücklichen Volkes die sanfte Gestalt des Alexander Petrowitsch, das Selbstporträt Dostojewskis; sein Eintritt in die Verbrecherkolonie, seine Freundschaft mit dem jungen Tartaren Alej, seine Begnadigung und Entlassung. Keine Frau, außer einem Sträflingshürchen. Nichts für die Augen. Und dennoch, und grade deshalb: ein großes Kunstwerk. Leoš Janáček zeigt sich in der Vertonung dieser harten, locker gefügten dramatischen Vorgänge wieder als der große Musiker, der die Jenufa schreiben konnte. Das landschaftliche, unarchitektonische Wesen seiner Komposition gibt den Worten Dostojewskis ein starkes, fast magisches Relief. Die Technik der Motiv-Wiederholung, der kurzen, volksliedhaften Melodiebrocken entzieht sich der landläufigen Analyse. Es ist ein völlig neuer Stil, der Oper so fern wie dem Musikdrama, Janáčeks ureigene Erfindung. Eine Naturgewalt geht von dieser Musik aus, von der kontrastreichen, Bläserfarben favorisierenden Instrumentation, von der halb deklamierenden, halb psalmodisierenden Behandlung der Stimmen. Ein geniales Werk, das künftige Generationen neben die größten seiner Art, neben Don Giovanni, Fidelio, Wozzeck, Norma stellen werden. Mit dieser Aufführung hat die Krolloper ein neues starkes Zeichen ihres Geistes gegeben, dieses Geistes, der sie an die Spitze aller heutigen Operntheater stellt. Soweit es einem nichtslawischen Ensemble möglich ist, die Atmosphäre des Werkes zu realisieren, hat man es getan. Es ist in erster Linie das Verdienst Fritz Zweigs, Janáčeks engeren Landsmanns, der in der Gestaltung dieser Partitur sein umfassendes Können, seinen künstlerischen Elan aufrollte. Curjels Regie ist eine vergeistigte Arbeit voller Sinn für die Vision Dostojewskis, die er aus dem Dunkel aufsteigen und zum Schluß ins Unbekannte zurücksinken läßt. Das Publikum, erschüttert von der elementaren Gewalt des Dramas, dankte mit Beifallsstürmen. Unsere Opernbühne ist um ein Meisterwerk reicher.«
      (Hans Heinz Stuckenschmidt in der B. Z. am Mittag vom 30. Mai 1931)