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04. Juli 2015

When I am laid in EarthBarock trifft Gegenwart

Freiburger BarockConsort | Mitglieder der Staatskapelle Berlin

ALTE UND NEUE MUSIK: PERSPEKTIVE ALS GEMEINSAMER FLUCHTPUNKT

In diesem Konzertprogramm begegnen sich Alte und Neue Musik, von zwei verschiedenen Ensembles gespielt, im England des 16./17. Jahrhunderts. Gemeinsamer Fluchtpunkt der Musikist der Zeitgeist ...

ALTE UND NEUE MUSIK: PERSPEKTIVE ALS GEMEINSAMER FLUCHTPUNKT

In diesem Konzertprogramm begegnen sich Alte und Neue Musik, von zwei verschiedenen Ensembles gespielt, im England des 16./17. Jahrhunderts. Gemeinsamer Fluchtpunkt der Musikist der Zeitgeist dieser Epoche, sein Kreisen um Melancholie, Liebe und Todessehnsucht, das durch eine charakteristische Tonsprache in »Songs« wie kontemplativer Instrumentalmusik seinen Ausdruck findet. Die vom Freiburger BarockConsort und der Sopranistin Dorothee Mields interpretierten Werke aus dem England des 17. Jahrhunderts verbinden sich dabei kongenial mit ausgewählten Werken zeitgenössischer Komponisten, die alle aus dem Witten In Nomine Broken Consort Book stammen. Diese Sammlung wurde 1999 von dem Freiburger ensemble recherche initiiert und wird bis heute fortgesetzt. Sie enthält Werke der bekanntesten Vertreter der internationalen Komponistenszene, die sich in ihren Kompositionen – mal mehr, mal weniger deutlich – auf die englische »In nomine«-Tradition des 16. und 17. Jahrhunderts beziehen.

Im Programm verkörpert die Neue Musik nicht nur eine bloße Vogelflugperspektive auf die Musik der zurückliegenden Jahrhunderte – sie verbindet die Stücke aus dem 17. Jahrhundert miteinander, kommentiert, ja ergänzt sie sogar. Gleiches gilt für die Alte Musik, die ebenfalls (so paradox es klingen mag) als Bindeglied und Ergänzung zu den zeitgenössischen Werken fungiert. So bereitet etwa Salvatore Sciarrinos In Nomine Nominis mit leisen, unter die Haut gehenden Klopf-, Atem- und Pfeifgeräuschen die Ohren der Hörer auf das eindringliche, tieftraurige Lamento When I am laid in earth aus Henry Purcells Oper Dido and Aeneas vor, während das Purcell-Lied Oh Solitude als atmosphärisches Bindeglied zu Claus-Steffen Mahnkopfs verhaltenem requiescant in pace wirkt, auf das Anthony Holbornes verklärendes The Image of Melancholy folgt. Toshio Hosokawas Song from far away misst mit seinen außereuropäischen Klängen auch die Distanz zwischen Jetztzeit und Vergangenheit; die In nomine instrumentation colorée II von Gérard Pesson (nach Thomas Tallis) führt danach den Hörer langsam wieder in die Welt von Gestern, aus der dann Purcells If music be the food of love erklingt und dem musikalischen Geschehen des Programms einen weiteren Impuls (»sing on, sing on«) hinzufügt. Nach dem Song Sweeter than roses, der die Ambivalenz Liebe/Tod thematisiert, leitet Brice Pausets In stilo fantastico, in dem der prominenteste Instrumentalstil des 16./17. Jahrhunderts mit eigenen Klangmitteln aktualisiert wird, zu einer Consort-Suite von Matthew Locke über (deren erster Satz, eine Fantasia, im »stilo fantastico« komponiert ist).

Den Schluss des Konzerts markiert Klaus Hubers In Nomine – ricercare il nome. In diesem Konzertprogramm verwischen sich die zeitlichen Ebenen zwischen Vorher und Nachher, Alter und Neuer Musik. Es entsteht ein wechselseitiges Ergänzen, Kommentieren und atmosphärisches Durchdringen, mit dem zugleich eine Brücke zwischen Toshio Hosokawas Oper Matsukaze und Claudio Monteverdis »Favola in musica« L’Orfeo geschlagen wird, die beide in diesen Tagen auf dem Spielplan der Staatsoper stehen.

Henning Bey


WILLIAM LAWES
Set a 5 in C major

SALVATORE SCIARRINO
In Nomine Nominis (2001)

HENRY PURCELL
Thy hand Belinda … – When I am laid in earth
aus „Dido and Aeneas“ Z. 626

HENRY PURCELL
Oh Solitude Z. 406

CLAUS-STEFFEN MAHNKOPF
requiescant in pace. In memoriam victimarum christianitatis (2000)

ANTHONY HOLBORNE
The Image of Melancholy

Pause

TOSHIO HOSOKAWA
A song from far away – in Nomine (2001)

THOMAS TALLIS | GÉRARD PESSON
In nomine – instrumentation colorée II (1999)

HENRY PURCELL
If music be the food of love Z. 379

HENRY PURCELL
Sweeter than roses Z. 585

BRICE PAUSET
In stilo fantastico (1999)

MATTHEW LOCKE
Suite No. 1 in D minor

KLAUS HUBER
In Nomine – Ricercare il nome (1999)
Konzerteinführung 45 min. vor Vorstellungsbeginn