Lehrstück

von Paul Hindemith

Hindemiths und Brechts »Lehrstück« ist der bis dahin vielleicht radikalste Versuch, Aufführungstraditionen von (Musik-)Theater aufzubrechen. Gegeben ist lediglich ein Rahmen bestimmter Texte und Musiken mit der deutlichen Aufforderung, mit ihnen frei ...

Hindemiths und Brechts »Lehrstück« ist der bis dahin vielleicht radikalste Versuch, Aufführungstraditionen von (Musik-)Theater aufzubrechen. Gegeben ist lediglich ein Rahmen bestimmter Texte und Musiken mit der deutlichen Aufforderung, mit ihnen frei umzugehen, was die Instrumentierung der Musik angeht wie auch die Erlaubnis, Fremdtexte und -musiken einzufügen. Gleichzeitig soll die Trennung von Ausführenden und Publikum aufgelöst werden mittels Examina, Untersuchungen und Repräsentationsformen, die die Grenze zwischen Aufführung und Mittun verwischen.

Regisseur Michael von zur Mühlen betrachtet das Lehrstück denn auch mehr als soziale Plastik, bei der gleichermaßen Sänger, Instrumentalisten, Aktivisten und Publikum zu einem singenden, diskutierenden, lehrenden und lernenden Ganzen zusammenkommen.



    Mitglieder der Staatskapelle Berlin
    1:30 h | keine Pause
    • Hintergrund

      NACHGEFRAGT - Paul Hindemiths »Lehrstück«
      in der musikalischen Bearbeitung und Orchestration von David Robert Coleman

      Interview mit David Robert Coleman

      von Yuri Isabella Kato

      Die Partitur von Paul Hindemiths Lehrstück sieht keine genaue Besetzung vor. Der Komponist lässt es den Ausführenden frei, für die einzelnen Nummern des Stückes dem gestalterischen Willen freien Lauf zu lassen. Ein willkommenes kreatives Feld.

      David Coleman, Komponist und Dirigent, der jüngst an der Staatsoper auch das dritte Bild zu Alban Bergs »Lulu« orchestrierte, entwickelte für das »Lehrstück« eine spannende Zweiteilung zwischen einem kleinen realen Ensemble mit Klavier, Flöte, Trompete, Violoncello und Orgel, das sich im Raum befindet und orchestralen Einspielungen.

      Wenn man jetzt in den Aufführungen von Lehrstück sitzt, hat man, wie ich finde, eine ganz besondere Erfahrung, die den Klang betrifft. Man ist noch mitten im Geschehen und plötzlich hört man den wunderbaren Klang der Staatskapelle, der in eine neue Welt zu entführen scheint.
      Was war Deine Idee und Inspiration dazu?


      Das waren für mich zunächst Malereien von Mantegna oder auch die Grisaille-Technik, die mit unterschiedlichen Schattierungen arbeitet. Oder auch die Idee eines farbigen Hintergrunds und einem schwarz-weißen Vordergrund. Diese Form der Inversion hat man beispielsweise auch in der Negativ-Fotografie. So haben wir es auch gemacht mit dem Orchester und dem kleinen Instrumentarium. Die sinfonische Farbe, ist auch typisch für die Klangwelt Hindemiths. Sie wird zu einer Art farbenreichem Hintergrund und im Vordergrund steht das kleine Instrumentarium, das vielleicht an Strawinskys »Die Geschichte vom Soldaten« oder auch an die Musik von Hanns Eisler erinnert.

      Anfangs dachte ich an zehn bis zwölf Instrumente, dann gab es Ideen zu einem Strawinskyklang wie in »Les noces« mit zwei Klavieren, Schlagzeug, Harfe bevor es zum letzten kleinen Ensemble kam. Die Trompete steht dabei typisch für die Fanfaren, ein bisschen Straßenmusik (trashig), Schlagzeug spielt eine breite Palette von Instrumenten, z.B. mit Ocean drums, die wie Wellen am Strand klingen. Marimba, Pauke, ein Cello für den Streicherklang und Klavier und ganz wichtig eine Kammerorgel, die eine liturgische Musik suggeriert und Assoziationen an eine Kantate erweckt. Denn ich finde, die Musik von Hindemith klingt oft wie Kirchenmusik. Das Lehrstück ist auch etwas wie eine kleine Anti-Kantate.

      Gibt es einen besonderen Umgang mit den Lautsprechern und dem erzeugten Raumklang bei den Zuspielungen?

      Es gibt vier große Lautsprecher, die die Aufnahmen des Orchesters in einer sehr hohen Qualität bringen. Es gibt jedoch Stellen, an denen manche aus kleinen Boxen kommen und dann wie aus einem Radio klingen. Ursprünglich wollte ich den Raum noch viel stärker einbeziehen. Meine Idee war, elektronische Klänge hineinzuflechten, die Verbindungen zwischen den einzelnen Musiknummern schaffen, die wiederum den Raum aufbrechen sollen. Vielleicht mache ich das ein andermal.