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03. Mai 2015

Die Entführung aus dem Serail

Oper von Wolfgang Amadeus Mozart

»Diese zwei Stunden nahezu nackte Mozart-Musik haben, altmodisch ausgedrückt, ein Geheimnis, eine Aura …« (Der Tagesspiegel)

In Mozarts Biographie steht die Entstehung der ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL an einer lebensentscheidenden Schnittstelle: 1781/82 ...

»Diese zwei Stunden nahezu nackte Mozart-Musik haben, altmodisch ausgedrückt, ein Geheimnis, eine Aura …« (Der Tagesspiegel)

In Mozarts Biographie steht die Entstehung der ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL an einer lebensentscheidenden Schnittstelle: 1781/82 hatte sich Mozart während seines ersten Wiener Jahres als freischaffender Künstler zu bewähren, nachdem es zuvor zum Bruch mit dem Fürsterzbischof Colloredo gekommen war. Des Weiteren brachte Mozart die Heirat mit Constanze Weber auf den Weg, was eine Emanzipation vom Vater in zweifacher Hinsicht bedeutete, da dieser weder die Quittierung des Dienstes in Salzburg noch die angestrebte Verbindung mit Constanze billigte. In diese für Mozart nachträglich bestimmende Lebensphase fällt mit der Komposition zum deutschen Singspiel der ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL der erste größere Auftrag, um den er sich zielgerichtet bemühte und dessen erste Aufführung am 16. Juli 1782 am Nationalhoftheater in Wien zum Erfolg und zur Etablierung als Komponist in Wien führte. Gottlieb Stephanie der Jüngere, der das Textbuch schrieb, adaptierte dabei einen bereits vorhandenen Stoff von Christoph Friedrich Bretzner. Die Geschichte von der in den Orient entführten Konstanze, die von ihrem Verlobten Belmonte gefunden wird, war in gewisser Weise typisch für den Geschmack des 18. Jahrhunderts. Besonders fällt die Kehrtwende am Ende der Handlung ins Gewicht, wenn Bassa Selim, klug und großmütig, die souveräne Entscheidung trifft, dem Sohn seines Todfeindes zu verzeihen und dessen Gesellschaft in Frieden ziehen zu lassen: Konstanze und Belmonte sowie das Dienerpaar Blonde und Pedrillo sind wieder vereint und stimmen ein Loblied auf Bassas Großzügigkeit an. Ganz im Gegensatz zu Osmin, dem Aufseher des Bassa Selim, der vor ohnmächtiger Wut kocht und allein zurück bleibt.


Auch wenn im Vorfeld durch Mozarts Gegner, allen voran Antonio Salieri, versucht wurde, mit intriganten Machenschaften die Aufführung des Werkes zu verhindern, zählte DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL lebenslang zu den erfolgreichsten Bühnenwerken des Komponisten. Und auch Carl Maria von Weber charakterisierte Mozarts Stück in anerkennenden Worten: »[...] Ich getraue mir, den Glauben auszusprechen, daß in der ENTFÜHRUNG Mozarts Kunsterfahrung ihre Reife erlangt hatte und ihn dann nur die Welterfahrung weiterschuf. Opern wie FIGARO und DON JUAN war die Welt berechtigt, mehrere von ihm zu erwarten; eine ENTFÜHRUNG konnte er beim besten Willen nicht wieder schreiben. « Mit Michael Thalheimer als Regisseur und Olaf Altmann als Bühnenbildner ist Mozarts ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL einem künstlerischen Team anvertraut, das bereits im Jahr 2005 mit der Inszenierung zu Janáčeks KATJA KABANOWA an der Staatsoper Unter den Linden erfolgreich zusammengearbeitet hat.


  • Handlung

    Die junge Spanierin Konstanze und ihre englische Zofe Blonde wurden samt Pedrillo, der Bräutigam Blondes und Diener Belmontes ist, von Piraten entführt und daraufhin in der Türkei als Sklaven an Bassa Selim verkauft.
    Belmonte, spanischer Edelmann und Verlobter Konstanzes, erscheint vor dem Landgut des Bassa, um sie zu befreien.

    ERSTER AUFZUG
    Vor dem Palast des Bassa Selim hofft Belmonte voller Sehnsucht, Konstanze wieder zu sehen. Er weiß noch nicht, wie ihm das gelingen soll.
    Im Palastgarten trifft Belmonte auf den in Diensten des Bassa stehenden Aufseher Osmin, der ihm gegenüber feindselig gestimmt und nicht bereit ist, Auskünfte zu geben. Osmin beschimpft Pedrillo und erklärt ihm, wie er ihn am liebsten umbringen würde. Während des Aufeinandertreffens von Belmonte und Pedrillo, berichtet Pedrillo Belmonte, dass Konstanze immer noch die Liebe des Bassa unerhört ablehnt und dass Osmin Blonde nachstellt. Sobald der Bassa von einer Bootsfahrt mit Konstanze zurück ist, will Pedrillo ihm Belmonte als fremden Baumeister vorstellen. Belmonte ist voller Aufregung, dass er Konstanze bald wieder sehen soll.
    Bassa Selim und Konstanze kehren von der Bootsfahrt zurück und werden von den Janitscharen begrüßt. Selim fragt Konstanze, warum sie seine Liebe nicht erwidert und sich an nichts freut. Konstanze erklärt ihm, dass sie einen anderen liebt und traurig über die Trennung von ihm ist. Bassa Selim reagiert unwillig und droht ihr, sie zur Liebe zwingen zu können. Einen Tag lang soll sie überlegen, ob sie nicht doch seine Frau werden will. Konstanze möchte lieber sterben, als ihre Treue zu brechen. Ihre Standhaftigkeit beeindruckt den Bassa. Belmonte wird durch Pedrillo dem Bassa als italienischer Baumeister vorgestellt. Selim nimmt Belmonte sofort in seinen Dienst. Als Pedrillo mit Belmonte in den Palast hinein will, stellt sich ihnen Osmin in den Weg. Sie stoßen ihn weg und gelangen in den Palast.

    ZWEITER AUFZUG
    Osmin stellt Blonde nach, die der Bassa ihm als Sklavin schenkte. Sie zeigt sich selbstbewußt und erklärt ihm die ihr gewohnten Umgangsformen. Drohungen und Befehle Osmins, Pedrillo nicht mehr zu treffen, lassen Blonde nur in Gelächter ausbrechen.
    Unglücklich vor Sehnsucht verzehrt sich Konstanze nach Belmonte. Als Selim Konstanze wiederum fragt, ob sie sich entschieden habe, seine Frau zu werden, beteuert Konstanze, dass sie ihn zwar verehre, aber nie lieben könne und dass sie keine Angst vor dem Tod habe.
    Pedrillo klärt Blonde über Belmontes Anwesenheit und den Fluchtplan auf. Blonde bringt die freudige Nachricht zu ihrer Herrin. Währenddessen macht Pedrillo Osmin betrunken und schläfrig. Endlich sehen sich Konstanze und Belmonte wieder. Das Treffen wird von den eifersüchtigen Zweifeln der Männer überschattet. Konstanze reagiert darauf mit Tränen, Blonde gibt Pedrillo eine Ohrfeige.

    DRITTER AUFZUG
    Um Mitternacht treffen sich Belmonte und Pedrillo vor dem Palast. Belmonte ist in Sorge, ob die Flucht gelingt. Konstanze öffnet ihr Fenster und flüchtet zusammen mit Belmonte; Pedrillo und Blonde werden vom vorzeitig erwachenden Osmin überrascht und gefasst. Osmin triumphiert und führt die Gefangenen zu Bassa Selim, der außer sich vor Zorn über den Verrat ist. Belmonte bietet Lösegeld an, damit Bassa ihn und Konstanze frei lässt. Als Belmonte seinen wahren Namen, Lostados, nennt, erkennt Bassa Selim in ihm den Sohn seines ärgsten Feindes, dessen wegen er seine Liebe und sein Vermögen verlor und seine Heimat verlassen musste.
    Bassa droht mit Rache. Pedrillo und Blonde kommen hinzu, alle erwarten ihren Tod. Völlig unerwartet schenkt Bassa Selim Konstanze und Belmonte, Blonde und Pedrillo die Freiheit.
    Alle stimmen ein Loblied auf die Großzügigkeit des Bassa Selim an und zollen ihm Dank, außer Osmin, der vor Wut kocht.

  • Pressestimmen

    Philippe Jordan beweist Können und Pranke. Die stürmisch geforderten Akzente der Bläser, das fein gearbeitete Pianospiel der Streicher, der ganze dramatische Furor des jungen Mozart - all das wird von der Berliner Staatskapelle in präziser Charakteristik geboten… Thalheimer macht diese Oper aus Prinzip und mit allen erdenklichen Mitteln fremdartig. Er ordnet die Gefühlszustände des Fremdseins emotional distanziert, scheinbar kaltherzig - wie eine Versuchsanordnung mit sechs Personen, die vergeblich ihr Leben suchen…Die Staatsoper ergeht sich in dieser Aufführung in musikalischer Brillanz und szenisch inspirierter Geschlossenheit. Taugt das als Symbol des Überlebenswillens dreier Berliner Opernhäuser?
    - Wolfgang Schreiber, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 9. Juni 2009

    Eine großartig gesungene und dirigierte Aufführung… Die Staatskapelle spielte unter Philippe Jordan rhythmisch vital und klanglich schlank – dazu kam eine Wachheit für den Geist der Inszenierung, die alles andere als selbstverständlich ist. Thalheimers Inszenierung ist auf solche Wachheit angewiesen, weil sie die Situationen des Singens so inständig erzeugt, färbt und umwertet… Was die Produktion über die Oper als künstliches Gefüge sagt, wie sie ihre Geschichtlichkeit begreift und vor Augen stellt, das ist enorm viel und bedeutet mehr als eine weitere Deutung dieses hundertfach gelesenen Textes.
    - Peter Uehling, BERLINER ZEITUNG, 9. Juni 2009

    Diese zwei Stunden nahezu nackte Mozart-Musik haben, altmodisch ausgedrückt, ein Geheimnis, eine Aura… Das Pathos dieser Aufführung, seltsam genug, speist sich aus dem Nichts, der Leere: der Leere der Szene, den statuarischen Choreografien, den überzeichneten Charakteren. Je enger diese Grenzen gezogen werden, je härter die programmatische Schale, desto heftiger entzündet sich die eigene Fantasie – daran und dagegen. Wenn sie bereit dazu ist.
    - Christine Lemke-Matwey, TAGESSPIEGEL, 9. Juni 2009

    Thalheimers Ansatz, Liebesverlust und -verwirrtheit an emotional schwer gestörten Probanten durchzuexerzieren,…fasziniert, weil es so genau gearbeitet ist: geradezu aggressiv in den für die Oper einen selten so stringenten Rhythmus findenden Dialogpassagen, die schwer gekürzt und schnoddrig modernisiert sind… Von einem hinreißend präsenten Sängerensemble wird das so wissend wie lustvoll umgesetzt. Und Philippe Jordan hält in seiner vorläufig letzten Berliner Premiere die Staatskapelle zu einem luftigen, emotionsunterkühlten, aber genau sezierenden Orchesterspiel an.
    - Manuel Brug, DIE WELT, 9. Juni 2009

    Thalheimer offenbart sich zugleich als ein virtuoser Inszenator der Stille, des Innehaltens, der Selbstzweifel… Unter Jordans Leitung spielt die Staatskapelle sprühend über alle Türkmusik-Possierlichkeiten hinweg, die Sänger werden feinschwingend in ihre Arien und Ensemble eingebettet… Wie erwartet dreht sich alles um Christine Schäfer, ihre Konstanze ist in dieser Produktion das eigentliche Ereignis der glaubwürdigen Empfindsamkeit. "Ach, ich liebte" - von Anbeginn hängt man erwartungsvoll an den Lippen der Berliner Sopranistin, deren edler Ausdruck immer eher den leidenden, denn den schwärmenden Koloraturen zuneigt. Ihr steckt die seelische Brüchigkeit aufs Schönste in der Kehle.
    - Volker Blech, BERLINER MORGENPOST, 9. Juni 2009

    Um das Fremdsein geht es Michael Thalheimer vor allem. Um das Schuldigwerden in fremder Umgebung, um Entfremdung zwischen Liebenden, um das Fremdwerden eines überaus populären Mozart-Stücks. Ja, Thalheimer ist ein aktualisierender Regisseur, der das Publikum gerade nicht dort „abholt“, wo es sitzt… Was Thalheimer bei seiner Figurenzeichnung gelingt, ist enorm. Und mit allen Darstellern hat er da ein extremes Glück… Christine Schäfer drückt einen fassungslos in den Sitz. Ebenso entschieden wie waidwund ist ihr Gesang – kalkulierte Verletzung des Bassa Selim (Sven Lehmann) in der Matern-Arie, in den einsamen Momenten ein Weinen auf der Suche nach Form: Koloraturen als Irrlichter aus dem beschädigten Leben.
    - Jan Brachmann, FAZ, 10. Juni 2009

    Philippe Jordan entfaltet mit der Staatskapelle einen so geschmeidig sinnlichen, in der transparenten Pointierung hochsouveränen Klang, dass der in seinem produktiven Dialog mit der Szene zur zusätzlichen Dimension eines spannenden und herausfordernden Mozart-Abends wird. Schade für Berlin, dass dieser Dirigent seine Karriere demnächst als Chef der Pariser Nationaloper fortsetzen wird. Diese neue »Entführung« an der Lindenoper zeigt mit Blick auf jene an der benachbarten Komischen Oper jedenfalls, dass das Gleiche keinesfalls dasselbe sein muss. Thalheimers »Entführung« kann man nämlich als spannenden ästhetischen Gegenentwurf zu Bieitos zündendem Voll-Blut-Theater nebenan auffassen. Welche Opernstadt kann das schon bieten?
    - Roberto Becker, NEUES DEUTSCHLAND, 10. Juni 2009


    Thalheimers Regie besitzt zwei untrügliche Vorteile. Einmal überlässt sie es der Musik, die Handlung zu bestimmen (Mozarts Partitur ist genial genug, um diese Rolle dankend anzunehmen), zum zweiten entgeht er mit dieser Art der Inszenierung dem Verdacht des Exotischen, den man bei der "Entführung" vor allem wegen des Textes kaum vermeiden kann… Auch der Dirigent Philippe Jordan am Pult der famosen Staatskapelle Berlin hat von Beginn keinen Zweifel gelassen, dass er gefühlige Arabesken im Fall der "Entführung" für wenig sinnvoll hält. Die Tempi sind zügig, die rhythmische Faktur der Oper wird straff gezurrt... So darf man an diesen Abend von einem Sängerfest der Extraklasse sprechen: Nicht nur die Damen begeistern, auch Pavol Breslik als Belmonte, Florian Hoffmann (Pedrillo) und Maurizio Muraro in der Partie des Osmin nehmen durch wunderbar nuancierten Klang, feinsinnige Verschattungen und delikate Stimmführung für sich ein. Das Premierenpublikum legt sich ihnen zu Füßen. Thalheimer hingegen muss büßen für seine Hellsicht. Kulinarik hat es in der Oper schon zu Mozarts Zeiten leichter gehabt.
    - Jürgen Otten, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 10. Juni 2009