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14. Juni 2014

Tschaikowsky

Ballett in zwei Akten von Boris Eifman

Boris Eifman gilt als einer der profiliertesten und interessantesten russischen Choreographen der Gegenwart. Er bekennt sich zu einem leidenschaftlichen „Ballett-Theater“, bei dem dramatischer Ausdruckswille die Grundlage für das Tanzen ist. Eifman bleibt ...

Boris Eifman gilt als einer der profiliertesten und interessantesten russischen Choreographen der Gegenwart. Er bekennt sich zu einem leidenschaftlichen „Ballett-Theater“, bei dem dramatischer Ausdruckswille die Grundlage für das Tanzen ist. Eifman bleibt dabei dem klassischen Tanz verpflichtet, verfolgt aber mit seinen Choreographien das Ziel, „den Menschen nicht nur eine Augenweide zu präsentieren, sondern vielmehr ihre Empfindungen und Gefühle anzusprechen, um ein gemeinsames lebendiges Ritual zu initiieren.“

Sein Ballett TSCHAIKOWSKY ist wie eine psychologische Personen-Studie zu verstehen. Peter I. Tschaikowsky hatte den Entschluss gefasst, seine sichere, gutbürgerliche Stellung aufzugeben, um sich ganz dem musikalischen Schaffen zu widmen, zu dem es ihn so leidenschaftlich drängte. Zeitlebens wurde er aber das Gefühl einer tiefen inneren Unruhe und Heimatlosigkeit nicht los. Seine emotionale Zerrissenheit findet Ausdruck in seinen Kompositionen – Anlass für Boris Eifman, der Gefühlswelt des großen russischen Komponisten choreographisch nachzuspüren.

  • Choreographie und Inszenierung
    • Boris Eifman
  • Musik
    • Peter I. Tschaikowsky
  • Bühnenbild und Kostüme
    • Viacheslav Okunev
  • Musikalische Leitung
    • Robert Reimer
  • Es tanzen
    • Solisten und Corps de ballet des Staatsballetts Berlin
  • Orchester
    • Staatskapelle Berlin

      2:10 h | 1 Pause
      Für das Publikum wird zu jeder Vorstellung in der Saison 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Einführung im Foyer 2. Rang, rechts angeboten, die von Studierenden der Tanzwissenschaft der Freien Universität Berlin erarbeitet und moderiert wird. (Ausgenommen sind Premieren und Sonderveranstaltungen.)
      • Handlung

        Erster Akt
        Peter I. Tschaikowsky liegt im Sterben. Im Fieberwahn ziehen Bilder an ihm vorüber: die böse Fee Carabosse wütet um ihn herum, seine dem Wahnsinn verfallene Ehefrau verfolgt ihn, und endlos quält ihn der Dialog mit seinem Alter Ego. Seinen engen Freunden und Verwandten gelingt es nicht, den Schmerz des Abschieds zu lindern ...
        Der junge Komponist fühlt sich einsam im kalten und verregneten St. Petersburg. Es ist ihm eine Qual, in der Welt kreativer Träume gefangen zu sein. Für kurze Momente helfen ihm die Güte und Fürsorge der Baronesse von Meck über den Schmerz hinweg.
        Die Begegnung mit der jungen Antonina Iwanowna Miljukowa bringt ihn in die Realität zurück. Sein Interesse schmeichelt ihr, doch führt ihn die kurzzeitige Anziehungskraft in eine tiefe seelische Krise: Er kann sich selbst nicht verleugnen, möchte aber wie jene Männer sein, die Miljukowa umringen.
        Schwarze Gedanken quälen ihn, Tschaikowsky fühlt eine tiefe innere Leere. Sein Seelenheil findet er in der Kunst, in seinen Geschöpfen, den weißen Schwänen. Sie geben ihm die Hoffnung auf Seelenfrieden zurück. Allerdings dringt Antonina erbarmungslos in die Welt seiner Klänge ein, und sein zweites Ich, sein Alter Ego, begleitet ihn ständig, grausam enthüllt es ihm seine innere Zerrissenheit.
        Die weißen Schwäne weichen seinen schwarzen Gedanken. Der Komponist kann nur seine kostbarste Kreation, den Prinzen, verteidigen. Aber auch dies Geschöpf der Schönheit bereitet ihm Schmerzen: hochmütig und undankbar geht der Prinz, reich an Verstand und voller Leidenschaft, seinen eigenen Weg. Der Komponist verzweifelt, wieder verschaffen ihm einzig die Briefe der Nadeshda von Meck ein wenig Anerkennung.
        Die Versuchung, wie all die anderen zu sein, ist in Antonina personifiziert, aber ihre Verlockungen werden zur Qual. Tschaikowsky sucht den Tod, wagt den letzten Schritt aber nicht.

        Zweiter Akt
        Wieder ertönt Musik. Paare wirbeln tanzend umher, ein jedes führt ein eigenes Leben, hat ein eigenes Schicksal. Einsam ist Nadeshda von Meck unter ihnen, sie gehört nicht zu ihnen.
        Tschaikowsky hat sich auf sich selbst zurückgezogen, denn in der Realität bleibt er ein Außenseiter. Mit seiner Veranlagung steht er im Konflikt mit der vorherrschenden Moral, aber nichts vermag ihn von der Suche nach Jugend und Schönheit abzuhalten. Sein Los ist die Einsamkeit.
        Nadeshda von Mecks moralische und materielle Unterstützung hält ihn am Leben, doch wie erniedrigend ist es, von den Launen des Wohlstands abhängig zu sein. Antonina verfällt zunehmend dem Wahnsinn.
        Einen geheimnisvollen Reiz bekommt das Kartenspiel. Die Welt schrumpft auf die Größe eines Kartentisches, und die Leidenschaft wird eindimensional: Es geht einzig ums Gewinnen. Aber die Gewinnerin ist stets die Pique Dame. Der Briefwechsel mit Frau von Meck endet. Tschaikowskys Seele ist in Stücke gerissen und zerstreut sich wie ein Stapel Karten. Der Tod ist die Erlösung, ein Schritt bis zur Unsterblichkeit!