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14. Juni 2014

LohengrinSalvatore Sciarrino

Azione invisibile per solista, stromenti e voci

Sciarrinos »Azione invisibile per solista, stromenti e voci« von 1982 gehört zu seinen erfolgreichsten Werken und gilt zugleich als ein Eckpfeiler seines reiferen Schaffens. In »Lohengrin« zeigen sich idealtypisch die radikale Reduktion der Klangereignisse ...

Sciarrinos »Azione invisibile per solista, stromenti e voci« von 1982 gehört zu seinen erfolgreichsten Werken und gilt zugleich als ein Eckpfeiler seines reiferen Schaffens. In »Lohengrin« zeigen sich idealtypisch die radikale Reduktion der Klangereignisse und die extreme Stilisierung, die Sciarrinos Werk unverwechselbar machen. Die dramaturgische Konzeption ist überaus anspruchsvoll: »Die Töne sind bereits Theater. Das Drama dessen, was man hört, bringt Wirkung mit sich, ein Gast des Raumes.« Literarische Quelle ist Jules Laforgues »Lohengrin, fils de Parsifal«, den der 26jährige Dichter gemeinsam mit fünf weiteren Parodien berühmter Archetypen 1886 veröffentlichte. Salvatore Sciarrino reduzierte und gestaltete den Text drastisch um. Dabei tilgte er fast gänzlich die frivolen Aspekte, die satirisch eingesetzten Redundanzen und das enzyklopädische Feuerwerk des Originals, behielt jedoch das nächtliche Ambiente und den sich immer wieder durchdringenden Kontrast von Dunkelheit und Helligkeit bei.

Die Musikdramaturgie sucht und findet ihre Wirkung in der geradezu gnadenlosen Reduktion auf das Wesentliche. Fast kaum zu realisieren ist der Gesang. Die Solostimme muss sich auf eine Kompletterkundung des stimmlichen Ausdrucks einlassen: vom eigentlichen Wort über den Laut und das Geräusch bis hin zum Seufzer – und dies ununterbrochen, während sie von einer psychischen Situation in die andere hinübergleitet. Ähnliches gilt für den kleinen Männerchor, der quasi instrumental eingesetzt wird. Das klein besetzte Orchester ist meist extrem ausgedünnt und beschränkt sich oft auf einfache Klangbänder, wenn es nicht überhaupt über lange Strecken schweigt. Als Protagonist agiert es nur an theatralisch kritischen Punkten – dann interveniert es mit äußerster Vehemenz. Ansonsten bleibt es im wesentlichen ein Echo der Worte. Meist »hören« wir also die Geschichte durch die geschlossenen (invisibile) Augen der Protagonistin Elsa. Dadurch stellt »Lohengrin« an uns die Forderung, die Wirklichkeit von Musik mehr denn je durch unvoreingenommenes Hören zu entdecken.


0:55 h | keine Pause
VORWORT
Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
  • Pressestimmen

    »Ursina Lardi zirpt und gluckst, schnarrt und gurrt. Käfer und Maden scheinen in ihren Eingeweiden zu rumoren. Sciarrinos psychoakustische Klänge dringen ihr wie giftiges Ungeziefer aus den Poren, kriechen und krabbeln im Raum, infizieren das gebannte Publikum. Sie verleiht ihrer Rolle trotz nervenreibender Schockmomente so viel existentielle Größe und Würde wie möglich. Durch pure Schauspielkunst gelingt es ihr, mädchenhaften Charme mit greisenhafter Grimasse zu vereinen, puppenhafte Leere mit reifer Sinnlichkeit.«
    (Berliner Morgenpost, 16. Juni 2014)

    »Michele Rovetta dirigierte das Ensemble aus Staatskapellenmusikern mustergültig sensibel. Die fantastische Ursina Lardi spricht den gesamten Text und garniert ihn mit tierischen, röchelnden, hustenden, schluckenden Lauten. Die Szenen zwischen Bett und Bad, die Ingo Kerkhof inszeniert, sind auch deshalb so erholsam, weil sie das Verstörungspathos der 80er-Jahre ignorieren – oder ganz anders wieder reinholen.«
    (Berliner Zeitung, 16. Juni 2014)

    »Hoch motiviert stellt sich ein Kammerensemble aus Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie unter Michele Rovetta dieser Partitur der Reduktion und Stilisierung. Wahre Wunder der Klangwandlung vollbringt die Schauspielerin Ursina Lardi, da sie die Stichnoten der Instrumente minutiös mitgelernt hat, um ihren bruchstückhaften Monolog einzuordnen, lieblich bis grausam besessen. Sciarrino wird mit seinen Interpreten herzlich gefeiert.«
    (Der Tagesspiegel, 16. Juni 2014)

    »Die Schauspielerin Ursina Lardi (Elsa) befreit aus den Worten das gesamte Repertoire an stimmlich produzierbaren Lauten, als leuchte sie eine Höhle bis in den letzten Winkel aus. Jedes Bewusstsein davon, im Theater zu sein, geht verloren. Die 50 Minuten klingenden Wahnsinns erzählen mehr von der Wirklichkeit, als es jedes Drama könnte.«
    (Die deutsche Bühne, 15. Juni 2014)