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11. Juli 2015

Matsukaze

Oper von Toshio Hosokawa | Choreographie von Sasha Waltz

Matsukaze ist einer der beliebtesten Klassiker des japanischen Nô-Theaters. Das Stück handelt von zwei Schwestern, die, von unerfüllter Zuneigung zu einem Mann beherrscht, als Totengeister ins Diesseits zurückkehren. Die Choreographin Sasha Waltz schließt ...

Matsukaze ist einer der beliebtesten Klassiker des japanischen Nô-Theaters. Das Stück handelt von zwei Schwestern, die, von unerfüllter Zuneigung zu einem Mann beherrscht, als Totengeister ins Diesseits zurückkehren. Die Choreographin Sasha Waltz schließt mit dieser Produktion an die Erfolge ihrer Opern MEDEA und DIDO & AENEAS an, in denen das Schicksal zweier antiker Frauenfiguren im Mittelpunkt steht. Die weltweit renommierte Berliner Choreographin erweiterte in vorangegangenen Produktionen die Mittel des Musiktheaters um die theatralen Ansätze des Tanzes und entwickelte mit ihrer choreografischen Oper eine gänzlich eigene Form, bei der Tanz, Gesang und Musik auf eine neuartige Weise zusammenfinden. Es gelang ihr, für ihre Inszenierungen immer wieder herausragende zeitgenössische Komponisten zu gewinnen, so auch für Matsukaze: Der japanische Komponist Toshio Hosokawa komponiert die Musik zum überarbeiteten Libretto des Klassikers aus Japan. Die Uraufführung des Werkes fand im Théâtre de la Monnaie in Brüssel statt, danach ging die Produktion nach Warschau, Luxemburg und an die Staatsoper im Schiller Theater Berlin.


In deutscher Sprache
1:30 h | keine Pause
VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
Eine Produktion von Sasha Waltz & Guests im Auftrag des Théâtre Royal de la Monnaie in Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Luxembourg und Teatr Wielki – Polish National Opera sowie in Kooperation mit der Staatsoper Unter den Linden, Berlin.

Die Produktion »Matsukaze« wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.
Made in Radialsystem®
Sasha Waltz & Guests wird gefördert aus Mitteln des Landes Berlin.
  • Handlung

    VORSPIEL


    MEER
    Ein Mönch kommt gegen Abend auf einer herbstlichen Pilgerreise an die Küste von Suma. Am Strand sieht er eine einsame Kiefer mit einer Gedenktafel am Stamm, auf der die Namen zweier Frauen – Matsukaze und Murasame – und darunter ein Gedicht zu lesen sind. Er fragt einen Fischer nach der Geschichte der Kiefer. Der Fischer erzählt, dass vor vielen hundert Jahren die Schwestern Matsukaze (Wind in den Kiefern) und Murasame (Herbstregen) als arme Salzfrauen in einer Hütte am Strand lebten. Beide liebten sie Yukihira, einen Edelmann aus der Hauptstadt. Nach drei Jahren wurde er wieder in die Hauptstadt abberufen, wo er wenig später überraschend starb. Zurück blieben die beiden Salzfrauen mit ihrer unerfüllten Liebe. Der Fischer bittet den Mönch um ein Gebet für die unerlösten Seelen der beiden Schwestern. Gemeinsam beten sie zu Amida Buddha. Der Fischer zieht weiter und der Mönch beschließt, an diesem Ort die Nacht zu bleiben. Er bemerkt ein Salzhaus, vor dessen Tür er auf die Bewohner warten will. Der Mond geht auf. Der Mönch schläft ein.


    SALZ
    Zwei Salzfrauen nähern sich, gequält von der Anstrengung der schweren Arbeit des Salzschöpfens und von der Erinnerung an Yukihira. Sie sehen die immergrüne Kiefer am Strand und den hellen Mond, dessen Licht sich vielfach in ihren Wassereimern bricht.


    NACHT
    Der Mönch erwacht und bittet die beiden Frauen um eine Unterkunft für die Nacht. Als sie den Besucher als Mönch erkennen, willigen sie ein. Eine starke Windböe erinnert sie an ein Gedicht Yukihiras. Unter Tränen und in wachsender Erregung erzählen sie von ihrer Sehnsucht nach dem Geliebten, der hier drei Jahre mit ihnen lebte, bevor er zurückgerufen wurde und starb. Als die beiden ihre Namen nennen, erkennt der Mönch in ihnen die Geister der beiden Schwestern. Inständig bitten sie ihn um ein Gebet, damit ihre Seelen endlich Frieden finden.


    TANZ
    Matsukaze bringt Hut und Mantel Yukihiras, die er ihnen bei seinem Abschied als Pfand dagelassen hat. Die Erinnerung löst immer stärkere, verwirrende Gefühle in ihr aus: In der Kiefer am Stand meint sie den zurückgekehrten Geliebten zu erkennen. Murasame versucht sie erst noch davon abzubringen, bis auch sie in den ekstatischen Wahn der Wiedervereinigung einfällt. Die Schreie der beiden Schwestern vermischen sich mit dem Geräusch des Windes und des Regens.


    MORGENROT
    Der Mönch erwacht an der gleichen Stelle, an der er zu Beginn eingeschlafen ist. Das Salzhaus und seine Bewohnerinnen sind verschwunden. Er zieht weiter. Am Strand steht die einsame Kiefer. Von ihren Nadeln fallen die letzten Tropfen des Herbstregens und in ihren Ästen weht der Wind.

  • Pressestimmen

    „Wie die dicht gefügte Orchestersprache Hosokawas mit den fließenden Waltzschen Bewegungsformen zusammengeht; wie dieser aus der geräuschhaften Stille aufkeimende und in sie zurücksinkende Organismus aus Tönen sich in den Raum hinein verlängert; wie sich die Tableaus in Bewegung setzen und Sichtbares aus Unsichtbarem dergestalt entsteht, dass man oft gar nicht sagen kann, wo das eine aufhört und das andere anfängt: das ist doch wieder eine unerwartete Neuigkeit und ein großes Glück.“ (FAZ)

    „Diese 90 Minuten wirken wie ein uns fernes, bestaunenswertes Arrangement schöner Stängel, Wurzelstücke und exotischer Tonblüten. Die beiden ungleichen Schwestern (formidabel als Sängerinnen wie Tänzerinnen: die Sopranistin Barbara Hannigan und der Mezzo Charlotte Hellekant) erscheinen von oben an Seilen, hinter einem Fadendickicht aus von Chiharu Shiota versponnener Wolle. Von rückwärts grell ausgeleuchtet, scheinen die impulsive Matsukaze und die kontrolliertere Murasame wie Spinnen in einem fast undurchdringlichen Netz… Ach, wären doch die Katastrophen dieser Welt immer so hauchzart und vergänglich schön anzusehen wie in diesem fernöstlichen Traumspiel.“ (Die Welt)

    „Im Zusammenspiel mit Hosokawas Musik entsteht, mit einfachsten Mitteln, tatsächlich so etwas wie eine belebte, eine von Geistern bevölkerte Natur auf der Bühne. Die Tänzer bilden Schwärme, die umsinken, hier- und dorthin kreisen und sich wieder zusammen ziehen… Grandiose Uraufführung.“ (Berliner Zeitung)

    „Meditativ und hoch konzentriert, hoch energetisch schwappt und schwemmt die Musik aus dem Graben auf die Bühne, in den Saal, vollzieht sich in Wellen und Wogen, liebt das tiefe Register und beschwört die Gischt, lässt Glöckchen klingeln, Harfen brausen, Geigen ächzen, eine Trommel schickt reitende Boten in die alte Nô-Vergangenheit, eine Trompete schreit und erstickt, und vom Band plätschert echtes Wasser… Mit welchem Atem, wie souverän der junge spanische Dirigent Pablo Heras-Casado am Pult des Kammerorchesters des Théâtre de la Monnaie agiert, wie klug er disponiert und nie Sehnsucht nach gröberen Effekten aufkommen lässt, das ist großartig.“ (Der Tagesspiegel)

    „Es ist ein melancholisch aufgeladenes, traumwandlerisches Theater zu bestaunen, das sich jeder revolutionären Erneuerungsattitüde oder Aktualisierung enthält, sich dafür aber auf die emotionale Wirkung einer musikalisch suggestiven Grenzgängerei zwischen den Welten und Zeiten verlässt. Wenn Pablo Heras-Casado am Pult des hauseigenen Kammerorchesters die ersten zarten Töne wie kleine Schaumkronen auf das eingespielte Meeresrauschen setzt und dann einsetzende harte Paukenschläge für artifizielles Menschenwerk stehen, bekommt das, nach der jüngsten Großkatastrophe in Japan, eine geradezu gespenstische Dimension von Wahrheit.“ (Wiener Zeitung)