Aus dem Programmheft
von Detlef Giese
Wer aus dem Zentrum Moskaus Richtung südsüdwest fährt, gelangt nach etlichen Kilometern in eine Neubausiedlung. Früher lag hier ein altes Dorf – der Name »Tscherjomuschki« (Faulbeerbäumchen bzw. Traubenkirsche) erinnert daran. Der dörfliche Charakter verschwand durch die in den 1950er Jahren errichteten vier- bis achtgeschossigen Häusern, im Gegensatz zu anderen Neubauquartieren am Rande der Stadt behielt das Areal durch seine eher luftige Bebauung und seine ausgedehnten Grünanlagen einen gewissen Charme. Die Moskauer zogen gern hierher, gab es hier doch vergleichsweise hochwertigen Wohnraum und eine Infrastruktur, die ganz wesentlich zur Lebensqualität beitrug. In Tscherjomuschki konnte man sich durchaus wohlfühlen.
Viele der neuen Bewohner kamen aus den maroden Innenstadtvierteln mit ihren engen, stickigen Gassen und oft wenig menschenwürdigen Behausungen. Dem seit den 20er Jahren, als Moskau zur Hauptstadt der neu gegründeten Sowjetunion wurde, beständig anhaltenden Bevölkerungswachstum musste wirkungsvoll begegnet werden. Immer weiter schob sich die Metropole ins Umland hinein, entlang breiter Ausfallstraßen. Dominierten ab den 30er Jahren, als der Diktator Stalin einen ersten Generalplan zur Entwicklung Moskaus durchgesetzt hatte, opulente, mit reichem Fassadenwerk ausgestattete Bauten im sogenannten »Zuckerbäckerstil«, so änderten sich um die Mitte der 50er Jahre die Erscheinungsformen. Weitgehend schmucklose Häuser in Blockbauweise wurden nun bestimmend – mit dem Effekt, dass in deutlich kürzerer Zeit als bisher Wohnraum geschaffen werden konnte. Für viele Familien erfüllte sich damit der Traum von einer eigenen Wohnung, war es doch weit verbreitet, gemeinsam mit anderen Personen in Gemeinschaftsunterkünften (den »Kommunalkas«) zu leben, zwar mit abgetrenntem Zimmer, aber ohne eigene Küche oder eigenes Bad. Wer eine Neubauwohnung – die trotz begrenzter Wohnfläche, dünner Wände und nicht immer optimaler Verarbeitung doch über einen gewissen Komfort verfügte – zugewiesen bekam, konnte sich glücklich schätzen. Und die Meisten nahmen es auch in Kauf, nicht mehr im Zentrum zu wohnen, sondern an die Peripherie zu ziehen – wie zum Beispiel nach Tscherjomuschki.
Treibende Kraft hinter den forcierten Bemühungen, den Wohnungsbau voranzutreiben, war Nikita Chruschtschow, der sich nach dem Tod Stalins als neuer Machthaber im Kreml etabliert hatte. Auf ihn geht die Neuausrichtung der Architektur zurück, er initiierte auch die Errichtung großräumiger Siedlungen mit Hilfe von vorfabrizierten Bauelementen. Eigentlich waren diese oft sehr hastig hochgezogenen Quartiere nur für eine Übergangszeit von 20 bis 30 Jahren gedacht, um dann durch andere, qualitativ bessere Bauten ersetzt zu werden – allein, Provisorien erweisen sich oft genug als sehr langlebig, so auch hier.
Mit Chruschtschow verbunden ist auch ein Kapitel, das unter dem Begriff »Tauwetter« in die sowjetische Geschichte eingegangen ist. In diesen wenigen Jahren – die von der berühmten Geheimrede 1956, in der Chruschtschow mit den Verbrechen Stalins abrechnete, bis zum Amtsantritt des neuen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew 1964 reichten –, konnten Künstler, Journalisten und Intellektuelle einigermaßen frei agieren, konnten gesellschaftliche Fehlentwicklungen kritisieren und internationale (auch westliche) Kontakte pflegen: alles jedoch im Rahmen der sozialistischen Doktrin und ohne das herrschende System selbst anzutasten.
Dmitri Schostakowitsch, der in den 30er und 40er Jahren wiederholt in die Schusslinie der dogmatischen Stalin’schen Kulturfunktionäre geraten war, genoss diese neue Offenheit. Satire, Ironie und Parodie zählten zu seinen Stärken – nun konnte er sie in seinen Werken mehr denn je ausspielen. Es dürfte kein Zufall sein, dass er sich in der besagten »Tauwetter«-Phase einer Operette zuwendet, zum ersten und einzigen Mal. Gemeinsam mit seinen Librettisten Wladimir Mass und Michail Tscherwinski, zwei bekannten sowjetischen Humoristen, entwarf er eine musikalische Komödie, die das Alltagsleben von Moskauer Bürgern reflektierte und zugleich auf tagespolitische Aktualität setzte.
»Moskau Tscherjomuschki« nimmt die Umsiedlung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Generationen in den Blick. Ihre Wünsche und Hoffnungen werden ebenso artikuliert wie ihre Unsicherheiten und Ängste angesichts der neuen Lebenssituation, hinzu kommen Verwicklungen in Gestalt von Liebes- und Machtspielen. Schostakowitsch hat für das alles eine von Lebendigkeit und Witz nur so sprühende, punktgenau gesetzte Musik geschrieben. Heraus kam ein origineller Stilmix, wie er für die »Sowjet-Operette« der Zeit typisch ist: Anleihen aus der reichen russischen Musiktradition (etwa aus Werken von Glinka, Borodin oder Tschaikowsky) lassen sich ebenso finden wie Anklänge an sowjetische Massen- und Propagandalieder, an Jazz, Promenaden- und Unterhaltungsmusik sowie Broadway-Musicals. Und nicht zuletzt zitiert Schostakowitsch eine ganze Reihe seiner eigenen Werke, spielt augenzwinkernd mit Verweisen und verschlüsselten Botschaften.
»Moskau Tscherjomuschki« hat über das Theater hinaus Popularität gewonnen: Zu Beginn der 60er Jahre arrangierte Schostakowitsch aus der Operetten-Partitur eine Filmmusik, der dazugehörige Streifen lief viele Jahre zu Silvester im sowjetischen Fernsehen. Die eigentümliche Mischung von Utopie und Nostalgie, von demonstrativem Optimismus und hintergründiger Kritik daran, macht den Reiz dieses Werkes aus – einer Komödie voller Doppelbödigkeiten, die von der »Tauwetter«-Zeit und ihren Menschen erzählt.