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14. November 2014

Tagebuch eines Verschollenen | La Voix humaineLeoš Janáček | Francis Poulenc

Liederzyklus für Tenor, Alt, drei Frauenstimmen und Klavier von Leoš Janáček || Tragédie lyrique in einem Akt von Francis Poulenc | Text von Jean Cocteau

Im Mai 1916 entdeckt Leoš Janáček in der Zeitung Gedichte, die dem Tagebuch eines »Verschollenen« entstammen. Der Bauernsohn Janek hatte sich in das Zigeunermädchen Zefka verliebt. Als sie schwanger wird, entschließt er sich, bei ihr und dem fahrenden ...

Im Mai 1916 entdeckt Leoš Janáček in der Zeitung Gedichte, die dem Tagebuch eines »Verschollenen« entstammen. Der Bauernsohn Janek hatte sich in das Zigeunermädchen Zefka verliebt. Als sie schwanger wird, entschließt er sich, bei ihr und dem fahrenden Volk zu bleiben, und verschwindet bei Nacht und Nebel aus seinem Dorf. In seinem Zimmer finden die Eltern später Aufzeichnungen über seine Liebe, seine Verzweiflung und seinen Entschluss zur Flucht. Sie inspirieren Janáček zur Vertonung, denn in diesem Drama findet er sich selbst wieder – ist der 61jährige doch gerade schwer verliebt in eine 25jährige.

Das »Tagebuch eines Verschollenen« ist ein ebenso großartiges Werk wie Janáčeks Opern. Die Besetzung ist ungewöhnlich: Ein Tenor und eine Altistin werden lediglich von einem Klavier begleitet, zu dem sich bisweilen ein dreistimmiger Frauenchor gesellt. Zwischen Liedzyklus und Kammeroper changierend, stellt das »Tagebuch« ein Meisterwerk der eruptiven Seelenanalyse und der Darstellung allmählicher Vereinsamung dar.

In einer ganz anderen musikalischen und gesellschaftlichen Atmosphäre bewegt sich Francis Poulencs Einakter »La voix humaine« (»Die geliebte Stimme«) von 1959. Eine Frau, allein, verlassen von ihrem Geliebten, telefoniert mit dem Mann, den sie noch immer liebt, und versucht, das Geschehene rückgängig zu machen. Ihr Gesprächspartner bleibt unsichtbar und ohne Stimme. Er erscheint in seiner Abwesenheit rücksichtslos, unbeteiligt oder bedrückend still. Es wird ein quälender letzter Abschied, bei dem die Frau alle denkbaren Zustände zwischen Ruhe und Verzweiflung, Hoffnung und Flehen durchlebt. Die Intimität der Situation, die den Zuschauer geradezu zum Voyeur macht, wird durch Poulencs eigene Klavierfassung erheblich verstärkt.



    1:20 h | keine Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Aus dem Programmbuch

      EIN PAAR SÄTZE ZUR MUSIK

      DRAMATURG DETLEF GIESE HAT DEN MUSIKALISCHEN LEITER GÜNTHER ALBERS GEBETEN, EINIGE ANGEFANGENE SÄTZE ZU ERGÄNZEN.

      JANÁČEKS »TAGEBUCH EINES VERSCHOLLENEN« HABE ICH KENNENGELERNT, …
      als ich noch an der Folkwang-Hochschule Essen studierte. Ich hatte bereits seine Violinsonate und sein Concertino gespielt, außerdem die meiste seiner Klaviermusik und war vollkommen vernarrt in seine Musik. In dieser Zeit realisierte ich gemeinsam mit einem Regieteam aus Amsterdam – Klaus Bertisch und Marcel Sijm – einen Doppelabend aus dem Tagebuch und The Andrée Expedition von Dominik Argento. Also auch damals eine Musik-Collage! Der Aufführungsort war außergewöhnlich: Eine riesengroße Werkshalle auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Damals – noch vor der Gründung der Ruhrtriennale – war das Avantgarde.


      MIT POULENCS »LA VOIX HUMAINE« BIN ICH ZUM ERSTEN MAL IN BERÜHRUNG GEKOMMEN, …
      als ich musikalischer Leiter des Opernstudios der Deutschen Oper am Rhein war. Wir hatten uns eine Kammeroper von Donizetti vorgenommen, bei der einer unserer Sopranistinnen nicht zum Zuge kam. Und so entschlossen wir uns kurzerhand, für sie dieses Stück im Rahmen unseres Projektzyklus »Raumspiele« zu realisieren. Das war eine Serie aus Musiktheaterwerken des 20. Jahrhunderts, wo wir neben Poulenc auch Schönberg, Hindemith, Kagel und Cage spielten.


      MAN MUSS DIESE BEIDEN STÜCKE IN ORIGINALSPRACHE SINGEN, WEIL …
      sonst der Zorn der Werktreue-Götter auf uns kommt. Nein, im Ernst: Man MUSS natürlich überhaupt nichts. Es ist jedes Mal wieder eine schwierige, Vor- wie Nachteile abwägende Diskussion, ein Ringen um die dem jeweiligen Projekt angemessene Lösung. Ich habe mich in diesem Fall sehr für die Originalsprachen stark gemacht, weil insbesondere – wie inzwischen weithin bekannt ist – Janáčeks Musik viel sinnfälliger auf uns wirkt, wenn wir sie in Beziehung zum tschechischen Sprachklang setzen. Mögen wir auch die Worte nicht verstehen – emotional verstehen wir womöglich mehr als bei der allzu freien deutschen Übersetzung durch Max Brod. Cocteaus Text – zumal gebunden an die rhythmische Erfindung Poulencs kann auch durch eine Übersetzung in ihrer Prägnanz nur verlieren. Und »Je t’aime« und »Écoute, mon amour« verstehen auch in Berlin die meisten.


      DIE BESONDERHEITEN VON EINPERSONENSTÜCKEN LIEGEN DARIN, DASS …
      sich nichts zwischen den Vortragenden und den Zuhörer bzw. Zuschauer schiebt. Das Publikum ist sehr nah dran. Der Darsteller ist ganz für sein Publikum da. Dies rückt solche Stücke in die Nähe von Liederabenden. Alles ist hochkonzentriert und sehr intensiv. Der einzige Dialogpartner ist – stärker vielleicht als sonst in der Oper – der musikalische »Hintergrund«, in unserem Falle also das Klavier. Spannend wird es, wenn man zwei solche »einsamen Inseln« aufeinander loslässt …

    • Pressestimmen

      »Zwei Stücke, ein Erlebnis. Was wie eine verrückte Idee anmutet, entfaltet schnell ganz eigene Sogkräfte. Man wird gebannt Zeuge, wie Carolin Löffler sich mal hysterisch, mal in selig weltentrückter Leidensfreude ans Telefon krallt, mit rot umranktem Kuss- und Verzweiflungsmund, ein Gesicht wie ein Kontinent, ein Mezzo, der Flammen wirft. Benedikt Kristjánsson ist die stillere Figur, seine Züge geprägt von Traurigkeit, sein Tenor silbrig, transparent bis zur Durchsichtigkeit. Da kann man nur sagen: gewagt – und gewonnen.« (Der Tagesspiegel, 10. November 2014)

      »Ein großer Wurf im kleinen Format. Die Regisseurin Isabel Ostermann und ihr in jedem Klavierton spürbar Janácek-besessener Pianist und Musikalischer Leiter Günther Albers hatten die tollkühne Idee, den längst nicht abendfüllenden Liederzyklus von 1917 mit einem Operneinakter kurzzuschließen. Das gelingt ganz unangestrengt. Und Benedikt Kristjánsson und Carolin Löffler sind die restlos überzeugenden Sänger dieser Studio-Produktion, ein Tenor mit ebenso geschmeidiger wie leuchtender Stimme und eine Mezzosopranistin mit großem Ausdrucksspektrum für zahlreichen Facetten ihre Doppelrolle.« (Berliner Zeitung, 10. November 2014)

      »Carolin Löffler gab ihre teils hochkomplizierten La Voix humaine-Partien voller Hingabe. Benedikt Kristjánsson als Mann des Janacek-Tagebuches stand ihr in nichts nach. Sehr reizvoll: Verschiedene Stilistiken prallen aufeinander, ergänzen und verschleifen sich gar. Janaceks eher slawisch geprägte Tonsprache versus die der gespitzten französichen Noblesse des Poulenc.«(Neues Deutschland, 10. November 2014)

      »Both works have a simple directness and an underlying sense of oppression which Ostermann´s production and Stephan von Wedel´s design capture well. Both characters teeter between desperation and yearning, though they are heading in opposite directions. This new production is dark but satisfying. Unpretentious, well thought through and refreshing.« (The Financial Times London, 10. November 2014)