X

18. März 2016

Orfeo ed Euridice

Azione teatrale per musica
Text von Ranieri de’ Calzabigi
Musik von Christoph Willibald Gluck

Dem Mythos auf der Spur: Jürgen Flimm und Daniel Barenboim widmen sich Glucks Reformoper.

Wie kaum eine andere Oper hat Christoph Willibald Glucks »Orfeo ed Euridice« den Entwicklungsgang des Genres beeinflusst: Das 1762 in Wien uraufgeführte Werk ...

Dem Mythos auf der Spur: Jürgen Flimm und Daniel Barenboim widmen sich Glucks Reformoper.

Wie kaum eine andere Oper hat Christoph Willibald Glucks »Orfeo ed Euridice« den Entwicklungsgang des Genres beeinflusst: Das 1762 in Wien uraufgeführte Werk bündelte auf geradezu mustergültige Weise die zahlreichen Reformansätze seiner Zeit. Die traditionelle »Opera seria« wurde durch Glucks »Azione teatrale«, die den natürlichen, authentischen Ausdruck der Figuren in den Mittelpunkt stellt, herausgefordert und gewissermaßen überwunden. Der Orpheus-Mythos, der die Form der Oper selbst begründete und bis heute zu den beliebtesten Stoffen des Musiktheaters zählt, hatte mit Gluck eine vollkommen neue Ausformung gefunden. Seine Verarbeitung der Geschichte von Orpheus, der die Götter der Unterwelt mit seinem Gesang betörte, um seine geliebte Eurydike ins Leben zurückholen, ist von einer bis dahin nicht gekannten dramatischen Wahrhaftigkeit und lässt das Publikum tiefen Anteil nehmen an der Gefühlswelt der Protagonisten.

In der Regie von Jürgen Flimm und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim singen Bejun Mehta und Anna Prohaska die Titelpartien, während Nadine Sierra als Amor die Fäden knüpft.


    • Orfeo
    • Euridice
    • Amor
    • Jupiter
    • Tänzerinnen
      • Martina Borroni
      • Vanessa Cokaric
      • Livia Delgado
      • Susanne Eder
      • Angeliki Gouvi
      • Sarah Grether
      • Victoria McConnell
    • Tänzer
      • Roberto Pareira Barbosa
      • Aladino Rivera Blanca
      • Daniel Drabek
      • Chris Jäger
      • Oren Lazovski
      • Ronni Maciel

    In italienischer Sprache
    mit deutschen Übertiteln
    ca. 1:20 h | keine Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Handlung

      I. AKT

      Am Grab Eurydikes beklagt Orpheus den Tod seiner geliebten Frau, während eine Gesellschaft von Trauernden die Totenzeremonie vollzieht. Verzweifelt richtet sich Orpheus an die Götter und fordert von diesen, ihm Eurydike zurückzugeben. Amor erscheint als Bote Jupiters und berichtet, dass Orpheus Eurydike aus der Unterwelt zurückholen dürfe. Allerdings sei es ihm verboten, Eurydike im Schattenreich anzublicken. Orpheus akzeptiert diese Vorgabe, wenngleich er zweifelt, ob Eurydike sein Ver­halten verstehen werde.


      II. AKT

      Vor dem Tor des Hades versperren die schaurigen Furien Orpheus den Zugang zur Unterwelt. Doch gelingt es ihm, die höllischen Gestalten durch seinen Gesang zu beschwichtigen, sodass sie ihm den Weg in das Elysium gewähren. Dort angekommen, besingt Orpheus die Schönheit des Ely­siums, doch konzentrieren sich seine Gedanken nach wie vor nur auf die Suche nach Eurydike. Er findet die Geliebte und ist entschlossen, sie unter Wahrung von Jupiters und Amors Gebot aus der Unterwelt zu führen.


      III. AKT

      Orpheus fordert die ungläubige Eurydike auf, seinen Anweisungen bedingungslos zu folgen und mit ihm die Unterwelt zu verlassen. Doch klagt sie bald über die geringe Zuneigung ihres Mannes und verlangt von ihm, sie anzusehen. Orpheus verweigert den Blick und bemüht sich, den Klagen Eurydikes zu widerstehen. Enttäuscht darüber, dass Orpheus ein entscheidendes Geheimnis vor ihr verbirgt, droht sie, lieber sterben zu wollen als ungeliebt mit ihm zu leben. Hieraufhin bricht Orpheus’ Widerstandskraft und Eurydike stirbt zum zweiten Mal. Den abermaligen Verlust Eurydikes nicht fassen könnend, beschließt Orpheus, sich das Leben zu nehmen. Dann erscheint Amor und ruft Eurydike als Belohnung für Orpheus’ Treue zurück ins Leben.

    • Pressestimmen

      »Das totale Gluck-Glück.« FAZ

      »Bejun Mehta ist auf der heutigen Opernszene wohl der ideale Orpheus, ein Künstler, der die Technik und die Stimmfarben seines Countertenors perfekt ausstellt, der den mythischen Sänger des Liebesschmerzes in all seinem Gefühlschaos vollendet verkörpert.« Süddeutsche Zeitung

      »Jürgen Flimms traumrealistische, psychologisch hellhörige Regie gibt den Protagonisten scharfe Konturen, den dramatischen Situationen und Seelenregungen der selig-unseligen Liebenden frappierende Genauigkeit des Aufeinander-Reagierens. Die Spiellust des Paars, der Chorfurien und Höllengeister, kann sich lebhaft entfalten.« Süddeutsche Zeitung

      »Dem jugendlichen Euridice-Zauber der Anna Prohaska nicht zu verfallen, ist für Orfeo ein Ding der Unmöglichkeit.« Süddeutsche Zeitung

      »In Berlin gelang es Jürgen Flimm mustergültig, den wahrhaft erhabenen Geist dieser Oper in eindrückliche Bilder zu übersetzen. Es geht in "Orfeo ed Euridice" ja um nichts weniger als um die Frage, ob die Liebe wirklich stärker ist als der Tod, ob Orpheus seine verstorbene Geliebte tatsächlich aus dem Jenseits zurückholen kann. Er scheitert, allerdings so poetisch, das Hoffnung bleibt.« Bayerischer Rundfunk

      »Ein erhellender Abend über die großen Themen der Aufklärung, über die zeitlose Sehnsucht nach dem Wesentlichen.« Bayerischer Rundfunk

      »Da passt alles zusammen – von Anfang bis zum Ende – wenn Sänger und Orchester den Triumph der Liebe anstimmen, wenn die Flöte diesen leise verklingen lässt, während Orpheus dasteht wie zu Beginn dieser Reise in die Unterwelt, am Grab seiner Eurydike. Und wenn er dort die Erde wie glitzernden Sternenstaub aus seinem leeren Geigenkasten rieseln lässt, dann ist klar: Die Liebe, sie überdauert den Tod, doch nur in unseren Träumen. So einfach wie anrührend machen Regisseur Jürgen Flimm, Dirigent Daniel Barenboim, Sänger und Orchester aus ihrem Triumph eine stille Erinnerung.« rbb online

      »Jetzt klingt bei ihm [Daniel Barenboim] auch der alte Gluck der Klassik vollkommen neu. Nichts mehr ist bloß historisch und vertraut. Bereits die Ouvertüre reißt die Tür auf zu einer anderen Welt des individuellen Klangs, der in zuvor verschlossene Tiefen der Seele dringt. Genau das war das Programm des Opernreformers Gluck, der die formalen Regeln der Gattung ersetzen wollte durch die Wahrheit des Ausdrucks menschlicher Gefühle.« taz

      »Es bleibt ein Traum, nicht weil Orpheus Jupiters Verbot missachtet, sondern weil Liebe und Tod existentielle Grunderfahrungen sind. Die Altmeister Flimm und Barenboim zeigen, wie Christoph Willibald Gluck beide in die Schönheit reinster Musik auflöst.« taz

      »Im Klagechor der ersten Szene klingt der Schmerz über den Tod der Geliebten so furchtbar, wie er ist. Bejun Mehtas Einwürfe des einen Namen Euridice sind hilflose Versuche, Worte dafür zu finden und rühren zu Tränen.« taz

      »Anna Prohaska singt Euridice mit einer Unbedingtheit, vor der kein Mann bestehen kann.« Der Tagesspiegel

      »Dirigent Daniel Barenboim und sein Orchester wurden ebenso begeistert gefeiert wie die Sänger« dpa

    • Hintergrund

      EIN NEUES KAPITEL DER OPERNGESCHICHTE
      Glucks Reformoper »Orfeo ed Euridice«

      Es gab eine Zeit in der Operngeschichte, zu der es nötig schien, die traditionelle Opera seria von innen heraus zu erneuern. Trotz so hervorragender, zweifelsohne phantasievoller Komponisten wie Alessandro Scarlatti, Georg Friedrich Händel oder Johann Adolf Hasse schien diese Kunstform zunehmend erstarrt: Nicht nur die oft reichlich stereotype Abfolge von Rezitativen und Arien galt als wenig zukunftstauglich, auch wurde die demonstrativ ausgestellte sängerische Virtuosität als purer Selbstzweck angesehen, da sie nicht der Vergegenwärtigung des dramatischen Geschehens diente. Text und Handlung enthielten kunstvolle Wortspiele und kompliziert eingefädelte Intrigen, die nur schwer fassbar, geschweige denn verständlich waren — im Mittelpunkt standen allein die Schönheiten der Musik und die spektakulären stimmlichen Leistungen der Protagonisten.

      Diesen vielerorts als betrüblich empfundenen Zuständen wollten selbsternannte Reformer abhelfen. Im Falle von »Orfeo ed Euridice« waren es drei Personen, die daran ihren Anteil hatten. Zunächst der Graf Giacomo Durazzo, Generaldirektor der Wiener Hofoper; er strebte eine grundlegende Erneuerung der alten Opera seria an. Aus dem Geist der Aufklärung heraus, die nach Rousseau das Motto »Zurück zur Natur« proklamierte, sollte jegliche Künstlichkeit aus der Operndichtung und -komposition getilgt werden. Ein natürliches Singen und Spielen war gefragt, eine lebendige Darstellung des auf die Bühne gebrachten Dramas, ob nun Tragödie oder Komödie.

      Der Librettist Rainieri de’ Calzabigi verfolgte die gleichen Ziele: Auch ihm kam es darauf an, die standardisierte, häufig eindimensionale Zeichnung der Figuren zugunsten von »wirklichen Menschen« mit ihrem individuellen Denken, Fühlen und Entäußern aufzulösen. Natürlichkeit des Ausdrucks war auch hier gefragt, im Sinne einer glaubhaften Verkörperung der Charaktere. Diese sollten ein möglichst breites Spektrum menschlichen Empfindens durch ihre Worte und ihren Gesang abbilden; beides sollte durch den Betrachter unmittelbar verstanden werden können. Eine vergleichsweise schlichte Handlung in einfacher Sprache schien deshalb angebracht zu sein, und dies in deutlicher Absetzung zu den üblichen Libretti mit ihren verwickelten, kaum richtig zu entwirrenden Handlungssträngen.

      Der Komponist schließlich — Christoph Willibald Gluck aus der Oberpfalz, der sich europaweit einen glänzenden Ruf als Meister der Opera seria erworben hatte — wurde mit der Aufgabe betraut, auf den Text eine Musik zu schreiben, die eingängig genug war, um dem Publikum zu gefallen, zugleich aber den Sinn der Worte nicht verdeckten, sondern mit äußerster Klarheit zur Erscheinung bringen würde. Entscheidend bei alledem war die Wahrheit des musikalischen Ausdrucks sowie die Entwicklung eines in allen Momenten theatralisch überzeugenden »dramma per musica«.

      Mit der »Azione teatrale« »Orfeo ed Euridice« schufen der Dichter Calzabigi und der Komponist Gluck auf Anregung von Graf Durazzo schließlich jenes Werk, das gleichsam zum Inbegriff der klassischen Reformoper wurde. Der Orpheus-Mythos, der nicht von ungefähr bei der »Erfindung« der Oper in Italien Pate stand — man denke hier an die »Euridice« von Jacopo Peri und Giulio Caccini aus dem Jahre 1600 und an den »Orfeo« von Claudio Monteverdi von 1607 — , hatte eine neue Ausformung gefunden: Mit der Uraufführung von »Orfeo ed Euridice« Anfang Oktober 1762 im Burgtheater zu Wien war ein neues Kapitel der Operngeschichte aufgeschlagen worden.




      Text von Detlef Giese