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21. Januar 2015

Der Freischütz

Romantische Oper in drei Akten von Carl Maria von Weber

Romantische Oper in drei Akten von Carl Maria von Weber

Um die Hand seiner geliebten Agathe zu gewinnen, muss der Jägerbursche Max einen Volltreffer landen. Aus Angst, zu versagen, lässt er sich in der Wolfsschlucht mit »finsteren Mächten« auf einen ...

Romantische Oper in drei Akten von Carl Maria von Weber

Um die Hand seiner geliebten Agathe zu gewinnen, muss der Jägerbursche Max einen Volltreffer landen. Aus Angst, zu versagen, lässt er sich in der Wolfsschlucht mit »finsteren Mächten« auf einen Pakt ein: sechs todsichere »Freikugeln« für ihn, mit der siebten darf der Teufel ein beliebiges Menschenopfer dahinraffen.

»Ins Schwarze getroffen«, jubelte Carl Maria von Weber 1821 nach der Uraufführung, mit der sein Freischütz als »Deutsche Nationaloper« den Siegeszug durch die europäischen Opernhäuser antrat. Michael Thalheimer setzt den Inbegriff der deutschen romantischen Oper in Szene, Sebastian Weigle obliegt die musikalische Leitung.


ca. 2:15 h (+/- 15 min) ohne Pause
Einführungsmatinee am 11. JAN 2015

VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
  • Handlung

    Ein alter fürstl.[icher] Förster will seinem braven Jägerburschen Max, seine Tochter und Dienst geben, und der Fürst ist es zufrieden, nur besteht ein altes Gesezz, daß jeder einen schweren Probeschuß ausführen muß. Ein anderer boshafter liederlicher Jägerbursche Kaspar hat auch ein Auge auf das Mädel, ist aber dem Teufel halb und halb ergeben. Max sonst ein trefflicher Schütze, fehlt in der letzten Zeit vor dem Probeschuß alles, ist in Verzweiflung darüber und wird endlich dadurch von Kaspar dahin verführt, sogenannte Freykugeln zu gießen, wovon 6 unfehlbar treffen, dafür aber die 7. dem Teufel gehört. Diese soll das arme Mädchen treffen, dadurch Max zur Verzweiflung und Max zur Verzweiflung und Selbstmord geleitet werden u. Der Himmel beschließt es aber anders. Beim Probeschuß fällt zwar Agathe, aber auch Kaspar, und zwar letzterer wirklich als Opfer des Satans, erstere nur aus Schrecken, warum u. ist im Stück entwickelt. Das Ganze schließt freudig.

    [Carl Maria von Weber in einem Brief an seine Braut Caroline Brandt, Dresden, 3. März 1817]

  • Hintergrund

    Max Maria von Weber: Erstaufführung des »Freischütz«
    Berlin, 18. Juni 1821

    Vier Stunden vor Eröffnung des Schauspielhauses belagerte eine kompakte Masse dessen unglaublich unpraktisch angelegte Eingänge. Nur den vortrefflichen Maßnahmen der Polizei war es zu danken, dass bei dem fürchterlichen Drang und Kampf nach Eröffnung der Pforten nur Kleider verletzt wurden und bloß kleine Quetschungen vorkamen. Das Parterre füllte, dicht gedrängt, Kopf an Kopf, die jugendliche Intelligenz, das patriotische Feuer, die erklärte Opposition gegen das Ausländische: Studenten, junge Gelehrte, Künstler, Beamte, Gewerbetreibende, die vor acht Jahren in Waffen geholfen hatten, den Franzmann zu verjagen. Unter Carolinens Loge stand Benedikt, die lange schmächtige Gestalt Heinrich Heines, der in seiner sarkastischen Weise sagte: »Er wolle es sich einmal gefallen lassen, ›kindische‹ Verse für Byrons ›Childe Harold‹ einzutauschen« (mit dem er sich gerade beschäftigte), und ein kleiner, kräftiger Student mit gewaltiger Lunge und knallenden Händen. Die Haute-Volée und die Autoritäten der literarischen, musikalischen und gelehrten Kreise Berlins füllten Sperrsitze und Logen. Man sah wenig hohe Beamte, fast gar keine Uniformen. Nach und nach füllte sich das Orchester – die Musiker begannen zu stimmen – das Brausen der in dem übervollen Hause unbequem in glühender Hitze eingekeilten Masse, nahm mehr und mehr zu – da erschallte plötzlich Beifallklatschen im Orchester – Weber war eingetreten – und das ganze volle Haus mit tausend, tausend Händen nahm das schwache Signal im Orchester wie ein donnerndes Echo auf. Drei Mal musste Weber den Taktstock sinken lassen und sich verneigen, ehe er das Zeichen zum Anfange geben konnte.

    Auf den stürmischen Empfang folgte die feierlichste Ruhe. Und nun entwickelte sich das zauberische Tongemälde der Ouvertüre in seiner ganzen unwiderstehlich fortreißenden Fülle – der Eindruck war magisch – und als nach den dumpfen, unheimlichen Paukenschlägen – zuletzt der gewaltige C dur-Akkord und dann der lodernde, jubelnde Schluss folgte – da brach ein solcher Sturm des Beifalls, ein solch ungestümes »Da capo«-Rufen los, das dem Verlangen des Publikums Folge geleistet und das Ganze, mit wo möglich gesteigertem Enthusiasmus, wiederholt werden musste.

    Die 1. Scene, von Beschort überaus reizend gruppiert und voll Feuer und Leben dargestellt, machte einen außerordentlichen Effekt – aber Kilians Arie und der Spott-Chor, obwohl mit merkwürdigem Verständnis gesungen, wurden nicht gleich vollständig in ihren musikalischen Gewagtheiten erfasst und nicht so günstig aufgenommen, als in dem darauf folgenden Terzett die Stelle: »O lass Hoffnung dich beleben und vertraue dem Geschick«, die teils durch den vortrefflichen Vortrag des Chors, teils durch die Erinnerung an die Ouvertüre, die Herzen wunderbar ergriff und stürmischen Applaus erregte. – »Nun lasset die Hörner erschallen« und der so tief originell verklingende Walzer war vorüber. Die Scene verdüsterte sich und die Aufmerksamkeit des Publikums war bei der Scene des Max: »Nein, länger trag ich nicht die Qualen« auf so hohen Grad gesteigert, dass das schöne Arioso: »Durch die Wälder, durch die Auen«, trotz Stümer's echt künstlerischem und doch so einfachem Vortrage, in der allgemeinen Spannung fast spurlos vorüberging. Bei dem unerwarteten Eintritte Samiel's wehte es wie ein Schauer durch das tiefbewegte Haus, und nur der Lichtblick des: »Jetzt ist wohl ihr Fenster offen« verwischte in Etwas den unheimlichen Eindruck der Erscheinung, der im letzten Allegro noch erhöht wiederkehrte. Rauschender Beifall krönte den Schluss der Arie. Kaspar's Trinklied – so ganz den gewöhnlichen Formen entgegen konzipiert – wurde nicht verstanden, und Blume wollte in seiner Scene nicht recht mit der Stimme heraus – kurz der Vorhang fiel mit einem anticlimax, der Beifall war lau und der lange Zwischenakt gab Veranlassung zu überaus lebhaften, ja sogar stürmischen Diskussionen. Die Spontinianer in Masse rieben sich die Hände und fragten spöttisch: »Ist das die Musik die ›Vestalin‹, ›Cortez‹ und ›Olympia‹ vergessen machen soll? Welchen Lärm um ein einfaches Singspiel, ja fast nur Melodram?!« »Was bedeutet eine Viertelstunde langes Gespräch und langweilige Erzählungen in einer Oper?« »Wie monoton ist so ein langer Akt ohne weibliche Stimme!« – Das Haus brauste von streitenden Lauten. Während des Tumults war der Meister wieder auf seinen Platz zurückgekehrt.

    Der Vorhang ging auf und eine Salve von Beifall begrüßte die leuchtenden, lieblichen Gestalten von Agathe und Aennchen (Seidler und Eunicke), die nach dem dunkeln Lokalton des ersten Akts wie lösende Lichterscheinungen hervortraten. Die Oper von Jugend auf gewöhnt, empfinden wir diese Eindrücke kaum mehr! – Das zauberische Duett, so neu in Form und Behandlung – und noch entschiedener Aennchens frische Ariette: »Kommt ein schlanker Bursch gegangen«, erhielten die Zustimmung des ganzen Hauses. Aber der Glanzpunkt der ersten Vorstellung war unstreitig der Seidler große Scene: »Wie nahte mir der Schlummer«. – Hier verschwand alle Opposition – überrascht, hingerissen folgten die eifrigsten Gegner Webers dem allgemeinen unwiderstehlichen Strome. Orchester, Parterre, Logen, Galerie fühlten den Duft der schönen Nacht, beteten »leise, leise« in totenstillem Schweigen andächtig mit, hörten das Rauschen der Bäume – sahen Max mit dem Blumenstrauße nahen und mit Agathes Jubel wallten dem Schöpfer dieses Zauberwerkes Herzen, Hände und Seelen in Jauchzen, Klatschen, Rufen ohne Ende entgegen! – Von diesem Augenblicke an war der Erfolg der Oper entschieden. – Das Terzett fand die aufmerksamsten und dankbarsten Zuhörer. Die Wolfsschlucht mit ihrem abenteuerlichen Zubehör, ihren noch nie dagewesenen Instrumental-Effekten und den so recht aus dem Geiste des Meisters geschaffenen, mächtig wirkenden Dekorationen beschloss den zweiten Akt wahrhaft triumphierend.

    Der kräftige Student unter Carolinens Loge nahm die Mütze zwischen den Knien vor, mit denen er sie, um die Hände frei zu haben, gehalten hatte, und sagte in die brennenden Handflächen blasend: Das ist ja ein Teufelskerl, der kleine Weber. Das hält sauer, ihm zu zeigen, wie gut ers gemacht hat! – War das Getümmel nach dem ersten Akte schon groß gewesen, so wurde es jetzt überwältigend; aber welch anderen Charakter hatten die Ausrufe! Die italienische Partei war verstummt. Wundervoll, herrlich – zart und kräftig– eben so neu wie schön – vortrefflich – kühn aber treffend – tönte es jetzt von allen Seiten. Der Meister aber war zu Carolinen und Lichtensteins in die Loge geschlichen, und saß da in einer dunkeln Ecke, die Hand der vor Seligkeit still weinenden Gattin in der seinen.

    Nach dem Entreakte, mit Frische und Energie vom Orchester vorgetragen, wurde Agathes Gebet, welches sich mehr der älteren Cavatinenform nähert, so wie Aennchens »kreideweiße Nase« mit der obligaten Viola und dem halb tändelnden, halb zärtlichen Allegro, von der Eunicke bestrickend gesungen, sehr günstig aufgenommen. Das Volkslied: »Wir winden dir den Jungfernkranz«, so durch und durch im besten Sinne des Worts populär und deutsch empfunden und komponiert, musste auf stürmisches Verlangen wiederholt werden, obwohl die Reinwald, seltsam befangen, es mit zitternder Stimme sang. Der »Jägerchor«, obgleich donnernd applaudiert, wurde, seltsamer Weise, doch erst nach der achten oder zehnten Vorstellung, dem Publikum ganz eingehend. Seine Melodie war eine der wenigen aus dem Freischützen, die nicht gleich auf den Straßen gesungen wurden. Fürst Ottokar (Rebenstein) gab das Zeichen zum Schusse auf die Taube, und das herrliche Finale – zwar mit einer Tendenz zur Verkühlung, die seine, im Verhältnis zum Sturmesgang der andern Theile der Oper etwas zögernde Länge, erzeugte – brachte die Oper in glorreicher Weise zu Ende!

    Der Vorhang rauschte herab, aber Niemand verließ das Haus, das donnernder Applaus und tausendstimmiges Rufen nach dem Meister erfüllte. Endlich erschien er, Mad. Seidler und Fräul. Eunicke an der Hand führend. Kränze, Jubelrufe, Lieder und Gedichte flogen ihm entgegen!
    Der Erfolg war ein ungeheurer und beispielloser! Kritiker, Künstler, Dilettanten und Musikfreunde waren wie berauscht zum ersten Male, für den Abend wenigstens, einstimmig voll Lob, Entzücken und Freude. Das Auditorium brauste auseinander, laut das neue Wunder verkündigend.