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27. November 2014

The Turn of the Screw

Oper von Benjamin Britten

Eine junge Frau, deren Namen wir nie erfahren werden, bekommt einen Auftrag: Sie soll sich als Governess, als Kindermädchen auf den Landsitz Bly begeben, sich dort um die zwei Waisen Flora und Miles kümmern und für ihre Erziehung sorgen. Der Auftraggeber ...

Eine junge Frau, deren Namen wir nie erfahren werden, bekommt einen Auftrag: Sie soll sich als Governess, als Kindermädchen auf den Landsitz Bly begeben, sich dort um die zwei Waisen Flora und Miles kümmern und für ihre Erziehung sorgen. Der Auftraggeber ist der Onkel, der Vormund der Waisen, der mit diesen Dingen nicht belästigt werden will und die junge Frau auf absolute Verschwiegenheit über die Vorgänge in Bly einschwört.

Was sie dann dort erlebt, lässt sich nur sehr vage und in einzelnen Partikeln rekonstruieren. Wenn die junge Frau auf die Geschehnisse zurückblickt, erinnert sie sich »des ganzen Anfangsstadiums als einer Folge von Aufschwüngen und Abstürzen, eines raschen Wechsels zwischen normalem und abweichendem Pulsschlag.«

In jedem Fall trifft sie dort zunächst auf ihre zwei Zöglinge, die permanent zwischen seltsam alterslosen Kindern, jungen Erwachsenen und Adoleszenten changieren. Hinzu kommt eine nicht ganz durchschaubare Haushälterin, Mrs. Grose, die offenbar schon ihr halbes Leben in Bly verbracht hat.

Der Bewegung der Drehung der Schraube gemäß, werden die Geschehnisse zunehmend undurchsichtig. Das Grauen greift Raum, »the horror«: Die Governess glaubt, die schemenhaften Erscheinungen eines Mannes und einer Frau durch die Räume von Bly wandeln zu sehen. Sind es die Geister der ehemaligen Angestellten Quint und Jessel? Obwohl die junge Frau sich fest vorgenommen hat, ihre Wahrnehmung zu schärfen, taumelt sie nur mehr durch das Geschehen. Dämonische Kräfte scheinen um sich zu greifen und alle Beteiligten heimzusuchen. Am Ende, soviel ist sicher, ist eine Person tot. Alles andere bleibt zu untersuchen.

Die Novelle »The Turn of the Screw« von Henry James erscheint im Jahr 1898, nur ein Jahr bevor die bahnbrechende Untersuchung von Sigmund Freud zur »Traumdeutung« erscheint und den Phantasmagorien des neuen Jahrhunderts ein Gesicht gibt. Henry James war sein Leben lang interessiert an allen Ausprägungen und Phänomenen der Psyche. Er war vertraut mit den Forschungsergebnissen der »Society for Psychical Research«, dessen Präsident sein älterer Bruder William James war, einer der ersten amerikanischen Theoretiker, die auf dem Gebiet der Psychologie gearbeitet haben.

Unter dieser Perspektive ist »The Turn of the Screw« nicht nur eine Geistergeschichte, a »little tale of horror« wie der Autor selbst die Geschichte einmal genannt hat, sondern die Fallgeschichte einer jungen Frau, die ihren eigenen Augen nicht mehr zu trauen vermag. Sie wird in ein System von Bedeutungen eingesponnen, die sie nicht mehr entziffern vermag. Ihre Phantasie rotiert und bewegt sich vom Vertrauten zum beunruhigend Unvertrauten und wieder zurück. Es gibt für sie keine eindeutigen Anhaltspunkte mehr und keinerlei Beweise. Sie kann nur Spuren sichern und sie wie einzelne Steine eines Mosaiks zusammenfügen.
Die Einzelteile ihrer Erinnerung spiegeln sich wieder im Formprinzip der Oper von Benjamin Britten. So zersplittert wie das Erzählgeschehen selbst ist auch die Struktur der Oper. Bei einer ungefähren Dauer von 105 Minuten werden wir durch 17 verschiedene Bilder und 15 instrumentale Zwischenspiele geführt.

Jedes Bild wirft immer wieder andere Schlaglichter auf das Geschehen, das sich nicht zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen lässt. Wir befinden uns in einem Puzzlespiel. - Henry James selbst sprach einmal von seiner Erzählung als von einem »play of strange encounters«, einem Spiel seltsamer Begegnungen.

Yvonne Gebauer



    In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    ca. 1:45 h | keine Pause
    Einführungsmatinee am 02. NOV 2014

    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Handlung

      PROLOG
      Eine Frau aus bescheidenen Verhältnissen - die Tochter eines Landpfarrers – deren Namen wir nie erfahren werden, bekommt einen Auftrag: Sie soll sich als Governess auf den Landsitz Bly begeben. Dort soll sie sich um die zwei Waisen Flora und Miles kümmern und für ihre Erziehung sorgen. Der Auftraggeber ist der Onkel der Kinder, der mit diesen Dingen nicht belästigt werden will. Eine große Verantwortung lastet auf ihr.

      1. AKT
      Hingebungsvoll widmet sich die Governess ihrer Aufgabe im Haus Bly. Neben den beiden Kindern befindet sich dort auch noch die alte Haushälterin Mrs. Grose. Zunächst erscheint ihr der abgeschlossene Kosmos von Bly mit seinen engelhaften Kindern wie ein vollkommenes Idyll. Doch nach und nach erfährt die Ungetrübtheit dieser Welt immense Erschütterungen. Ein Brief trifft ein. Miles wird der Schule verwiesen. Die Gründe sind uneindeutig und führen zu ersten Irritationen. Die Governess glaubt, unheimliche Erscheinungen durch die Räume von Bly wandeln zu sehen. Mrs. Grose meint, in den Beschreibungen der Governess die ehemaligen und unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommenen Angestellten Quint und Jessel zu erkennen. Die Governess ist davon überzeugt, dass Miles und Flora in Gefahr sind und sie ihre Zöglinge beschützen und retten muss. In ihren Phantasien hört sie Stimmen nach den Kindern rufen.

      2. AKT
      Die Governess kann sich mittlerweile kaum noch in Bly orientieren. Sie fühlt sich verloren in ihrem eigenen »Labyrinth«.
      Die Schraube der Desorientierung dreht sich immer weiter, bis sie vollkommen durchdreht. Die Stimmen, die sie hört, werden lauter – die Gefahr scheint zu wachsen. Die Governess versucht, die Geschehnisse zu ordnen, so als würde sie einzelne Teile eines Puzzles immer wieder neu zusammenlegen. Überall wittert sie Täuschung und Verführung und ist kurz davor, die Flucht zu ergreifen. Doch dann entschließt sie sich, den Onkel von den Geschehnissen in Kenntnis zu setzen und ihm zu schreiben. Aufgrund der zugespitzten Ereignisse verlässt Mrs. Grose mit Flora das Haus und reist nach London. Die Governess bleibt allein mit Miles zurück, um ihn endlich und eindeutig zu fassen zu bekommen.

    • Pressestimmen

      »Die Staatsoper triumphiert mit einem intensiven Musiktheatererlebnis. Hochkonzentriert verlebendigt Ivor Bolton mit der Staatskapelle diese faszinierende Partitur, die atmosphärisch ist, ohne je filmmusikhaft werden zu müssen, die naturnah wirkt, ohne zur Lautmalerei Zuflucht zu nehmen.« (Der Tagesspiegel, 17. November 2014)

      »Claus Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt lassen aus den Drehungen und Faltungen der Wände ein Labyrinth entstehen, in dem sich die Figuren verlaufen und aus dem Weg gehen. Das ist inszenatorisch schlüssig und eindrucksvoll umgesetzt. Am Ende stand ungeteilter Applaus für eine sehr gute Produktion.« (Berliner Zeitung, 17. November 2014)

      »Die Staatskapelle unter Ivor Bolton reizt die lyrischen wie dramatisch-hysterischen Möglichkeiten der Partitur kongenial aus, und das brillante Sängerensemble beweist neben stimmlichen auch große darstellerische Qualitäten. Es ist ein großartig verstörender Abend, aus dem einer noch herausragt: der Countertenor Thomas Lichtenecker, der den Jungen Miles in einer wirklich atemberaubenden Mischung aus kindlicher Unschuld und provokanter Verderbtheit singt und spielt.« (taz, 17. November 2014)

      »Das Wunderbarste an dieser Inszenierung ist, dass sie von der Musik gedeckt wird. Die Staatskapelle unter Leitung von Ivor Bolton legt viel Nervosität und Zögern, vor allem aber das Klangsinnliche frei. Die Sängerbesetzung ist großartig. Emma Bells durchdringender Sopran verliert im herben Melos bald schon alle Bodenhaftung. Der unsichtbare, von Richard Croft gesungene Quint ist eher ein genoraler Verführer, denn ein Schreckgespenst. Thomas Lichtenecker verleiht dem Miles die richtige Balance zwischen kindlicher Unschuld und trotzigem Begehren.« (Berliner Morgenpost, 17. November 2014)

      »Was für eine Stimme! Der Countertenor von Thomas Lichtenecker klingt reiner als die Oboe, die Benjamin Britten ihm zugesellt… Ivor Bolton dirigiert mit strenger Eleganz. Weil alle sechs Sänger nie forcieren, sondern mit oratorischer Distanz durchs Drama schweben, wird alles noch unheimlicher, als es bei expressivem Engagement wäre – unheimlich schön.« (FAZ, 18. November 2014)

      »Faszinierend ist Claus Guths Inszenierung, weil sie trotz der psychologisierenden Erzählhaltung der Versuchung widersteht, das Geheimnis der Geschichte im Sinne einer planen Seelenstudie über weibliche Hysterie aufzulösen. Seine Bilder bleiben mehrdeutig, verunsichern und lassen den Zuschauer bis zuletzt im Ungewissen darüber, was der Fantasie der Gouvernante entspringt und was einem tatsächlichen Geschehen.« (Deutschlandfunk Kultur, 16. November 2014)