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21. Oktober 2014

Rein Gold

von Elfriede Jelinek | Musiktheater von Nicolas Stemann unter Verwendung der Musik aus Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«

Mit »Rein Gold« hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek erstmals ein musikdramatisches Werk als Vorlage für einen Essay genommen: Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«. Der gefeierte Theaterregisseur Nicolas Stemann wird diesen Text ...

Mit »Rein Gold« hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek erstmals ein musikdramatisches Werk als Vorlage für einen Essay genommen: Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«. Der gefeierte Theaterregisseur Nicolas Stemann wird diesen Text gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Markus Poschner als Uraufführung in Szene setzen. Für beide ist es ihr Berliner Staatsopern-Debüt.

Wie schon bei den Staatsopern-Produktionen »For the disconnected child« (Falk Richter) und »AscheMOND oder The Fairy Queen« (Claus Guth) in der vergangenen Saison werden sich die Welten des Musiktheaters und des Schauspiels auf eine neue Weise begegnen. Protagonisten in »Rein Gold« sind ein Ensemble von fünf Sänger/innen und drei Schauspieler/innen, die groß besetzte Staatskapelle Berlin sowie die Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die für den analogen Synthesizer Trautonium komponiert haben. Musikalischer Ausgangspunkt ist die Musik von Richard Wagner, die nach Jelinekschem Prinzip als Material übernommen, überschrieben und neu zusammengesetzt wird.

In dem Essay »Rein Gold« rollt Elfriede Jelinek, ausgehend vom großen Dialog zwischen Göttervater Wotan und seiner Lieblingstochter Brünnhilde im 3. Akt der »Walküre«, die Geschehnisse noch einmal neu auf und verlängert sie in unsere Gegenwart. In einem weitverzweigten Gedankenstrom knüpft Jelinek überraschende Zusammenhänge und kehrt doch immer wieder zu ihrem Leitmotiv zurück: der Geburt des Kapitalismus aus dem Geist eines Erlösungswahns.

Der vielfach ausgezeichnete Regisseur Nicolas Stemann (u.a. sechs Einladungen zum Berliner Theatertreffen, Regisseur des Jahres 2012 in »Theater heute«) arbeitet seit über zehn Jahren regelmäßig mit Elfriede Jelinek zusammen, deren Stücke er oft zur Ur- oder Erstaufführung brachte, so »Das Werk«, »Babel«, »Ulrike Maria Stuart«, »Über Tiere« und »Die Kontrakte des Kaufmanns«. Es ist nach »La Périchole« 2010 an der Komischen Oper seine zweite Opernregie. Markus Poschner ist Generalmusikdirektor der Freien Hansestadt Bremen sowie Erster Gastdirigent des Deutschen Kammerorchesters Berlin und der Dresdner Philharmonie.



    2:45 h | keine Pause
    »Rein Gold« von Elfriede Jelinek ist im Rowohlt Verlag erschienen.
    • Handlung

      Statt einer Handlung

      KEINE SCHÖNE NEUE WELT

      Es ist nicht das erste Mal, dass Elfriede Jelinek einem Drama ihr Drama hinzufügt. Die Autorin, die ihre Stichworte bevorzugt der monströsen bzw. allzumenschlichen Gegenwart ablauscht – eben diese geht gern auch den entgegengesetzten Weg. Schreibanlass ist dann, was bereits zur Sprache gefunden hat. Sekundärdramen nennt sie diese Texte, »Abraumhalde« heißt einer, der Lessings »Nathan der Weise« sekundiert, »FaustIn and out« ein anderer. Indem sie vertraute Stimmen verfremden und ins Heute katapultieren, stiften sie Unruhe, wo Interpretierende auch schon einmal Ruhe und vermeintliche Gewissheiten haben einkehren lassen.

      Nun hat sich Jelinek zum ersten Mal einen musikdramatischen Text vorgenommen: Wagners »Ring des Nibelungen«. »Rein Gold« ist dieser Bühnenessay überschrieben, der Anlage nach ist es ein Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde geworden. Die goldgierige, korrupte »Ring«-Welt hat kein Ende gefunden, Vater und Tochter sind noch immer mittendrin. Und doch auch gewissermaßen von sich entrückt und neben sich gestellt. Andere Brünnhildes und Wotans, weitere Stimmen von Töchtern, Vätern, Liebenden, Mächtigen, Heldenhaften, Freien und Unfreien, Todgeweihten und Hoffnungsvollen, Scheiternden, Revolutionären, Betrügenden und Fanatikern, Sehnenden und Depressiven aller Zeiten sind ihnen inkorporiert. Die Zeit hat sich ausgedehnt, die Apokalypse ist permanent. ›Wie sind wir hier nur hineingekommen und wie kommen wir hier wieder heraus?‹ fragt Brünnhilde oder mit Jelineks Worten: »Ich versuche also zu präzisieren (…) Also: Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen. Eine Situation wie in jeder zweiten Familie. Ich versuche also zu präzisieren – Wieso wirken die Gesetze nicht, die Du doch selbst gemacht hast? Was ist geblieben von Deinem Weltenentwurf? Wozu dieses Haus, Papa, wozu Walhall, wozu diese Demonstration der Macht? Wieso bezahlst Du die größeren und kleineren Arbeiter nicht, wieso bringen sie sich um für Gold? Wer ist der Mensch, der das wieder richten wird, wo ist der Held? Ich dachte Du seist Gott! Was nur ist mit Dir los, Papa? Papa, bitte geh nicht! Was soll ich tun?«

      Jelinek gönnt Brünnhilde nicht die Ruhe des Verstummens, sie verweigert ihr die Erlösung: Der Ring zurückgegeben dem Rhein, keine Götter mehr und die Liebe hat das letzte Wort? Jelinek sagt kein Vielleicht, keine mögliche andere, keine neue Welt danach! Die Welt danach ist die Welt davor, jede Utopiefähigkeit aber hat sie endgültig verloren. Visionen entwickelt sie nur, wenn sie vermarktbar sind, ein Modell eines Produktes, das ein altes ersetzt, heißt sie neue Generation. Jene, die diese verkünden, sind ihre Helden, die, die wiederum vermeintlich aufbegehren, recyceln stumpfdumpfe Ideologien, verbreiten Terror gegen das Andere und streiten nicht für jene Vielen, die keine Stimme mehr haben. Nur eines überstrahlt alles, überdauert jeden und jede Kritik, nicht die Liebe ist es: Es ist das Gold. Das Gold glänzt ewig. Das Geld wandert ewig. Unsterblich sind die falschen Götter.

      Der Dialog zwischen Brünnhilde und Wotan, zwischen Wagner und Jelinek, ihrem Text und seinem Musikdrama, zwischen Schauspiel und Oper, zwischen alte(n) und neue(n) Welt(en) hat gerade erst begonnen. Sänger und Schauspieler tragen ihn für uns aus, die Musiker Thomas Kürstner, Sebastian Vogel mit ihrem modularen Synthesizer und die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Markus Poschner. Und das ist dann doch auch eine gute Nachricht. Und ein Versprechen auf etwas Drittes, auf das auch Wagner bereits hoffte.

      Benjamin von Blomberg

    • Pressestimmen

      »Nicolas Stemann setzt Elfriede Jelineks Drama revuehaft fulminant in Szene … mit Hingabe, Leichtigkeit und szenischer Eleganz – und erntet großen Applaus.«
      (Süddeutsche Zeitung, 12. März 2014)

      »Was Nicolas Stemann auf der Bühne des Schiller Theaters aufführen lässt, ist bei Weitem besser und witziger als die tausend Wagneriaden, die wir letztes Jahr auf sämtlichen deutschen Bühnen ertragen mussten. Man versteht, wie gut und genau Elfriede Jelinek ihren Wagner gelesen hat. Zusammen bilden sie bei Stemann ein völlig neues Theater.«
      (taz, 11. März 2014)

      »Nicolas Stemann gibt der Musik viel Raum, lässt Rebecca Teem als Brünnhilde und Jürgen Linn als Wotan ausführlich wagnern, lässt die bestechend souveräne Staatskapelle unter Markus Poschner in einen ›Ring‹-Rausch spielen, lässt Thomas Kürstner und Sebastian Vogel an ihren musikalischen Elektronik-Experimenten basteln – und seine drei Schauspieler Katharina Lorenz, Philipp Hauß und Sebastian Rudolph staunend durch die Text- und Tonlandschaft waten.«
      (Berliner Zeitung, 11. März 2014)

      »Eine eigenwillige und hochspannende Musiktheaterproduktion.«
      (Schweizer Radio, 10. März 2014)

      »Die Staatskapelle Berlin sitzt auf der Bühne und durchstreift unter der Leitung von Markus Poschner Wagners ›Ring‹ wie in einem Drogenrausch. Dissonanzen verzerren die originalen musikalischen Passagen. Bekannte Motive tauchen wie alte Bekannte aus dem Unbewussten auf, werden aber sogleich verwandelt, ins Moll gewendet, an manchen Stellen gar rückwärts gespielt oder mit Zitaten aus anderen Teilen der Tetralogie kurzgeschlossen und überblendet.«
      (Deutschlandfunk, 10. März 2014)

      »Der Abend lebt von der großen Oper, die Jürgen Linn als Wotan und Rebecca Teem als Brünnhilde in Rein-Form präsentieren. Zauberhaft sind die drei Rheintöchter, die von Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher und Annika Schlicht verkörpert werden. Sie singen sich die Schönheit aus dem Leib und überschreiten gekonnt die Grenzen ins Mitspielerische.«
      (Berliner Morgenpost, 11. März 2014)

      »Die Staatskapelle Berlin demonstriert souverän, dass sie noch im Ringmodus läuft. Wenn das Orchester auf der Bühne zu einem anschwellenden Crescendo nach vorne fährt, wird es selbst nicht nur zum eindrucksvollen Klang-, sondern auch zum Bilderproduzenten. Einhelliger Beifall.«
      (Wiener Zeitung, 11. März 2014)