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16. Januar 2014

La Bohème

Oper von Giacomo Puccini

Der Begegnung des mittellosen Dichters und Journalisten Rodolfo mit der schwindsüchtigen Mimì, aus der sich die mit Mimìs Tod tragisch endende Liebesgeschichte entwickelt, steht die pittoreske und detailgenaue Schilderung der Pariser Subkultur mit ihrer ...

Der Begegnung des mittellosen Dichters und Journalisten Rodolfo mit der schwindsüchtigen Mimì, aus der sich die mit Mimìs Tod tragisch endende Liebesgeschichte entwickelt, steht die pittoreske und detailgenaue Schilderung der Pariser Subkultur mit ihrer ausgelassenen Feierlust, ihrer Verschwendungslaune und ihrem promisken Lebenswandel kontrastierend gegenüber. Gerade in der umrahmenden Liebesgeschichte entfaltet Puccinis eindringliche Musik ihre berührendsten Momente.


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
2:20 h | inklusive 1 Pause
  • Handlung

    ERSTES BILD
    Heiligabend in einer Pariser Mansarde
    Dem Dichter Rodolfo und dem Maler Marcello will die Arbeit nicht von der Hand gehen. Es ist kalt in ihrer Mansarde. Rodolfo opfert großzügig sein neuestes Drama für ein kurzes Feuer im Ofen. Ihr Freund Colline, ein Philosoph, stößt zu ihnen. Gerade hat er vergebens versucht, am Heiligabend seine Bücher im Pfandleihhaus zu Geld zu machen. Kurz darauf folgt der Musiker Schaunard. Er bringt zur allgemeinen Überraschung Essen, Wein, Holz und Geld mit, das er durch einen seltsamen Auftrag verdient hat: Für einen spleenigen Engländer musste er einen Papagei zu Tode musizieren. Das Geld liegt noch auf dem Tisch, als Benoît, der Vermieter, unverhofft vorbeikommt, um die überfällige Miete zu kassieren. Die vier Künstler machen ihn betrunken und verstehen es, ihn unverrichteter Dinge wieder loszuwerden.
    Sie beschließen, den Weihnachtsabend im Café Momus zu verbringen. Rodolfo bleibt zurück, um noch einen Zeitungsartikel zu Ende zu schreiben. Da klopft es: Mimì, eine Nachbarin, bittet um Feuer für ihre erloschene Kerze. Sie verliert ihren Schlüssel, den beide im Dunkeln suchen. Rodolfo sorgt dafür, dass sie ihn nicht zu schnell finden.
    Sie kommen sich näher und verlieben sich ineinander. Als die Freunde von unten nach Rodolfo rufen, zieht das neue Paar mit ihnen ins Momus.

    ZWEITES BILD
    Café Momus
    Ausgelassener Weihnachtstrubel im Quartier Latin. Straßenhändler bieten ihre Waren an, der Spielzeugverkäufer Parpignol kann sich vor dem Ansturm der Kinder kaum retten. Die vier Bohémiens bringen ihr Geld unter die Leute; Rodolfo kauft ein Häubchen für Mimì. Man trifft sich schließlich zum Essen im Momus, wohin es auch Musetta, Marcellos frühere Geliebte, mit ihrem neuen, reichen Verehrer, Alcindoro, zieht. Marcello ist eifersüchtig, Musetta provoziert ihn und schickt Alcindoro mit einem Auftrag davon, um wieder zu Marcello zurückzukehren. Die beiden Paare, Colline und Schaunard ziehen gutgelaunt von dannen. Alcindoro wird bei seiner Rückkehr die Rechnung für alle begleichen müssen.

    DRITTES BILD
    Februarmorgen am Stadtrand
    Marcello arbeitet als »Kneipenmaler« in einem Cabaret am Stadtrand, wo auch Musetta als Sängerin auftritt. Mimì will mit ihm über Rodolfos unbegründete Eifersucht sprechen. Marcello rät ihr zur Trennung. Als Rodolfo hinzukommt, versteckt sie sich und hört Rodolfos wahre Beweggründe: Er fühlt sich nicht in der Lage, die schwerkranke Mimì zu versorgen. Mimì verlässt ihr Versteck. Rodolfo und sie wollen nun noch bis zum Ende des Winters zusammen bleiben. Nach einer heftigen Eifersuchtsszene verlässt Musetta Marcello.

    VIERTES BILD
    In der Mansarde — ein halbes Jahr später
    Marcello und Rodolfo gelingt es nicht, ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn sie es sich gegenseitig auch nicht eingestehen wollen, sind ihre Gedanken doch bei Musetta und Mimì, die sie seit langem nicht mehr gesehen haben. Colline und Schaunard bringen diesmal nur ein karges Abendessen mit. Die vier Freunde versuchen mit Humor das Beste aus der Situation zu machen.
    Musetta bringt die todkranke Mimì zu ihnen, die Rodolfo noch einmal wiedersehen will. Musetta versetzt ihre Ohrringe, Colline seinen geliebten Mantel, um Medikamente und einen Arzt zu besorgen und der Sterbenden einen letzten Wunsch zu erfüllen. Allein zurückgeblieben erinnern sich Rodolfo und Mimì ihrer ersten Begegnung. Die Freunde kehren zurück. Mimì stirbt. Rodolfo wird es als Letzter gewahr.

  • Aus dem Programmbuch

    von Susanne Schröter

    Als Giacomo Puccini 1896 in Turin seine Oper La Boheme aufführte, inszenierte er ein Lebensgefühl, das Jugendliche bis heute als Rebellion gegen das Establishment stilisieren. Die vier jungen Männer, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen, nehmen sich die Freiheit, auf geregelte Arbeit zu verzichten und stattdessen für ihre Passionen zu leben: Marcello versucht sich in der Malerei, Schaunard in der Musik, Rodolfo in der Dichtkunst und der etwas blass geratene Colline befasst sich mit Runengrammatik und anderen abseitigen Feldern der Wissenschaft.
    Erfolg ist keinem von ihnen beschieden, und so ist die Armut ihre ständige Begleiterin. Sie frieren, hungern und sehen sich immer wieder aufs Neue davon bedroht, das bescheidene Dach über dem Kopf wegen fehlender Mietzahlungen zu verlieren. Ein Überleben ist nur mit List und kleinen Tricks möglich, humorigen Gaunereien, die ihre demonstrative Antibürgerlichkeit mit einem kleinen Schuss Subversion würzen.
    Zwei Szenen machen dies deutlich: Als Benoit, Marcellos Wirt, von diesem den ausstehenden Mietzins verlangt, laden die vier ihn scheinheilig zum Trinken ein und verstehen es, das Thema Geld geschickt zu umschiffen. Stattdessen bringen sie den immer betrunkener werdenden Hausbesitzer dazu, mit seinen außerehelichen Abenteuern zu prahlen, um ihn kurz darauf, mit gespielter Empörung über seine schmutzigen Begierden, der Stube zu verweisen. Mit dem Wissen um Benoits Untreue hat Marcello ihn in der Hand und das Quartal ist sozusagen bezahlt.

    Die zweite Szene, in der finanzielle Probleme die Freunde in ernste Schwierigkeiten zu bringen drohen, wird nicht weniger unorthodox gelöst. Sie befinden sich in einem Cafe im Quartier Latin und bestellen üppige Ge-richte und erlesene Getränke wie wohlhabende Herren. Langusten, Hirschbraten und Truthahn werden aufgefahren, dazu genießt man Weine und Likör. Als es daran geht, die Zeche zu begleichen, stellt sich heraus, dass niemand Geld hat. Glücklicherweise ist Musetta in der Nähe, eine junge Dame der Halbwelt, die einst mit Marcello liiert war und diesen noch immer liebt. Musetta ist in Begleitung eines älteren Herren, den sie schikaniert und demütigt, der ihr aber trotzdem verfallen scheint. Unter einem Vorwand schickt sie ihn weg, um ihm in seiner Abwesenheit die Kosten der fidelen Bohemiens mit auf die Rechnung setzen zu lassen. Dann verschwindet sie mit diesen.

    Die eigentümliche Mischung aus Elend und angenehmstem Lotterleben gehört untrennbar zur Selbstinszenierung von Bohemiens und anderen Mitgliedern spätadoleszenter Subkulturen bis in die heutige Zeit hinein. Weil sie kein Brennholz besitzen und es in ihrer Dachkammer so bitterkalt ist, verheizt Rodolfo im ersten Akt seine Manuskripte und gibt ein Bild tiefster Verelendung ab.

    Kurze Zeit später jedoch wendet sich das Blatt. Schaunard betritt den Raum und mit ihm zwei Laufburschen, die Zigarren, Wein, Pasteten und andere Leckereien hereintragen. Ein gut entlohnter Dreitagejob hatte ihn in die Lage versetzt, die Köstlichkeiten zu erwerben. Bourgeoise Genüsse, so erfahren wir, wechseln bei Bohemiens mit absolutem Mangel, und Völlereien kontrastieren mit Entbehrungen. Eigentlich ist der Bohemien ein Genussmensch, einer, der seine Zeit im Cafehaus verbringt, die Muße pflegt und seinen Geist mit ausgesuchten Alkoholika oder anderen Drogen entspannt. Der Bordeaux, den Schaunard gekauft hat, ist ein Symbol für diesen Hang zum guten Leben.
    In gewissem Sinn erweisen sich die lebensfrohen Antihelden Puccinis hier als unmittelbare Nachfolger der adligen Libertins, deren Zeit mit der Französischen Revolution abgelaufen war. Sie hatten, bis zu ihrer endgültigen Entmachtung durch das aufstrebende Bürgertum, den Topos des Grenzüberschreitenden und Provokativen, des sexuell Ungebundenen und geistig Aufrührerischen verkörpert und die moralischen Gesetze der feudalen Ordnung immer wieder durch ungebührlichste Handlungen erschüttert. Adlige Damen gingen in Männerkleidung nächtens ihren erotischen Abenteuern nach, und die Herren pflegten den sexuellen Verkehr mit Knaben ebenso wie mit den Töchtern des Dienstpersonals.

    Die wild gewordenen Mitglieder des höchsten Standes urinierten in Kirchen, lasen Teufelsmessen und produzierten ein eigenes literarisches Genre, das sich der detaillierten Schilderung erotischer Vergnügungen widmete. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Literaten, dessen Werk durch die penible und geradezu buchhalterisch genaue Aneinanderreihung aller nur möglichen Tabubrüche besticht, war Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade, der mit seiner Romanfigur der Juliette eine der extremsten Phantasiegestalten einer weiblichen Freiheitsliebenden erschaffen hat. Allein, die Rebellion der Libertins konnte im besten Fall ein Sturm im Wasserglas sein, gehörten doch die Rebellen gegen die
    herrschende Ordnung eben dieser Ordnung selbst an.

    Der Bohemien dagegen war tendenziell ein Außenseiter. Ihm fehlte idealiter das sichere finanzielle Polster der Libertins ebenso wie die gesellschaftliche Einbettung in eine Ständegesellschaft. Nicht immer allerdings resultierte das materielle Elend aus der ärmlichen Herkunft. Manch ein verarmter Künstler entstammte einem wohlhabenden Elternhaus und kehrte, nachdem er seinen schöngeistigen Ambitionen einige Jahre gefrönt hatte, wieder in den Schoß des Bürgertums zurück. Andere wurden mit ihrer Kunst erfolgreich oder verfielen in reiferen Jahren auf eine gewinnbringendere Profession
    (...)

    Schon der Begriff der Boheme enthält das Zeichen des Suspekten. Bohemia/Böhmen ist eine Provinz im heutigen Tschechien und gehörte bis 1918 dem von der habsburgischen Dynastie regierten Kaiserreich Österreich-Ungarn an. Im 15. Jahrhundert wanderten Zigeuner in Bohemia ein, die alsbald als Bohemianer bezeichnet wurden. Nach diesen Zigeunern benannte man später all diejenigen, die gegen die Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft opponierten und ein selbstbestimmtes, freies Leben suchten.

    Die Exotisierung des Zigeuners als ambivalente Figur, die sowohl im Positiven wie im negativen für den gesellschaftlichen Outlaw an sich steht, entsprach die Selbststilisierung junger Künstler und Literaten im nachrevolutionären Paris, die sich keinerlei Zwängen zu beugen glaubten und die selbst die Armut noch glorifizierten.
    Henri Murger popularisierte den Begriff des Bohemien im 19. Jahrhundert durch seinen Roman Scenes de la Vie de Boheme , der im Deutschen interssanterweise oft als »Zigeunerleben« übersetzt wurde.
    (...)

    Ist Scenes de la Vie de Boheme eine Initiationsgeschichte? Ja und nein. Unbestritten sind die Protagonisten jugendliche Rebellen, die die Normen und Werte der Gesellschaft negieren. Anstatt einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, sitzen sie in Cafes herum, statt sich mit einer Gewinn versprechenden bürgerlichen Laufbahn zu befassen, geben sie sich brotlosen Künsten hin. Sie sind weder fleissig noch sparsam, und obgleich ihre Geldbeutel leer sind, trinken sie Rheinwein und Bordeaux, rauchen Zigarren und füllen ihre Bäuche mit ausgesuchten Delikatessen. Sie leben von kleinen Betrügereien und Gelegenheitsaufträgen und hoffen insgeheim auf den großen Durchbruch als Künstler.

    Bei Gelingen wäre das Ende der Initiation erreicht, und der Außenseiter würde sich zum anerkannten Mitglied der bürgerlichen Gemeinschaft wandeln.
    Murger selbst hat diese Transformation vollzogen. Ihm gelang der Aufstieg vom kleinen Schreiber zum bewunderten Literaten. Und auch Puccini ist ein Produkt einer bohemianischen Einweihung. Als Student am Mailänder Konservatorium führte er das Leben eines Bohemien, doch bereits kurz nach seinem Abschluss konnte er große öffentliche Erfolge feiern.
    (...)

    Diesen und weitere Artikel finden Sie im Programmbuch.

  • Hintergrund

    von Lindy Hume

    »There is no such thing as forgetting. The secret inscriptions are waiting to be revealed when the obscuring daylight shall have withdrawn.«

    Thomas de Quincey

    In den vielen Stunden, die wir mit unserer schon sehr alten Großmutter verbrachten, war ihre zunehmende Vergesslichkeit wie ein offenes Fenster zu ihrer Seele. Erinnerungen an ihre Jugend waren Offenbarungen für mich, Spuren zu ihrem Leben, bevor sie Enkel hatte, zur Kindheit meiner Mutter. Ihr selbst erschienen diese Erinnerungen mal wundervoll, mal unangenehm, manchmal beides zugleich.

    Während sie sich nicht immer an meinen Namen erinnern konnte, wusste sie noch jede Zeile der Lieder aus Kriegszeiten auswendig, die sie früher einmal gesungen hatte. Schon immer liebte sie das Tanzen, und wenn sie Walzer tanzte - was nun einer Art Dahinschlurfen mit geschlossenen Augen glich -, konnte sie noch immer richtig sexy wirken.

    Selbst wenn sie mit einer Krankenschwester über den Linoleum-Boden ihres Pflegeheims tanzte, geriet ihr der Walzer zu einer großartigen Liebesgeschichte, auf ewig verbunden mir der besten Zeit ihres Lebens, als sie und ihr flotter österreichischer Liebhaber die Tanzfläche eines teuren Restaurants oder Ballsaales eroberten. Während sich nun ihre mittlerweile steifen Körper zärtlich zu der Musik bewegten, versuchte ich mir diese alten Leute vorzustellen, wie sie sich in ihren Strickjacken und bequemen Pantoffeln wohl selbst Walzer tanzend sahen: jung, schön, das Leben genießend, den Duft von Kölnisch Wasser am Hals des Liebhabers. Seltsam eigentlich, dass wir selbst unsere Jugend so sorglos erleben, nur um uns dann mit solcher Intensität an sie zu erinnern.

    Das Noch-Einmal-Durchleben besonders kostbarer Augenblicke scheint eben diese Momente zu verzerren und zu verklären. Warum sind wir bei der Rückkehr an die Orte unserer Kindheit von dem Gefühl überrascht, alles sei geschrumpft und farbloser oder weniger Furcht einflößend als in unserer Erinnerung?

    Bierselige alte Männer tauschen beim Veteranen- oder Studententreffen unglaubliche Geschichten einer goldenen Ära legendärer Persönlichkeiten und aufregender, erlebnisreicher Abenteuer aus. »Das waren noch Zeiten ...«, schwärmen sie, und vergessen dabei, dass sie sich den größten Teil dieser Jahre den Rücken kaputt gearbeitet haben oder unter Armut und Kälte litten oder Langeweile und Schrecken ausstanden. Wenn wir nur die vorteilhaften Fotos aufheben, die schmerzvollen Liebesbriefe aber zerreißen und die großen Momente überbewerten - versuchen wir damit eine Auswahl zu treffen, woran wir uns später erinnern wollen? Ich denke, meine Großmutter tat genau das.
    (...)

    Auf Fotografien aus den 40er, 50er und 60er Jahren schienen Nanna und all ihre Freunde ständig damit beschäftigt zu sein, sich herauszuputzen, Parties zu feiern und sich in Szene zu setzen. Auf jedem der Fotos sind sie gerade auf einem Ball, in einem Nachtclub, auf einer Skihütte oder im Tennisverein zu sehen, unentwegt rauchend, trinkend, lachend und für die Kamera posierend- mit einem verrückten Hut, in einer Maske, am Klavier.

    Auf einem (mittlerweile verlorenen) Foto erinnere ich mich an eine Art geliehenes Marie-Antoinette-Ensemble -gepuderte Perücke und Ballkleid aus Satin -, geradezu langweilig im Vergleich mit Nannas dramatischer Modernität, dem roten Lippenstift und dem Nagellack, der unerlässlichen Zigarette und jenem glamourösen In-die-Kamera-Lächeln.
    Ihr braun gebrannter und gut aussehender Begleiter grinst frech mit einer karierten Krawatte und einem lustigen Hut. Dies waren die Bilder aus ihrem Leben, die zu erinnern sie sich entschieden hatte. Nanna war ein Entertainer.
    (...)

    Ihr ganzes Leben hindurch hatte Nanna einen Ehemann oder einen Freund; sie liebte die Gesellschaft von Männern. In der Nähe eines Mannes erblühte sie förmlich, charmant, flirtend und verführerisch.
    Es gibt einige vergilbte Fotos von den zwei Ehemännern, Joe und George, aber sie werden zahlenmäßig weit übertroffen von Bildern eines Mannes, den wir als Onkel Henry kannten.

    Dieser gut aussehende, weltmännisch gekleidete österreichische Flüchtling besaß eine Großreinigung, wo sie während des Krieges arbeitete, und er war später über 30 Jahre lang Nannas Liebhaber und Reisegefährte. Trotz seines Rufs als Schwerenöter war niemals die Rede davon, dass er seine Ehefrau verlassen hatte, die Nanna einigermaßen gut kannte. Nach Onkel Henrys Tod wagte sich meine nach Männern süchtige Großmutter wild entschlossen in die beige, zwielichtige Welt der Tanzvergnügungen und Gartenfeste alter Leute auf der Suche nach einem neuen Tanz-Partner.

    Mit über Siebzig gab sie ihre Stadtwohnung auf und zog zu ihrem neuen Freund, einem wunderbaren Kerl aus dem Arbeitermilieu namens Tom. Tom liebte Terrier, das Gärtnern und Pferdewetten. Nachdem meine Nanna ein Leben lang mein Vorbild in Stilfragen gewesen war, wurde sie nun die Königin eines scheußlichen Backsteinhauses am Stadtrand, das angefüllt war mit Möbel Schützern aus Plastik, Polyesterteppichen, Rüschen-Gardinen und einem braunen Vinyl- Sessel.

    Musettas Walzerlied, ihr Partygirl-Glamour und ihr extrovertiertes Wesen, ihre Wandlungsfähigkeit und ihr völliges Vertrauen auf Männer erinnern mich unweigerlich an meine Großmutter. Auch in meiner Gefühls-Reaktion auf die Musik spüre ich eine impressionistische Nähe zu La Boheme im Widerstreit zwischen der Unmöglichkeit des Vergessens und der Sehnsucht nach Erinnerung und Nostalgie. Das umfassende, zeitlose Charisma von La Boheme ist das umfassende zeitlose Charisma hochmütiger Jugend, unvollkommener Liebe, rücksichtslosen Verhaltens, dem Dazugehören zu einer schnellen, modischen Gang. La Boheme zelebriert - bewundert - jene berauschenden und eigentlich nur der Jugend gegebenen Illusionen des festen Vertrauens in die eigene Unsterblichkeit, spontaner Liebe oder künstlerischer Genialität: Wir, das abgestumpfte Publikum, erkennen diese Illusionen wehmütig als Rituale auf der Durchreise; wie der Verlust der Unschuld markiert das schmerzvolle Zerbrechen dieser großartigen verrückten Illusionen den unwiderruflichen Eintritt ins Erwachsenenleben.

    Können wir von uns sagen, dass wir wirklich gelebt haben, bevor wir uns ver- und wieder entliebt haben, an gebrochenem Herzen litten, dem Tod einmal ins Auge gesehen haben, einmal völlig abgebrannt waren und Angst hatten vor der Zukunft?

    Die Begegnung mit La Boheme erlaubt uns, noch einmal unschuldig zu sein, optimistisch, ohne Zynismus - zumindest in den ersten beiden Akten. Nach der Pause folgt die Kunst dem Leben, wenn die jugendlichen Illusionen der Charaktere eine nach der anderen zertrümmert werden. Kein Wunder, dass wir weinen.

    Genauso wie die Oper La Boheme das Jungsein zelebriert, scheint sie jene rückwärtsgewandte Qualität zu entfalten - wie aus der Erinnerung heraus und deshalb wie verbessert, redigiert, auf Technicolor gezogen, überlackiert durch die Perspektive eines (nicht länger jungen) Erinnernden. Erinnerung scheint dieses Werk zu bestimmen: euphorische Nostalgie in den ersten beiden Akten, melancholische Reue in den letzten beiden. Nostalgie und Reue: die Farben verbleichender Fotos, das Chiaroscuro der Seele. Die Bedeutung vergangener Momente im Rückblick ist allumfassend und brutal.

    »Reue«, sagte ein ehemaliger australischer Premierminister einmal, »ist ein nutzloses Gefühl«. Vielleicht – aber die Angst davor ist groß. Wir messen unser Scheitern wie unsere Erfolge am Ausmaß der Reue, die wir empfinden; die Lobeshymnen auf das Nichtbereuen von Edith Piaf oder Frank Sinatra bleiben uns im Halse stecken. Jahrzehnte vor ihnen verwendete Mimi jene sanfte Sprache (»Addio, senza rancor«), um ihre Furcht vor dem Bereuen auszudrücken, bevor sie dieselbe tief sitzende Angst später trotz ihrer körperlichen Schwäche verzweifelt durch Paris treibt, um sich mit ihrem Ex-Liebhaber auszusöhnen und bei ihm zu sterben.

    Es ist die tiefste, würdevollste Handlung in der Oper. Rodolfo und die anderen bleiben zurück, um ihren Weg nach Mimis Tod zu finden, um mit den ungelösten Gefühlen zu leben, die sich durch die Zeit verwandeln werden - durch jenen geheimnisvollen, unbewussten Vorgang der Seele hin zu Reue und Nostalgie.

    Diesen und weitere Artikel finden Sie im Programmbuch.