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28. Mai 2016

Juliette

Lyrische Oper in drei Akten von Bohuslav Martinů H. 253
Text von Bohuslav Martinů nach Georges Neveux' Theaterstück »Juliette ou la Clé des songes«

Getrieben von der Suche nach einer Frau mit dem Namen Juliette kommt Michel zurück an jenen Ort, wo er sie das letzte und einzige Mal gesehen hat. Doch etwas hat sich verändert: alle Menschen haben hier ihr Gedächtnis verloren. Schließlich findet er ...

Getrieben von der Suche nach einer Frau mit dem Namen Juliette kommt Michel zurück an jenen Ort, wo er sie das letzte und einzige Mal gesehen hat. Doch etwas hat sich verändert: alle Menschen haben hier ihr Gedächtnis verloren. Schließlich findet er Juliette wieder, doch bei ihrer Verabredung im Wald kommt es zum Streit und ein Pistolenschuss löst sich.

Ausgehend von dem Mord an Juliette inszeniert Regisseur Claus Guth das Musiktheaterstück als Krimi-Plot und zeichnet das Psychogramm eines mutmaßlichen Täters. Auf der Bühne entsteht dafür ein »inneres Archiv«, in dessen unzähligen Fächern und Schubladen Michel versucht, seine Tat und die Erinnerungen daran vor dem Bewusstsein zu verstecken. Bohuslav Martinů ließ sich im Paris der 1920er maßgeblich durch die Surrealisten um ihren geistigen Anführer André Breton sowie durch die Auseinandersetzung mit Sigmund Freuds Traumdeutung und der Psychoanalyse inspirieren.

Seine Oper »Juliette«, ist nicht zuletzt dank des klanglichen Reichtums, der unverkennbar impressionistischen Färbung und der farbenreich ausdifferenzierten Orchestrierung eines der großen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim, der erstmals dieses Werk dirigiert, sind u. a. Magdalena Kožená in der Titelpartie und Rolando Villazón als Michel zu erleben.



    In französischer Sprache
    mit deutschen Übertiteln
    ca. 3:10 h | inklusive 2 Pausen
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn

    SONDERAUSSTELLUNG
    Im Gläsernen Foyer gibt es begleitend zu den Vorstellungen von »Juliette« eine modulare Ausstellung, die das Leben und Werk des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů beleuchtet.
    • Handlung

      AKT 1

      Michel ist desorientiert. Er findet sich wieder an einem Ort, der ihm vollkommen unbekannt und rätselhaft erscheint, gleichzeitig jedoch auf eine unheimliche Weise bekannt: Er weiß genau, dass er hier schon einmal gewesen sein muss. Irgendwo hier hat er zum ersten und einzigen Mal Juliette gesehen. Sie ist für ihn die Liebe seines Lebens geworden, das unerreichte Objekt der Begierde. Alle Menschen haben an diesem Ort ihr Gedächtnis verloren. Es erscheinen mehrere eigenartige Personen: zwei Araber, streitende Damen, ein Mann mit Hut, ein Mann am Fenster und ein mysteriöser Kommissar, die ihm alle, wie in einem Puzzle, einzelne Teile seiner Erinnerung zurückbringen. Plötzlich vernimmt er die vertraute Stimme Juliettes und jenes Lied, das er einst durch ein offenes Fenster hörte.


      AKT 2

      [24 Stunden früher]
      Michel ist im Wald mit Juliette verabredet. Bevor er endlich mit ihr allein ist, begegnen ihm drei Herren, die, wie er selbst, voller Sehnsucht auf Juliette warten, der weinausschenkende Altvater Jugend, der seinen Gästen Geschichten als deren Erinnerungen verkauft und eine ebenso geschäftstüchtige Handleserin, die dem Rendezvous ein schlimmes Ende voraussagt. Endlich kommt es zum langersehnten Treffen mit Juliette. Doch wird dieses zunächst durch einen Verkäufer gestört, der Fotos und Gegenstände als persönliche Erinnerungen anbietet. Als Michel Juliette stattdessen von seinen »wahren« Erinnerungen erzählen möchte und daraufhin von ihr verspottet wird, implodiert die Intensität der Gefühle und ein Pistolenschuss fällt. Juliette stirbt. Michel, der sich selbst versichert, nicht geschossen zu haben, wird umzingelt und vor ein Tribunal gestellt: Er soll gehängt werden. Durch einen Trick kann er der Meute entkommen: Er erzählt den Erinnerungslosen eine schöne Erinnerung. Michel wird schließlich eingeholt von einem Strudel der Erinnerungen, der ihn taumeln lässt. Abermals hört er die Stimme Juliettes.


      AKT 3

      Michel befindet sich in einer vollkommen losgelösten Welt, dem sogenannten Zentralbüro für Träume. Alles ist hier anders. Begrüßt wird er von einer Art Beamten, der für eine zuverlässige Wunscherfüllung zuständig ist: Jeder, der hier eintritt, sei es ein Bettler, ein Lokomotivführer oder ein Sträfling, hat nur den einen Wunsch, für einen Moment seine banale Existenz zu verlassen und das vollkommene Glück mit einer Frau zu erleben, die Juliette heißt. Danach muss jeder diesen Ort wieder verlassen oder bleibt für immer gefangen in der leerlaufenden Wiederholungsschleife seines Begehrens. Michel muss sich entscheiden.

    • Pressestimmen

      »…was Daniel Barenboim, der Regisseur Claus Guth sowie Rolando Villazón und Magdalena Kožená als Protagonisten hier vorführen, ist ein Erlebnis, einer der ganz großen, seltenen Glücksfälle des Musiktheaters. Das gilt für das Stück wie für die Produktion.« Berliner Zeitung

      »Magdalena Kožená gelingt das Kunststück, ihre Juliette als Projektionsfläche gleichermaßen unfasslich zu halten wie auch präsent. Und Rolando Villazón, der fast die gesamte Zeit auf der Bühne steht und singt, ist der beste und beweglichste Michel, den man sich vorstellen kann.« Berliner Zeitung

      »Dieser Abend ist ein Triumph für Rolando Villazón.« Der Tagesspiegel

      »Als Michel nach seinem tödlichen Schuss auf Juliette hingerichtet werden soll, wachsen auf Basis eines groovigen Klangteppichs Orchester und Ensemble über sich hinaus. Das ganze Haus schwingt hier, auch durch die fabelhaft beweglichen Sängerdarsteller.« Berliner Morgenpost

      »Guths Inszenierung bietet eine fesselnde und bis ins Detail brillant umgesetzte Deutung.« Deutschlandfunk | Kultur heute

      »Eine großartige Wiederentdeckung der Staatsoper. In den Hauptrollen glänzen Rolando Villazón und Magdalena Kožená.« B.Z.

    • Hintergrund

      Michel ist von einer Obsession getrieben. Sie heißt Juliette. Er hat diese Frau schon einmal gesehen, das muss Jahre her sein. Er kann sich genau an alles erinnern, an ihr Kleid und den Klang ihrer Stimme. Er muss sie wiederfinden. Er kehrt zurück an den Ort, an dem er sie das letzte Mal gesehen hat. Seltsam nur, wie sich hier alles verändert hat: Alle Bewohner haben das Gedächtnis verloren. Was hat das zu bedeuten? Michel verliert auf der Suche nach Juliette immer mehr seine Orientierung. Anscheinend ist er der einzige, der sich erinnern kann. Er wird zum »Kapitän« ernannt und erhält eine Pistole mit einer Kugel, verbunden mit dem Hinweis, diese niemals zu benutzen. Er findet Juliette. Sie verabredet sich mit ihm im Wald. Als sie sich von ihm losreißt, zieht er seine Pistole und schießt blindlings. Er flüchtet und verliert Juliette wieder. Zurück in der Stadt klopft er an Juliettes Tür. Eine fremde Dame öffnet und erklärt, dass sie schon seit Jahren allein in diesem Haus lebt. Michel beschließt, den Ort wieder zu verlassen. Doch als er sich auf den Weg macht, hört er durch ein offenes Fenster abermals Juliettes Gesang. Die 1938 in Prag uraufgeführte Oper Juliette nimmt eine Zentralstellung im Schaffen des Komponisten Bohuslav Martinů ein und bildet gleichsam chronologisch den Mittelpunkt seines Lebenswerks. Für Martinů, der zu den vielseitigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gehört und unterschiedlichste Gattungen und Stile — von tschechischer und mährischer Volksmusik bis Jazz reichend — erprobte und in seine Werke integrierte, eröffnete sich mit seinem Umzug von Prag nach Paris 1923 eine neue Welt der Inspiration. In Paris sorgten die Surrealisten um ihren geistigen Anführer André Breton mit einer neuen Welt- und Kunstauffassung für Furore. Das erklärte Ziel, die materiell-realistische Sphäre mit der des Übernatürlichen und Unterbewussten zu vereinen, entsprang nicht zuletzt der Auseinandersetzung mit Sigmund Freuds Traumdeutung. »Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität«, formulierte es Breton in seinem berühmten ersten Manifest des Surrealismus. Auch das Theaterstück Juliette ou la clé des songes, des sich ebenfalls dieser Gruppe zurechnenden Georges Neveux, entstand 1927 in der Blütezeit des Surrealismus. Martinů lernte es im Jahr seiner skandalträchtigen Uraufführung 1930 kennen und zeigte sich sogleich begeistert von seiner neuartigen Dramaturgie sowie dem mysteriösen Inhalt. Dennoch sollte es noch einige Zeit dauern, bis er Juliette als Vorlage für eine Oper in Erwägung zog. Martinů berichtete Neveux im Sommer 1936 von seinem Vorhaben und spielte ihm den bereits fertig gestellten ersten Akt auf dem Klavier vor. Noch Jahre später äußerte sich Neveux euphorisch über das bei diesem Treffen Gehörte und sicherte dem Komponisten die Rechte an dem Stück umgehend zu. Für die phantastische Traumwel dieser Oper erfand Martinů eigene formalmusikalische Strategien wie z. B. die sogenannten »Juliette-Akkorde«, die er auch in späteren Werken verwendete. Nicht zuletzt machen der klangliche Facettenreichtum, der lyrisch-impressionistische Tonfall und die farbenreich-differenzierte Behandlung des Orchesterapparats Juliette zu einem der großen Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts.