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11. Oktober 2014

Tristan und Isolde

Oper von Richard Wagner

Innere und äußere Gründe waren es, die zur Entstehung des TRISTAN beitrugen. Die mittelalterlichen literarischen Gestaltungen des Stoffes kannte Wagner schon von seinen Dresdener Studien her. Seine Aufmerksamkeit wurde erneut auf das Sujet gelenkt, als ...

Innere und äußere Gründe waren es, die zur Entstehung des TRISTAN beitrugen. Die mittelalterlichen literarischen Gestaltungen des Stoffes kannte Wagner schon von seinen Dresdener Studien her. Seine Aufmerksamkeit wurde erneut auf das Sujet gelenkt, als sein Freund und Famulus Karl Ritter daran ging, nach Gottfried von Straßburgs TRISTAN-Epos ein Drama zu gestalten. Der tiefere Grund für die Entstehung des TRISTAN ist allerdings darin zu suchen, dass die Arbeit am SIEGFRIED stagnierte. In der Hinwendung zum TRISTAN, den er als »Ergänzungsakt des großen, ein ganzes Weltverhältnis umfassenden Nibelungenmythos« betrachtete, sah Wagner einen Ausweg aus der Krise. Zweifellos besaß auch Wagners Liebesbeziehung zu Mathilde Wesendonck tief innerliche Bedeutung für den Schaffensprozess.

Den mittelalterlichen Quellen entnahm Wagner kaum mehr als die Grundidee. Er verzichtete auf alles Beiwerk und all die vielen Handlungsdetails, die sich in den Vorlagen finden. Das Geschehen erfährt bei ihm eine Ausweitung nach innen, wird zum psychologischen Drama, das mit den Mitteln der Musik in die Tiefen des Unterbewusstseins vordringt.

Die Musik des TRISTAN nimmt eine Sonderstellung in Wagners Schaffen ein. Weder vorher noch nachher bediente er sich solcher Ausdrucksmittel. Zu Recht spricht man von einem eigenen TRISTAN-Stil. Dieser ist durch eine Melodik gekennzeichnet, die im Streben nach höchster Expressivität jene »Sehnsucht«, jenes »unstillbare, ewig neu sich gebärende Verlangen, Dürsten und Schmachten« ausdrückt, von dem Wagner in seiner programmatischen Erklärung des TRISTAN-Vorspiels spricht.

»In nuce« ist der TRISTAN-Stil bereits in den ersten Takten des Vorspiels enthalten: in jenem sehnsuchtsvollen Motiv, das mit seinem schmerzlich-verlangenden »Tristan-Akkord« wie ein Motto des ganzen Werkes erscheint. Wagners geniale Tat war es, sämtliche nach Erweiterung der melodischen und harmonischen Sprache drängenden Bestrebungen des 19. Jahrhunderts zu einer musikalischen Sprache verdichtet zu haben, die — wie Richard Strauss es formulierte — »unter alle Romantik [...] den göttlichen Schlusspunkt« setzt. Gleichzeitig stellt der TRISTAN mit seiner Tendenz zur Auflösung der tonalen Grundlagen einen Vorausgriff auf die Musik des 20. Jahrhunderts dar, auf den Impressionismus Debussys ebenso wie auf die Wiener Zwölftonschule Arnold Schönbergs.



    In deutscher Sprache mit Übertiteln
    4:55 h | inklusive 2 Pausen
    • Handlung

      ERSTER AUFZUG
      Ein Schiff fährt von Westen nach Osten, von Irland nach Kornwall. Tristan, Neffe von König Marke, hat die irische Königstochter Isolde für seinen Onkel gefreit und bringt sie nun zur Hochzeit. Während der bisherigen Überfahrt hält sich Tristan von Isolde fern. Sie lässt ihn durch ihre Vertraute Brangäne auffordern, ihr den gebührenden Respekt zu erweisen. Tristans Vertrauter Kurwenal verhöhnt sie mit einem Spottlied. Isolde berichtet daraufhin Brangäne voller Hass und Wut die Vorgeschichte:
      Tristan hatte Isoldes Verlobten Morold im Kampf erschlagen, damit Kornwall aus der Tributpflicht gegenüber Irland befreit und Isolde zum Hohn Morolds abgeschlagenes Haupt geschickt. Doch Morold hatte Tristan eine schwere Wunde beigebracht, die nur Isolde heilen konnte. So begab sich Tristan unter dem falschen Namen Tantris in ihre Behandlung, aber sie erkannte ihn. Zur Rache hatte sie ihn töten wollen, doch als Tristans Blick den ihren traf, wandelte sich der Hass in — noch uneingestandene — Liebe. Sie pflegte Tristan gesund und entließ ihn an den Hof König Markes. Doch Tristan kehrte zurück und warb sie als Braut für den König.
      Nun fühlt sich Isolde gedemütigt. Sie beschließt, sich und Tristan mit einem Todestrank zu töten. Als auf Isoldes Drohung hin, sonst nicht vor den König zu treten, Tristan schließlich bei ihr erscheint, vertauscht Brangäne den Todestrank mit einem Liebestrank. Im Glauben, gemeinsam Selbstmord zu begehen, trinken Isolde und Tristan davon und gestehen sich im Angesicht des vermeintlichen Todes ihre Liebe.
      In diesem Moment trifft das Schiff in Kornwall ein, und nur mühsam gelingt es Brangäne und Kurwenal, Herrin und Herrn auseinander zu reißen und König Marke die Braut zu präsentieren.

      ZWEITER AUFZUG
      König Marke ist mit seinem Gefolge zu einer nächtlichen Jagd aufgebrochen, Isolde wartet im Garten vor ihrem Gemach auf Tristan. Brangäne befürchtet eine Intrige von Markes Gefolgsmann Melot und versucht Isolde zu warnen, doch diese löscht ungeduldig die Fackel aus: das Zeichen für Tristan zu kommen.
      Tristan und Isolde begrüßen sich emphatisch und versinken im Liebestaumel. Ihre Sehnsucht nach Liebe im »weiten Reich der Weltennacht« wandelt sich zur Todessehnsucht.
      Sie hören nicht auf Brangänes Warnrufe, und im Moment der höchsten Steigerung von Liebes- und Todesverlangen erscheint Marke, von Melot geführt, und überrascht die Liebenden. Auf Markes verzweifelt-traurige Klage über Tristans Verrat kann Tristan keine Antwort geben. Er erinnert Isolde an den Entschluss zum gemeinsamen Tod, provoziert Melot zum Kampf und stürzt sich in dessen Schwert.

      DRITTER AUFZUG
      Kurwenal hat den schwer verwundeten Tristan nach Kareol, der Burg seiner Väter in der Bretagne, gebracht. Da die Wunde nicht heilen will, hat Kurwenal nach Isolde geschickt. Ein Hirt hält Ausschau nach ihrem Schiff.
      Die alte traurige Weise, die der Hirt auf seiner Schalmei spielt, weckt Tristan aus seiner Ohnmacht. Seine Worte und Gedanken kreisen um seine traurige Kindheit, um den frühen Verlust der Eltern. Er fühlt sich aus dem Totenreich wiedergekehrt, einzig um lsolde noch einmal zu sehen. Solange sie lebt, glaubt er, nicht sterben zu können. Unstillbare, quälende Sehnsucht erkennt er als das Gesetz seines Lebens und verflucht den Liebestrank. In einer Vision sieht er lsolde über das Meer zu ihm kommen.
      Als lsolde wirklich eintrifft, reißt Tristan sich die Verbände von der blutenden Wunde und stirbt. So ist der gemeinsame Liebestod unmöglich geworden. Marke ist lsolde auf einem zweiten Schiff gefolgt, doch ihm bleibt nichts als seinem Schmerz über den Verlust Tristans bewegenden Ausdruck zu geben.
      lsolde sieht Tristan in verklärter Gestalt wiedererwachen und gemeinsam mit ihr in des »Welt-Atems wehendem All« vergehen.