Die Walküre

Oper von Richard Wagner

Zwischen Eros und Hybris. »Die Walküre« kann getrost als der große »Thriller« in Wagners Ring-Zyklus bezeichnet werden. Ferner ist der erste Tag von Wagners monumentaler Tetralogie voller musikalischer Höhepunkte. Ob das Duett zwischen Siegmund und Sieglinde ...

Zwischen Eros und Hybris. »Die Walküre« kann getrost als der große »Thriller« in Wagners Ring-Zyklus bezeichnet werden. Ferner ist der erste Tag von Wagners monumentaler Tetralogie voller musikalischer Höhepunkte. Ob das Duett zwischen Siegmund und Sieglinde im 1. Akt oder Wotans Abschied und der »Feuerzauber« am Schluss des Werkes – Wagners Musik erweist sich als wahrhaft überwältigend.

»René Papes kontrollierte Diktion passt zu der natürlichen Unverstelltheit und Ökonomie seiner Stimmgebung, kein Laut wird manieriert verfärbt, stattdessen die nicht unbedingt auf Klang gestellte deutsche Phonetik auf intelligenteste Art genutzt. Wagner hätte seine Freude gehabt. Diese außerordentliche Gesangsleistung Papes wird durch die erstaunlichen akustischen Gegebenheiten des Schiller Theaters ebenso wie durch die kongeniale Begleitung Daniel Barenboims am Pult der Staatskapelle noch befördert.« (Berliner Zeitung)

  • Musikalische Leitung
  • Inszenierung
  • Bühnenbild
  • Kostüme
    • Tim Van Steenbergen
  • Licht
    • Enrico Bagnoli
  • Video
    • Arjen Klerkx
    • Kurt D'Haeseleer
  • Dramaturgie
    • Michael P. Steinberg
    • Detlef Giese
  • Choreographie
    • Csilla Lakatos

    • Siegmund
    • Hunding
      • Mikhail Petrenko
    • Wotan
      • 4|7|14 Okt, 24 Mär, 5 Apr
      • Thomas J. Mayer
        14 Apr
    • Sieglinde
    • Brünnhilde
      • Catherine Foster
        4 Okt
      • Iréne Theorin
        7|14 Okt, 24 Mär, 5|14 Apr
    • Fricka
      • Ekaterina Gubanova
    • Helmwige
      • Susan Foster
    • Gerhilde
      • Sonja Mühleck
        4|7|14 Okt, 5|14 Apr
      • Danielle Halbwachs
        24 Mär
    • Ortlinde
    • Waltraute
      • Ivonne Fuchs
    • Rossweiße
    • Schwertleite
      • Anaïk Morel
    • Siegrune
      • Leann Sandel-Pantaleo
    • Grimgerde

    In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln.
    5:15 h | inklusive 2 Pausen
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    Koproduktion mit dem Teatro alla Scala di Milano in Zusammenarbeit mit dem Toneelhuis Antwerpen
    • Handlung

      Vorgeschichte

      Der Ring, den der Nibelung Alberich aus dem Rheingold geschmiedet hat und der unendliche Macht verleiht, ist in den Besitz des Riesen Fafner gelangt. In Gestalt eines gewaltigen Lindwurms hütet Fafner den Ring zusammen mit dem Schatz der Nibelungen in einer Höhle inmitten eines abgelegenen Waldes. Sowohl der Gott Wotan als auch der Nibelung Alberich trachten danach, den Ring in ihren Besitz zu bringen. Alberich hat, obwohl er der Liebe entsagte, um den Ring schmieden zu können, einen Sohn gezeugt, mit dessen Hilfe er sein Vorhaben verwirklichen will. Wotan wiederum versucht auf doppelte Weise sich gegen die von Alberich ausgehende Gefahr zu schützen und seine erworbene Machtposition zu sichern: Die neun Walküren, die ihm die allwissende Göttin Erda geboren hat, sammeln auf der Burg Walhall die Körper und Seelen von gefallenen Kämpfern, die Wotan beim Streit gegen Alberichs Heer unterstützen sollen. Außerdem schuf er sich einen »freien Helden«, der ungebunden durch die von Wotan geschlossenen Verträge agieren und dem Gott den Ring zurück gewinnen kann. Als »Wälse« wurde Wotan zum Vater eines Zwillingspaars, Siegmund und Sieglinde, die als Kinder voneinander getrennt wurden und sich nun wieder begegnen.


      Erster Aufzug
      Im Inneren von Hundings Wohnhütte

      Während eines heftigen Gewitters sucht der verwundete Siegmund Zuflucht in einer Behausung, die um eine mächtige Esche herum gebaut ist. Vollkommen erschöpft sinkt er am Herd nieder. Sieglinde erblickt den waffenlosen Mann und gibt ihm zu trinken. Zwischen ihnen entwickelt sich sofort große Sympathie. Trotzdem will Siegmund, nachdem er sich wieder erholt hat, das Haus verlassen, wird von Sieglinde aber zurückgehalten. Sieglindes Gatte Hunding erscheint. Misstrauisch fragt er den Fremden nach seinem Namen und seiner Herkunft. Aus Siegmunds Erzählung entnimmt er, dass dieser derjenige ist, den er und seine Mannen verfolgt und bis hierher gehetzt haben. Für diese Nacht gibt Hunding ihm Gastrecht, für den nächsten Morgen jedoch fordert er ihn zum Zweikampf.

      Nachdem Hunding und Sieglinde den Saal verlassen haben, reflektiert Siegmund seine Situation, waffenlos in die Hände des Feindes gefallen zu sein. Er erinnert sich, dass ihm sein Vater Wälse ein Schwert versprochen habe, sollte er einst in höchste Not geraten. Im Stamm der Esche erblickt er eine Waffe – bis zum Schaft steckt sie dort fest. Sieglinde kommt hinzu; sie hat Hunding einen Schlaftrunk verabreicht. Sie bittet Siegmund, rasch zu fliehen, dieser sucht jedoch die Nähe Sieglindes. Sieglinde berichtet dem Fremden, der sich zunächst als »Wehwalt« ausgegeben hat, von ihrer unglücklichen Vermählung und von einem geheimnisvollen alten Mann, der bei der Feier erschien und vor allen Gästen ein Schwert in die Esche stieß: Derjenige solle die Waffe sein eigen nennen, dem es glückt, sie aus dem Stamm zu ziehen. Keinem ist dies bislang gelungen, dem Fremden, der eine enorme Faszination auf sie ausübt, traut Sieglinde das jedoch zu.

      Plötzlich schlägt die Tür der Hütte auf – in einem Moment voller Magie hat sich der Frühling Bahn gebrochen. Siegmund und Sieglinde erkennen ihre Liebe zueinander. Siegmund gibt nun auch seinen richtigen Namen preis: Als Sohn von Wälse ist es ihm bestimmt, das Schwert Notung aus der Esche zu ziehen. Sieglinde eröffnet ihm, seine verloren geglaubte Zwillingsschwester zu sein. Gemeinsam stürmen sie ins Freie.


      Zweiter Aufzug
      Wildes Felsengebirge

      Wotan, der über das Geschehen im Bilde ist, fordert seine Lieblingstochter Brünnhilde auf, für Siegmund gegen Hunding Partei zu ergreifen und dem Wälsung zum Sieg zu verhelfen. Seine Gattin Fricka stimmt ihn jedoch um: Sie macht ihm deutlich, dass Siegmund keineswegs frei handelt, sondern ganz nach dem Willen Wotans. Aus tiefer Sorge um den Fortbestand der Götter trotzt sie Wotan das Versprechen ab, Siegmund im Kampf nicht zu schützen – durch die Hand Hundings soll er sterben.

      Nach Frickas Abgang wird sich Wotan seiner Situation bewusst: Er ist in ein schier unentwirrbares Geflecht von Abhängigkeiten, Zwängen und Wünschen geraten. In einer großen Erzählung berichtet er Brünnhilde von seinen Gedanken und Taten, vom Ring des Nibelungen und von der drohenden Gefahr des Untergangs der Götter. Er sieht keinen anderen Ausweg, als Frickas Willen zu erfüllen. An Brünnhilde ergeht die strikte Weisung, für Hunding zu streiten, anderenfalls würde sie seinen Zorn zu spüren bekommen. Brünnhilde bleibt allein zurück, traurig und voller Gedanken. Siegmund erscheint mit Sieglinde: Seit vielen Stunden sind sie auf der Flucht vor Hunding. Da Sieglinde offensichtlich nicht mehr weiter kann, beschließt Siegmund, an dieser Stelle Hunding zum Kampf zu erwarten. Brünnhilde kündigt ihm seinen baldigen Tod an – wie andere Helden auch wird sie ihn nach Walhall bringen. Als Siegmund von ihr erfährt, dass er Sieglinde dort nicht treffen wird, verweigert er sich seinem Schicksal: Lieber würde er seine Schwester und sich selbst opfern als von ihr getrennt zu werden. Gerührt von der tiefen Liebe Siegmunds zu Sieglinde entscheidet sich Brünnhilde dafür, dem Befehl Wotans zuwider zu handeln: Die beiden Wälsungen sollen leben.

      Aus der Ferne ist Hundings Horn zu hören. Er hat Siegmund und Sieglinde verfolgt und ist nun zum Kampf bereit. Brünnhilde unterstützt Siegmund, dessen Schwert Notung aber zerschellt am Speer Wotans, der unerwartet hinzukommt. Siegmund wird von Hunding erschlagen, dieser wiederum fällt nach einem verächtlichen Wink Wotans tot zu Boden. Brünnhilde hat sich sofort nach dem Kampf mit Sieglinde auf die Flucht begeben; Wotan eilt ihr nach, um sie für ihr Vergehen hart zu bestrafen.


      Dritter Aufzug
      Auf dem Gipfel eines Felsenberges

      Die Walküren versammeln sich, um die im Kampf getöteten Helden nach Walhall zu bringen. Als letzte von ihnen erscheint Brünnhilde: Vergeblich bittet sie ihre Schwestern, Sieglinde und sie selbst vor dem Zorn Wotans zu schützen. Da keine der Walküren bereit ist, bei der Flucht zu helfen, schickt Brünnhilde Sieglinde allein Richtung Osten: In dem sich dort erstreckenden dunklen Wald, in dem der Drache Fafner haust, sei sie sicher vor Wotan. Sieglinde fasst neuen Mut, als sie von Brünnhilde erfährt, mit dem »hehrsten Helden der Welt« schwanger zu sein.

      Brünnhilde stellt sich der Wut Wotans, der den Walkürenfelsen erreicht hat. Ihren Ungehorsam soll sie mit dem Verlust ihrer Göttlichkeit büßen. Zudem soll sie, in Schlaf versetzt, auf dem Felsen zurückbleiben, jedem Mann zur leichten Beute. Erschreckt verlassen die acht Walküren Wotan und Brünnhilde.

      Eindringlich beschwört Brünnhilde ihren Vater, seine Entscheidung abzuändern. Sie macht ihm deutlich, dass er sich von Fricka und von äußeren Zwängen dazu verleiten ließ, entgegen seinem ursprünglichen Wunsch Siegmund nicht beizustehen. Wotans Zorn weicht einem tiefen Verständnis für Brünnhilde: Bewegt nimmt er Abschied von ihr. Wotan versenkt sie in Schlaf, umgibt sie aber mit einem Flammenring, den nur der zu durchschreiten vermag, der seinen Speer nicht fürchtet.

    • Pressestimmen

      „Vom ersten Takt des Sturm-Vorspiels an ist die perfekte Thriller-Atmosphäre da, ein nervenzerfetzender Soundtrack, der den Hörern alsbald den kalten Angstschweiß auf die Stirn treibt.“ (Der Tagesspiegel)

      „Daniel Barenboim lässt von Anfang an die Aufführung hochdramatisch aufrauschen. Er ist am Pult eine Kraftnatur, die sich vor keiner Steigerung drückt. Noch in den populären "Walkürenritt" jubelt er selbst nach vier Stunden noch mit unerschöpfter Frische hinein. Er trägt offenkundig das gute, alte Dynamit im Blut, das nun einmal bei Wagner-Aufführungen unentbehrlich ist. Ein Festtagsereignis.“ (Berliner Morgenpost)

      „Runzlig und rau klingt die Staatskapelle von Anfang an. Es sind verwitterte Klänge von seltsamer Schönheit, Musik aus Kies und Rinde in den tiefen Streichern von den Bratschen abwärts, kaum verschmelzend mit den Bläsern. Jedes Register behält seine knorrige Eigenart, ohne grob zu werden.“ (FAZ)

      „Mächtig, stimmgewaltig bringt René Pape die Luft zum Vibrieren, auch in den leisen Tönen jeder Zoll der Herrscher von Walhalla. Beeindruckend auch Iréne Theorin als Brünnhilde und Simon O´Neill als strahlend liebender Siegmund. Am herrlichsten aber strahlt die Musik unter Daniel Barenboims Händen. Bravo!“ (B.Z.)

      „René Papes kontrollierte Diktion passt zu der natürlichen Unverstelltheit und Ökonomie seiner Stimmgebung, kein Laut wird manieriert verfärbt, stattdessen die nicht unbedingt auf Klang gestellte deutsche Phonetik auf intelligenteste Art genutzt. Wagner hätte seine Freude gehabt… Diese außerordentliche Gesangsleistung Papes wird durch die erstaunlichen akustischen Gegebenheiten des Schillertheaters ebenso wie durch die kongeniale Begleitung Daniel Barenboims am Pult der Staatskapelle noch befördert.“ (Berliner Zeitung)

      This was more than a miracle, it was opera magic… All praise to the production team and singers, but to no one more so than Barenboim, whose nuanced conducting brought out the full depth and passion of Wagner´s music. – The Daily Telegraph

      Ekaterina Gubanova ist eine strahlend mondäne, stimmlich wie aus glänzendem Stahl gegossene Fricka, Nina Stemme eine herrlich präsente, menschlich entmystifizierte Brünnhilde. Überhaupt die Damen: Das weibliche Sangesglück macht an diesem Abend Waltraud Meier perfekt. – Süddeutsche Zeitung

      Der Jubel der Mailänder war gigantisch. – FAZ

      Daniel Barenboim setzte bei Wagners „Walküre“ auf große Emotion, dramatische Gestaltung und hatte im Orchester der Scala, das klangvollendet musizierte, fabelhafte Partner. – Kurier

      Ekaterina Gubanova was a fantastically vindictive and fresh-voiced Fricka … As for Brünnhilde, Nina Stemme sang gloriously. It’s hard to recall anyone’s sounding more commanding or at ease in the part, and that includes Kirsten Flagstad. Flowers rained down on Ms. Stemme from the gallery during curtain calls, as they did on Barenboim and the rest of the cast… – The New York Times

      When the performance came to an end, the audience applauded for another 14 minutes. – The Independent

    • Hintergrund

      Für Barenboim kann Wagners Musik manipulieren
      Stardirigent Daniel Barenboim, der gerade den "Siegfried" an der Berliner Staatsoper probt, spricht über weinende Diktatoren und den "Ring".
      (von Volker Blech | Berliner Morgenpost | 30.09.2012)

      Zwischen zwei Proben: Kaum sitzt Daniel Barenboim in seinem Büro im Sessel, zündet er sich auch schon genüsslich eine Zigarre an. Er wirkt zufrieden. Im Berliner Schiller-Theater ist zu hören, dass die Proben zu "Siegfried" in der Regie von Guy Cassiers bestens laufen. Am 3. Oktober wird die Staatsopern-Saison mit der großen Wagner-Premiere eröffnet. Morgenpost Online sprach mit dem Stardirigenten.

      Morgenpost Online: Herr Barenboim, ist es für Sie gefühlsmäßig etwas anderes, Wagner zu dirigieren, als Musik anderer Komponisten?

      Daniel Barenboim: Ich habe schon befürchtet, dass Sie mich fragen werden, ob es etwas anderes ist, wenn ich Wagner dirigiere, als wenn andere Dirigenten das tun … (lacht) Nein, jeder Komponist ist anders, ja sogar jedes Stück ist anders. Aber natürlich ist Wagner außergewöhnlich, weil er sich mit sämtlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die der Musik zur Verfügung stehen, ganz bewusst auseinandergesetzt hat: mit Klang, mit Volumen, mit Geschwindigkeit. Jedes dieser Ausdrucksmittel hat er wie ein elastisches Band bis zum Maximum gedehnt: Wagners Musik kennt Stellen, die leiser sind als bisher, lauter als bisher, langsamer als bisher. Die Harmonik hat er auf eine ganz neue Weise ausgereizt. Aus der Chromatik in Wagners Musik ergibt sich ja eine unglaubliche Ambiguität. Der "Tristan-Akkord" hat so viele verschiedene Möglichkeiten, sich aufzulösen. Wagner spielt mit dieser Mehrdeutigkeit, als ob sie nur etwas Positives wäre. Man unterstellt jemanden, der mehrdeutig spricht, gemeinhin, er wisse nicht genau, was er wolle. Aber in der Musik ist das anders, dort ist diese Art von unentschiedener Vieldeutigkeit eine der stärksten Ausdrucksmöglichkeiten.

      Morgenpost Online: Diese Ambivalenz hat bei Wagner ungeheure Wirkungen. Sie kann sehnsüchtig, erhaben, aber auch gewalttätig klingen.

      Barenboim: Ich glaube, der Grund dafür, dass es Menschen gibt, die Wagner nicht aushalten können – und das meine ich jetzt rein musikalisch, sein Antisemitismus ist ein ganz anderes Thema –, liegt darin, dass man sich als Hörer manchmal von ihm manipuliert fühlt. So, wie eine Frau, die den Körper eines Mannes so gut kennt, dass sie genau weiß, an welchen Stellen er besonders empfindsam ist … Aber das kann ja auch sehr schön sein, nicht wahr? Ich will damit sagen, dass der manipulative Zug von Wagners Musik nicht gleichzusetzen ist mit Unehrlichkeit. Es bedeutet nur, dass ihm der Effekt von dem, was er geschrieben hat, sehr bewusst war. Ich denke, das ist es, was viele Menschen verstört.

      Morgenpost Online: Gibt es denn für Sie Momente bei Wagner, die Ihnen zu weit gehen?

      Barenboim: Nein. Denn Wagner ist gleichzeitig extrem rational und extrem emotional. Da er beide Fähigkeiten in außergewöhnlichem Maße besitzt, verstehe ich, dass man sich von ihm manipuliert fühlen kann.

      Morgenpost Online: Sie dirigieren in dieser Saison fünfzig Mal Wagner. Sie müssen eine sehr hohe Identifikation mit ihm haben?

      Barenboim: Ach, das hat sich so ergeben. Natürlich war die Idee, den ganzen "Ring" erst in Mailand und dann hier in Berlin zu machen, schon ein großes und kompliziertes Projekt. Und als ich beschloss, den "Lohengrin" zu machen, habe ich daran gar nicht gedacht. Es ist tatsächlich sehr viel.

      Morgenpost Online: Die Opern dauern Stunden und sind sicher auch konditionell sehr aufreibend für Dirigenten. Was ist Ihr Fitnessprogramm, um so viel Wagner durchzustehen?

      Barenboim: Mit physischer Kondition hatte ich nie ein Problem.

      Morgenpost Online: Sie haben den "Ring" zweimal mit Harry Kupfer gemacht, einmal in Bayreuth und einmal an der Staatsoper. Ihren dritten "Ring" inszeniert Guy Cassiers, er ist ein sehr poetischer Regisseur. Wie weit darf der Realismus auf der Wagnerbühne gehen?

      Barenboim: Das größte Problem bei Wagner ist, dass vieles im Orchester ganz naturalistisch ausgemalt wird. Den Rhein im "Rheingold" oder die Vogelstimmen im "Siegfried" kann man ganz genau aus der Musik heraushören. Aber der Inhalt des "Rings" ist hoch symbolisch. Die größte Herausforderung für die Regisseure besteht darin, dass man auf der Bühne nicht gleichzeitig naturalistisch und symbolisch sein kann.

      Morgenpost Online: Nächstes Jahr ist das große Wagner-Jubiläum, Sie werden Wagner auch bei den Festtagen dirigieren. Gilt es, am vorherrschenden Wagner-Bild etwas richtigzustellen?

      Barenboim: Wagners Schriften sind schlicht inakzeptabel. Sein Pamphlet über das "Judentum in der Musik" ist unerträglich: das galt damals schon genauso wie heute. Die Assoziation von Wagners Musik mit dem Dritten Reich aber kann man Wagner selber nicht allein vorwerfen: Er ist 1883 gestorben. Aber vieles von dem, was er geschrieben hat – nicht nur, aber besonders in Bezug auf das Judentum –, hat zu schrecklichen Taten geführt, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass er sie so intendiert hätte. Aber die Assoziationen sind sehr stark: Für Hitler war Wagner nicht nur sein Lieblingskomponist, er hat ihn als seinen persönlichen Propheten betrachtet. Man hat die Frage aufgeworfen, ob man Wagner in Israel spielen dürfe, ob man einem Holocaustüberlebenden seine Musik zumuten darf. Und es gibt ganz verschiedene Auffassungen dazu. Viele Überlebende wollen mit dieser Musik nichts zu tun haben. Und das respektiere ich. Aber dann gibt es auch andere, zum Beispiel den großen Schriftsteller Imre Kertész, der selber in Auschwitz war. Als ich ihn kennenlernte, war das Erste, was er mich fragte, ob ich ihm helfen könne, Karten für die Bayreuther Festspiele zu bekommen.

      Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Wagner ein Unmensch war?

      Barenboim: In vielen Aspekten schon. Aber man muss noch weiter fragen: Wie ist es möglich, dass ein Monster wie Adolf Hitler, der Millionen von Menschen ermordet hat – rechnet man allein nur die Juden, waren es schon sechs Millionen –, wie also ein Mensch, der zu solchen Verbrechen fähig ist, der versucht hat, ein ganzes Volk zu vernichten, sich gleichzeitig von Wagners Musik zu Tränen rühren ließ.

      Morgenpost Online: Vielleicht steckt etwas Böses in seiner Musik?

      Barenboim: Ich glaube nicht. Das gleiche Phänomen haben wir auch bei Stalin, nur dass es dort Mozarts Musik war. Auch er hat viele Millionen Menschen ermordet, rein quantitativ waren es vielleicht sogar mehr als bei Hitler, weil Stalin viel länger an der Macht war. Stalins Lieblingspianistin hieß Maria Yudina. Als er im Radio ihre Interpretation des d-Moll-Konzerts von Mozart hörte, hat auch ihn das zum Weinen gebracht, und er verlangte sofort, eine Aufnahme zu bekommen. Die gab es aber nicht, weil es eine reine Radioübertragung war. Daraufhin hat der sowjetische Rundfunk um Mitternacht das ganze Orchester und Maria Yudina noch einmal antreten lassen, damit man am nächsten Morgen um acht Uhr im Kreml erscheinen konnte, um Stalin eine Aufnahme zu überreichen. Wie also ist das möglich, dass ein monströser Verbrecher gleichzeitig von einer so sublimen Musik berührt wird?

      Morgenpost Online: Der Hamburger Historiker Hannes Heer hat im Sommer in Bayreuth dokumentiert, dass es bei den Wagner-Festspielen frühzeitig schon einen praktizierten Antisemitismus gab. Sänger und Dirigenten wurden abgelehnt, weil sie Juden waren, bis in die Dreißigerjahre hinein. Sie sind in Bayreuth gewesen. Hatten Sie ungute Gefühle, als Sie das erste Mal dort waren?

      Barenboim: Haben Sie das Gedicht von Heiner Müller gelesen über seinen Eindruck von Bayreuth? Es heißt "Seife in Bayreuth". Das Gedicht bringt meine Gefühle absolut auf den Punkt. Aber ich glaube, dass Wolfgang Wagner ehrlich versucht hat, nach dem Krieg einen neuen Anfang zu machen. Er war natürlich von seiner Erziehung beeinflusst, aber er hat sich bemüht, das loszuwerden. Natürlich wusste ich, in was ich mich hineinbegebe, als ich das erste Mal nach Bayreuth kam.

      Morgenpost Online: Am Schiller-Theater hat jetzt "Siegfried" Premiere, im März das Finale mit der "Götterdämmerung". Haben Sie in dem vierteiligen "Ring" eine Lieblingsoper?

      Barenboim: Nein. Für mich ist der "Ring" wirklich eine Einheit – gerade in seiner stilistischen Vielseitigkeit. "Rheingold" ist beinahe ein Konversationsstück. Die langsamen Teile der "Walküre", zum Beispiel die "Todesverkündigung", weisen den Weg zu Bruckner. Bei "Siegfried" denkt man an Hector Berlioz. Jedes Stück ist etwas Besonderes.

      Mit freundlicher Genehmigung: © Berliner Morgenpost 2012

      »All-Vater« Wotan

      Als Politiker, der durch Verträge über eine neue Weltordnung herrschen will, scheitert Wotan. Aber als »All-Vater«, vulgo zeugungskräftiges Mannsbild, ist er ein voller Erfolg. Von ehelicher Treue hält er nichts. Als seine Frau Fricka ihm klar macht, dass seine Herrschaft bedroht ist, wenn er als der Gesetzgeber sich nicht an sein eigenes Ordnungssystem gebunden fühlt, raspelt er Süßholz: »Um dich zum Weib zu gewinnen, mein eines Auge setzt ich werbend daran«. Das ist gelogen. Wotan hat dem weisen Riesen Mimir das Auge verpfändet, weil er auch einmal aus dem Weisheitsbrunnen an der zweiten Wurzel der Weltesche Yggdrasil trinken wollte. Weise geworden ist er aber nicht. Was Sex angeht, ist Wotan ein Herumtreiber – zum Beispiel unter dem Pseudonym »Wälse« inmitten der Menschen, bei welcher Gelegenheit er Siegmund und Sieglinde zeugt und so die Voraussetzung für den Inzest schafft, aus dem Siegfried, der »freie Held«, hervorgehen wird, der den Untergang verhindern soll, indem er »sich löse vom Göttergesetz«. Wer Siegmunds und Sieglindes Mutter ist, erfahren wir nicht: »ein Menschenweib « – mehr verrät weder die Sage noch Wagner. Nur Siegfried nutzt diese Bezeichnung später noch einmal, als er über seine Mutter Sieglinde nachsinnt, die bei der Geburt gestorben ist. Dass Wotan schon beim ersten mahnenden Auftritt der Urmutter Erda vom Drang getrieben wird: Die muss ich haben!, ist nicht zu übersehen; am liebsten wäre er ihr gleich hinterhergelaufen. Das hat er dann gründlich nachgeholt, übrigens ohne auf Erdas Einwilligung Wert zu legen. Er zeugte mit ihr nicht nur seine Lieblingstochter Brünnhilde (»Deines Wunsches Braut«, wie Fricka bissig bemerkt), sondern auch deren acht Schwestern, die Walküren. Dem Heervater Wotan die Nornen anhängen zu wollen, die ja auch Erdas Töchter sind, wäre freilich ungerecht. Erda selbst nennt sie »Urerschaff’ne«. Die Nornen sind, auch was Wotans Klan angeht, gewissermaßen exterritorial. Nur mit seiner Ehefrau Fricka hat Wotan keine Kinder.

      Hermann Schreiber