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27. Juni 2015

Ariadne auf Naxos

Oper von Richard Strauss

Nach »Elektra« und »Der Rosenkavalier« ist »Ariadne auf Naxos« das dritte Gemeinschaftswerk von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – jetzt wird es auf die Große Bühne der Staatsoper gebracht. Regie führt Hans Neuenfels, der nach Mozarts »La finta ...

Nach »Elektra« und »Der Rosenkavalier« ist »Ariadne auf Naxos« das dritte Gemeinschaftswerk von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – jetzt wird es auf die Große Bühne der Staatsoper gebracht. Regie führt Hans Neuenfels, der nach Mozarts »La finta giardiniera« (2012) zum zweiten Mal an das Haus kommt, um eine der beliebtesten Strauss-Opern zu inszenieren. Am Pult der Staatskapelle Berlin: Ingo Metzmacher. Mehr lesen…

In einem Brief von Hugo von Hofmannsthal an Richard Strauss vom Sommer 1911 bringt der Librettist die grundsätzliche Thematik der Oper Ariadne auf Naxos auf den Punkt:
»Es handelt sich um ein simples und ungeheures Lebensproblem: das der Treue. An dem Verlorenen festhalten, ewig beharren, bis an den Tod – oder aber leben, weiterleben, hinwegkommen, sich verwandeln, die Einheit der Seele preisgeben, und dennoch in der Verwandlung sich bewahren, ein Mensch bleiben, nicht zum gedächtnislosen Tier herabsinken.«

Diese beiden Liebes- und Lebensmodelle werden hier in den Figuren Ariadne und Zerbinetta gegeneinander gestellt und die sich damit ergebenden Fragestellungen sind es, die Hans Neuenfels, der mit Ariadne seine erste Strauss-Oper inszeniert, als ein Zentrum des Stückes sieht. Strauss’ Musik zu dieser Oper lässt trotz des verhältnismäßig kleinen Orchesters nicht ab von der Verzauberung und Raffinesse, die bezeichnend für alle seine Partituren sind. Ingo Metzmacher, musikalischer Leiter der Neuproduktion, liegt besonders die Genauigkeit, der Strausschen Musik am Herzen ohne dabei die Mittel zu verraten, die dieser Klangzauberer unter den Komponisten anwendet. Ariadne auf Naxos wird oft als ein Stück einer bestimmten Wende- oder sogar Endzeit bezeichnet, was sicherlich auch mit der Entstehungszeit während des ersten Weltkriegs zusammenhängt. Allerdings sind die Anzeichen dafür höchst subtil; vielleicht sind sie am ehesten darin zu erkennen, dass der jahrtausendalte Ariadne-Mythos seine welterklärende Durchschlagkraft zu verlieren beginnt und für Hofmannsthal Gefäß einer äußerst komplexen, dem ursprünglichen Mythos kaum mehr entsprechenden Fragestellung wird. Das Gefühl einer Paradoxie ist im ganzen Stück unüberhörbar: Die Gewissheit über die Fragwürdigkeit des Mythos und der gleichzeitige Versuch, einmal noch die ursprüngliche Empfindungsart heraufzubeschwören und womöglich damit einen neuen Mythos zu schaffen. Der Erfolg der Oper gibt Strauss und Hofmannsthal auf sensationelle Weise Recht.

Der ursprüngliche Plan der Autoren, Molières Bürger als Edelmann mit einer nachfolgenden Oper zu koppeln und die Uraufführung dieser Version 1912, ließen diesen Erfolg nicht ahnen. Dem Stück wurde höchstens ein höflicher Achtungserfolg zuteil, was zu einer langen, über vier Jahre dauernden Umarbeitung führte, deren Ergebnis dann – ganz ohne das Schauspiel von Molière – unter dem Titel Ariadne auf Naxos. Oper nebst einem Vorspiel 1916 in Wien zur Aufführung kam und seither alle vorausgegangenen Fassungen von der Bühne verdrängt hat. Dennoch wäre ohne Molière das Stück, wie wir es heute kennen, kaum so, wie es eben ist. Das sogenannte Vorspiel ist quasi ein Blick hinter die Kulissen der folgenden Opernaufführung und selten haben Hofmannsthal und Strauss so pointierten, gleichwohl aber auch beinahe sarkastischen Witz auf die Bühne gebracht. Es handelt sich um tatsächliches Musiktheater, in dem Personen Meinungen und Haltungen verkörpern. Rezitativisch extrem verknappte musikalische Momente werden nur einmal – dann allerdings wichtig und gewichtig – durch die lange Arie des Komponisten und das darauf folgende Duett mit Zerbinetta unterbrochen.

Der zweite Teil dagegen – die eigentliche Oper – besteht fast nur aus arioser Musik, selbst dann, wenn die Komödiantentruppe um Zerbinetta das Sagen hat. Auch die Thematik der beiden Teile unterscheidet sich auf den ersten Blick stark voneinander. Verkürzt könnte man sagen, dass es im Vorspiel um eine besessene Verteidigung der Kunst gegen den Kommerz geht: Alle, ob Komponist, Komödianten oder »seriöse« Gesangstars kämpfen mit allen Mitteln für den Wert und die Wertschätzung ihrer Kunstausübung. Das ist diskursiv, leidenschaftlich, schnell und sehr klar gesetzt. Diese Typologie verschiedener Künstler und Kunstauffassungen zeigt Neuenfels in deutlicher und schnörkelloser Direktheit. Trotz aller Unterschiede wirkt es beinahe, als würden sich die so unterschiedlichen Charaktere in ihrem Widerstand gegen den absurden Wunsch des Auftraggebers und damit Finanziers der geforderten Kunstveranstaltung verbünden. Aber genau diese aberwitzige Forderung des »reichsten Mannes von Wien«, das Komische mit dem Pathetischen in einem Stück zu vermischen, führt zu der grundsätzlichen, von Hofmannsthal beschriebenen, Problemstellung der folgenden Oper: das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die verschiedenen Programme von Liebe. Liebe ist natürlich ein sehr allgemeines Thema, allerdings von höchster persönlicher Betroffenheit aller Beteiligten. Die Fixierung Ariadnes auf den einen Mann Theseus, der sie bekanntlich auf Naxos hat sitzen lassen, steht in krassem Widerspruch zur Haltung Zerbinettas, die davon überzeugt ist, dass die Liebe viele Gesichter hat. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Oper. Jenseits von allem Klamauk zeigen die »komischen« Figuren von Zerbinetta ein anderes Liebeskonzept und Strauss hat dafür zwar eine grundsätzlich andere musikalische Farbe als für Ariadne erfunden, aber sie ist nicht schlechter, komischer oder derber, sondern eben anders. Man kann die Enttäuschung Harlekins verstehen, wenn Ariadne seine Serenade (»Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen, alle Lust und alle Qual, alles kann ein Herz ertragen einmal um das andre Mal.«) nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Sie reflektiert ohne Unterlass ihren eigenen Verlust und kommt über ihre einzigartige Liebe zu Theseus nicht hinweg und setzt diesen Verlust mit dem Tod gleich. So kann sie in Bacchus nur den lang ersehnten Todesboten Hermes sehen und ihn auch nur als diesen begrüßen und begreifen. Die Transformation, von der der Mythos spricht und in einer Vergöttlichung Ariadnes gipfelt, ist hier eine Wandlung in den Tod. Und seltsam hat bei ihr eine Mimesis von der Primadonna des Vorspiels zur Ariadne der Oper stattgefunden.



    In deutscher Sprache mit Übertiteln
    2:40 h | inklusive 1 Pause
    Einführungsmatinee am 07. JUNI 2015

    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Handlung

      Vorspiel
      Im Haus des »reichsten Mannes von Wien« wird die Aufführung der Opera seria Ariadne auf Naxos vorbereitet. Man lässt ausrichten, dass danach noch ein heiteres Nachspiel mit Tänzen folgen soll, welches von Zerbinetta und ihren vier Partnern Harlekin, Brighella, Scaramuccio und Truffaldin dargeboten wird. Der Komponist der Oper fühlt sich als Künstler verhöhnt, sein Musiklehrer ermahnt ihn jedoch, die Launen seines Auftraggebers hinzunehmen, um sein Honorar nicht zu verlieren. Kurz vor Beginn der Vorstellung erscheint der Haushofmeister mit den neuesten Anweisungen seines Herrn: Die Opera seria und die Opera buffa sollen gleichzeitig gegeben werden, das ganze Stück dürfe zudem nur eine Stunde dauern, denn danach müsse pünktlich das Feuerwerk für die Gäste beginnen. Der Komponist möchte sein Werk lieber vernichtet sehen, der Musiklehrer rät zu Kürzungen, um es zu retten, der Tanzmeister appelliert an die Improvisationskunst der Komödianten. Nur widerwillig lässt sich der Komponist darauf ein. Die faszinierende Begegnung mit Zerbinetta allerdings lässt den Komponisten alles mit anderen Augen sehen und die »heilige Kunst der Musik« neu beschwören.


      Oper
      Die Nymphen Najade, Dryade und Echo bedauern Ariadne, die von ihrem einzig geliebten Theseus auf der wüsten Insel Naxos verlassen wurde. Ariadne, in lebloser Erstarrung, beklagt immerwährend die Hoffnungslosigkeit ihres Daseins und wartet nurmehr sehnsüchtig auf Hermes, den Todesboten. Zerbinetta und ihre Mitspieler versuchen, Ariadne zu erheitern und sie von der Kraft des Vergessens und der Verwandlung zu überzeugen. Sie unterweisen sie in einer spielerischen Liebeskunst: Die Liebe hat unzählige Gesichter. Ariadne allerdings ist nicht umzustimmen. Sie besteht auf ihrer Fixierung.
      Schließlich wird ein Gott zur Rettung herbeigerufen: Bacchus. Die Begegnung von Ariadne und Bacchus erscheint als eine unaufhörliche Täuschung. Bacchus glaubt, Circe, der er gerade entkommen ist, in ihr zu sehen, während Ariadne ihn zunächst für Theseus, dann für den Todesboten Hermes hält. Dem Gesang lauschend, gerät Ariadne in den Sog des dunkel treibenden Gottes Bacchus. Durch seinen Gesang geleitet, vermag sie endlich in das ewig herbeigesehnte Todesreich einzutreten. Damit erfüllen sich die Worte des Komponisten: »Sie meint zu sterben! Nein, sie stirbt wirklich.«

    • Pressestimmen

      »Am Ende kämpfte er mit den Tränen. Noch nie ist Publikumsschreck Hans Neuenfels in Berlin so gefeiert worden wie für seine altmeisterliche Inszenierung der Ariadne auf Naxos von Richard Strauss. Es ist die beste Neuenfels-Produktion seit dem Berliner Bienen-Nabucco und dem inzwischen legendären Bayreuther Ratten-Lohengrin. Zugleich dezent und altmeisterlich. Ganz ohne Tiere. Womit sich, in Gestalt einer Versöhnung des alten Abo-Schrecks mit seinem Publikum, womöglich ein Kapitel Berliner Theater- als Skandalgeschichte schließt.« (Die Welt, 16. Juni 2015)

      »Die komplexen Beziehungen zwischen Tragödie und Komödie, zwischen Mythos und Realität so abzubilden, dass sie als lebendiges Theater und nicht nur als Repertoire-Pflichtstück auf die Bretter kommen, ist keine leichte Aufgabe. Neuenfels und Metzmacher haben jetzt die Berliner Opernszene um ein sinnliches Stück Musiktheater reicher gemacht.« (Berliner Morgenpost, 16. Juni 2015)

      »Verwandlungswundermusik schwappt aus dem Orchestergraben. Ingo Metzmacher gelingt dort mit der Staatskapelle Berlin ein bemerkenswerter Abend: Die permanente Feinjustierung, die Strauss seinem Orchester zwischen Konversationston und Kraftzentrum abverlangt, funktioniert nahezu reibungslos. Metzmacher gelingt es sogar, die Modernität der Partitur herauszuarbeiten, ohne dabei größere Sinnlichkeitseinbußen zu erleiden.« (Der Tagesspiegel, 16. Juni 2015)

      »Mit leichter Hand, doch auch mit Sinn fürs Unversöhnliche: Hans Neuenfels inszeniert Ariadne auf Naxos. Ein denkwürdiger Abend im schönsten Sinne des Wortes.« (FAZ, 16. Juni 2015)