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22. Februar 2015

Through RosesMarc Neikrug

Musiktheater für Sprecher und acht Instrumente | Text von Marc Neikrug

Opern US-amerikanischer Komponisten sieht man auf deutschen Bühnen relativ selten. Nachdem in der Staatsoper mit Elliott Carters »What next?« 1999 und Morton Feldmans »Neither« 2014 zwei ganz wesentliche, gegen den allgemeinen Trend der amerikanischen ...

Opern US-amerikanischer Komponisten sieht man auf deutschen Bühnen relativ selten. Nachdem in der Staatsoper mit Elliott Carters »What next?« 1999 und Morton Feldmans »Neither« 2014 zwei ganz wesentliche, gegen den allgemeinen Trend der amerikanischen Moderne stehende Werke aufgeführt wurden, kommt mit »Through Roses« in der Werkstatt ein weiteres Stück eines querständigen Komponisten zur Aufführung. Der 1946 in New York geborene Komponist und Pianist Marc Neikrug schrieb es 1979/80.



    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Handlung

      Through Roses, ein Auftragswerk des in New Yorks 92. Straße ansässigen Vereins YW-YMHA (Youn Women's-Young Men's Hebrew Association), entstand innerhalb von fünfzehn Monaten während der Jahre 1979/80. Die Grundkonzeption gewann ich aus verschiedenen Quellen; am wichtigsten war für mich, eine nicht-opernhafte, aber trotzdem dramatische Ausdrucksform zu finden. Etwa zur gleichen Zeit erfuhr ich von der Geschichte eines Musikers, der gezwungen worden war, in einem Konzentrationslager aufzutreten. Allmählich entstand die Idee, ein »Theaterstück mit Musik« zu schreiben, dessen Protagonist ein Geiger ist, der die Todeslager überlebt hat. Das gab mir die Möglichkeit, Musik, die er gespielt haben könnte, in meine eigene Komposition einzubeziehen.

      Mein Ziel war es, eine Form zu schaffen, in der sich sowohl theatralische als auch musikalische Elemente völlig frei entfalten können. Der Schauspieler agiert in einem Bühnenbild; seine Diktion ist im Detail nicht vorgeschrieben, wohl aber sind Text und Musik insoweit verbunden, als in der Musik gewisse Orientierungspunkte auftreten, die die zeitlichen Grenzen markieren, innerhalb deren der Text des Schauspielers gesprochen werden muss. Die Musiker befinden sich ebenfalls auf der Bühne, sie verkörpern gleichsam Phantasiegestalten des Protagonisten.

      Die musikalischen und dramaturgischen Strukturen wurden parallel entwickelt, so dass sie unabhängig voneinander bestehen können, sich jedoch zugleich wechselseitig im Detail wie in der Großform bekräftigen. Das Drama gleicht in seinem Aufbau einer Reihe von konzentrischen Kreisen: In dem Maße, wie die Erinnerungen des Mannes wach werden, führt eine Assoziation unerbittlich zur nächsten. In einer Art wahnsinnigem Ritual verfolgt der Protagonist einen Gedanken nach dem anderen zurück und gelangt so schließlich zu jener quälenden Erinnerung, die im Zentrum steht – und dem Werk den Titel gibt. (Der Zwang, das Vergangene immer wieder durchleben zu müssen, ist typisch für die Opfer traumatischer Erlebnisse.) Die Beziehungen zwischen Musik, Text und Aktion sind mit verschiedenen psychologischen Ebenen vergleichbar: Die sichtbare Bühnenhandlung wird durch den Text unterstützt, der sich seinerseits auf einer tieferen Ebene voller Assoziationen und traumatischer Erinnerungen bewegt. In der Musik hingegen spiegelt sich eine noch verborgenere Ebene, die jenseits der Möglichkeiten sprachlichen Ausdrucks liegt. Bei den musikalischen Anspielungen, die in Through Roses an Schlüsselstellen des Dramas stehen, handelt es sich sowohl um Fragmente von Militärmärschen und Volksliedern als auch um Ausschnitte aus Werken von Haydn (der langsame Satz des Kaiser-Quartetts, d. h. die Melodie von »Deutschland, Deutschland über alles«), Beethoven, Paganini, Wagner, Berg, Mozart, Schubert und Bach. Als der Protagonist beispielsweise daran zurückdenkt , dass er gezwungen wurde, für den Lagerkommandanten Bach zu spielen, ist diese Erinnerung hörbar – der Violinist des Instrumentalensembles spielt den Beginn von Bachs g-moll-Sonate. Die Musik erklingt jedoch in verzerrter Gestalt, die die Verzerrung des Ereignisses in der Erinnerung des Mannes widerspiegelt.

      Ich möchte hier keine Beschreibung der Handlung geben, doch dürften ein paar Hintergrundinformationen angebracht sein: Während des Zweiten Weltkrieges befanden sich in Hitlers Todeslagern Musiker, die man nur am Leben ließ, damit sie spielten. Sie wurden gezwungen, morgens und abends, wenn die Arbeitskommandos das Lager verließen bzw. dorthin zurückkehrten, Marschmusik zu spielen. Sie gaben Konzerte im Lager, spielten aber auch bei anderen Anlässen, wie es eben gerade der Laune der Befehlshaber entsprach. Dazu gehörten auch so sadistische Einfälle, wie etwa in immer schnellerem Tempo Walzer spielen zu lassen und alte Männer zum Tanzen zu zwingen, bis sie zusammenbrachen.
      Einige besondere Kennzeichen des Lagers in Auschwitz sind für Through Roses von Bedeutung: Am Haltepunkt der ankommenden Transportzüge gab es nirgendwo ein Zeichen, das verraten hätte, wo man sich überhaupt befand; nur eine Uhr war auf die Mauer gemalt. Der Kommandant lebte mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in einem zweistöckigen Haus gleich jenseits der Lagerumzäunung. Zu diesem Haus gehörte ein Garten, den die Frau pflegte – eine Rasenfläche, Blumenrabatten, Rosensträucher. Die Kinder spielten in diesem Garten, der so nahe beim Krematorium lag, dass an sonnigen Tagen die Schatten der Schornsteine auf den Rasen fielen. Zwischen dem Zaun und dem Garten verlief ein Fußweg, der vom Inneren des Lagers zum Krematorium führte. Hinter dem Haus wurden auf diesem Weg die Leichen vorbeigetragen.

      Mein Interesse an diesem Thema ist nicht politischer, sondern eher sozio-philosophischer Natur. In der Tradition großer deutscher Komponisten sehe ich die Grundlage allen Geistes und aller höherer Humanität in der Musik. Solche Musik aber in jenem Lager zu spielen, ist ein groteskes Paradox, ein barbarischer Akt angeblich zivilisierter und gebildeter Menschen. Dafür habe ich keine Erklärung – aber ich spürte den Drang, diese Vorgänge aufzugreifen.

      Autor: Marc Neikrug