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12. Juni 2014

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Oper von Kurt Weill

»Du darfst!« lautet das oberste Gesetz der »Paradiesstadt« Mahagonny, die sich den Genuss in Form von Alkohol, Sex und Boxkämpfen auf die Fahnen schreibt. Dieser Genuss führt in seiner pervertierten Form bald zum Exzess und die entfesselte, anarchisch ...

»Du darfst!« lautet das oberste Gesetz der »Paradiesstadt« Mahagonny, die sich den Genuss in Form von Alkohol, Sex und Boxkämpfen auf die Fahnen schreibt. Dieser Genuss führt in seiner pervertierten Form bald zum Exzess und die entfesselte, anarchisch-hedonistische Gesellschaft in Mahagonny beginnt mit ihrer Selbstdestruktion.

Seine Musik zu Bertolt Brechts Radikalsatire, die zugleich eine geniale Stilstudie darstellt, betrachtet der Komponist Kurt Weill als »eine Beschreibung von Zuständen«. Bei der Uraufführung 1930 im Neuen Theater Leipzig kam es im Zuschauerraum zu Krawallen durch Reaktionäre und NSDAP-Anhänger, so dass die Oper nur mit Mühe zu Ende gespielt werden konnte.



    In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
    2:45 h | inklusive 1 Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Handlung

      ERSTER AKT
      Leokadja Begbick, Dreieinigkeitsmoses und Fatty, der Prokurist, befinden sich auf der Flucht vor der Staatsmacht.

      Nr. 1
      In einer Wüstenlandschaft bleibt ein großer klappriger Lastwagen nach knallendem Vergaser und aussetzendem Motor liegen. Leokadja Begbick, Dreieinigkeitsmoses und Fatty, der Prokurist, die auf dem Weg zu den ostamerikanischen Goldminen sind, müssen ihre Pläne ändern. Sie entscheiden, an Ort und Stelle, Mahagonny, eine paradiesische »Netzestadt«, zu gründen.

      Nr. 2
      In den nächsten Wochen wächst die Stadt rasant und erste »Hai­fische« siedeln sich in ihr an. Jenny und sechs Mädchen erscheinen. Sie sind auf der Suche nach Männern und Dollars.

      Nr. 3
      Die Nachricht der neuen Stadt verbreitet sich rasch und erreicht die großen Städte. Fatty und Moses preisen die gute Lebensqualität in Mahagonny, wo die Getränke billig sind.

      Nr. 4
      Die Unzufriedenen aller Kontinente strömen nach Mahagonny. Darunter befinden sich auch die vier Holzfäller Jim Mahoney, Jack O’Brien, Bill (genannt Sparbüchsen-Bill) und Alaskawolfjoe, die sich, aus Alaska kommend, auf den Weg nach Mahagonny gemacht haben.

      Nr. 5
      Jim Mahoney erreicht sein Ziel. Mit seinen Freunden werden sie zusammen von Lady Begbick und den anderen Gründern der Stadt empfangen. Man lässt ihnen Getränke und Mädchen zum besten Preis zukommen.

      Nr. 6
      Jim und Jenny kommen sich näher. Zwischen ihnen entspinnt sich ein intimer Flirt.

      Nr. 7
      Alle großen Unternehmungen haben ihre Krisen: Die Gäste und Besucher werden seltener, die Preise sinken. Unzufriedenheit macht sich breit, trotz des scheinbaren Komforts. Begbick, Fatty und Moses beklagen ihre geschäftliche Misere und überlegen, wie sie weiter zu Geld kommen.

      Nr. 8
      Alle wahrhaft Suchenden werden enttäuscht. Die Freuden Maha­gonnys und die Fülle von Gütern genügen Jim nicht mehr zum Glücklichsein. Er möchte abreisen. Aber seine Freunde Jack, Bill und Joe halten ihn davon ab und bringen ihn zurück nach Mahagonny.

      Nr. 9
      Unterdessen ist einige Zeit vergangen und die Stadt ist weiter gewachsen. Vor dem Hotel »Zum reichen Manne« sitzen die Männer von Mahagonny und trinken, rauchen, schaukeln. Jack glaubt, die »ewige Kunst« gefunden zu haben. Sehnsüchtig träumt Jim von der ursprüng­lichen Welt der Wälder Alaskas. Er stellt fest, dass Mahagonny nur existiert, weil die Welt schlecht ist. Aggressive Stimmung kommt auf.

      Nr. 10
      Ein Hurrikan bewegt sich auf Mahagonny zu. Aus dem Proszenium stürzen Frauen, Kinder und Tiere mit Karren und Gepäck. Das Licht erlischt, der Wind wird stärker, alle fliehen in Panik.

      Nr. 11
      Während der Nacht des Entsetzens entdeckt Jim die Gesetze der menschlichen Glückseligkeit. Alle sind verzweifelt, bis auf Jim, der die Abschaffung aller Verbote ausruft. Das Motto der Stadt lautet nunmehr: »Mach, was dir gefällt«. Die Bewohner von Mahagonny geben sich der allgemeinen Freude hin, während der Hurrikan unaufhaltsam auf die Stadt vorrückt.

      - PAUSE -

      ZWEITER AKT
      Nr. 12
      Im letzten Moment macht der Hurrikan einen Bogen um Mahagonny. Die Stadt ist gerettet. Die Leute von Mahagonny lassen ihrer Erleichterung freien Lauf. Von nun an lautet ihr Leitspruch: »Alles ist erlaubt. Du darfst.«

      Nr. 13
      Kurz nach dem großen Hurrikan herrscht Hochbetrieb in Mahagonny. Monate später erlebt Mahagonny wiederum eine Zeit des Wohlstands. Vier »Sittengemälde« zeigen die Abschaffung der jeweiligen Verbote.
      In der ersten Szene, übertitelt mit »Essen«, schlägt sich Jack den Magen voll: Er isst unentwegt … bis er tot umfällt.

      Nr. 14
      Die zweite Szene ist überschrieben mit »Lieben« und zeigt Männer, die vor dem Mandelay-Bordell Schlange stehen. Begbick und Moses überwachen das Gewerbe. Jenny und Jim beobachten fliegende Kraniche.

      Nr. 15
      Die dritte Szene trägt die Überschrift: »Kämpfen«. Alaskawolfjoe wagt einen Boxkampf gegen Dreieinigkeitsmoses. Jim Mahoney setzt sein ganzes Geld auf seinen Freund, im Angedenken der alten Zeiten. Ein töd­licher K. O.-Schlag lässt Joe zu Boden sinken. Moses geht als Sieger aus dem Kampf hervor. Jim verliert seinen Wetteinsatz. Enttäuscht zerstreut sich die Menge der Schaulustigen.

      Nr. 16 Die vierte Szene beschreibt das zügellose »Saufen«. Obwohl Jim kein Geld mehr hat, spendiert er allen reichlich. Alle sind völlig betrunken. Aus einem Billardtisch und einer Gardinenstange baut Jim mit Bill und Jenny ein »Schiff«, das sie besteigen. Ihre »Segelfahrt« wird jäh unterbrochen: Begbick fordert von Jim das Geld für die Zeche. Doch er kann nicht zahlen. Weder Bill noch Jenny sind bereit, ihm Geld zu leihen. Jim wird gefesselt. Alle anderen wenden sich wieder ihren Angelegenheiten zu, spielen Billard und trinken weiter.


      DRITTER AKT
      Nr. 17
      Es ist Nacht. Jim liegt mit einem Fuß an eine Laterne gefesselt. Vereinzelt gehen noch Leute an ihm vorbei. Dann bleibt er ganz allein. Hilflos und voller Angst fürchtet Jim das Anbrechen des nächsten »verdammten« Tages.

      Nr. 18
      Unter dem Vorsitz Begbicks beginnt die Gerichtsverhandlung. Fatty nimmt auf der Verteidigerbank Platz. Moses fungiert als Staats­anwalt. Tobby Higgins, wegen Mordes angeklagt, wird nach Zahlung eines Bestechungsgeldes vom Tribunal freigesprochen. Jim, angeklagt, kein Geld zu haben, was das schlimmste Verbrechen in Mahagonny ist, bittet Bill um einen Kredit über 100 Dollar. Bill lehnt ab. Jim wird zum Tode verurteilt.
      Die Bewohner Mahagonnys träumen weiter von der idealen Stadt. Sie glauben diese in Benares gefunden zu haben. Entsetzt erfahren sie, dass die Stadt von einem Erdbeben zerstört wurde.

      Nr. 19
      Jim verabschiedet sich von Jenny und bittet sie, ihn nicht zu vergessen. Vorm Galgen stehend erkennt er, dass sein Untergang bereits besiegelt war, als er nach Mahagonny kam, um sich Freude zu kaufen. Jim wird durch Hängen hingerichtet.

      Nr. 20
      Das Ende von Mahagonny naht. In einem allegorischen Spiel wird bewiesen, dass sowohl die Existenz Gottes als auch die angedrohte Hölle nutzlos sind: Die Menschen befinden sich bereits in der Hölle.
      In Demonstrationszügen ziehen die Bewohner Mahagonnys durcheinander und nebeneinander umher und proklamieren ihre Ideale.
      Letztlich erkennen alle: »Können uns und euch und niemand helfen!«

    • Pressestimmen

      »Das Dekorative erweist sich als eine ästhetische Strategie, die ›Mahagonny‹ überaus gut bekommt. Vincent Boussards mal finstere, mal grelle Inszenierung vollzieht dies sorgsam nach. Wayne Marshall am Pult der Staatskapelle überraschte mit einer ausgesprochen subtilen Interpretation, die keine stilistischen Gewissheiten abruft, sondern nach einer komplizierteren Wahrheit tastet. Michael König als Jimmy Mahoney und Evelin Novak als Prostituierte und später liebende Jenny liegen ganz auf dieser Linie, indem sie ihren Partien italienischen Schmelz mitgeben und damit in ein ästhetisches Niemandsland zielen, das den stilistischen Kehren der Partitur nur angemessen ist.«
      (Berliner Zeitung, 10 Juni 2014)

      »Hinter den Glitzerfäden steht neongrün der Mond von Alabama am Himmel. Er leuchtet über einem Theaterstück, das in dieser kostbaren Umgebung zu sich selber kommt. Der Regisseur Vincent Boussard, der Bühnenbildner Vincent Lemaire und – vor allem – der Haute Couturier Christian Lacroix sind inzwischen ein erprobtes Team, das seine unverwechselbaren Codes für die Inszenierung von Opern entwickelt hat. Großartig anzuschauen ist das im Schillertheater. Die Staatsoper fügt (hier) eine weitere Ebene gut brechtischer Verfremdung hinzu. ›Glotzt nicht so revolutionär‹, scheint das französisch-belgische Trio sagen zu wollen. Und wenn am Ende der Fadenvorhang endgültig fällt und das Licht ausgeht, dann sind wieder alle Fragen offen. Endlich sind sie wieder offen, möchte man sagen.«
      (taz, 7. Juni 2014)

      »Jubel für Solisten und Dirigent Wayne Marshall.«
      (B.Z., 7. Juni 2014)

      »Die groß besetzte Staatskapelle spielt unter dem britischen Dirigenten, Pianisten, Komponisten und Jazzmusiker Wayne Marshall in Hochform. Der Dirigent lässt jene Klänge, die in Weills Partitur an Musical und an Operette à la Paul Lincke gemahnen, nur als Störfaktoren aufblitzen und betont in den Jazz-Momenten das Movens von Traurigkeit. In breitem Duktus arbeitet er den tragischen Charakter dieser durchaus großformatigen Oper heraus… Sinnlich in ihrem Spiel und faszinierend in der Stimmgebung ist die ungemein bewegliche Evelin Novak als Jenny Hill. Hochdramatisch ist Jim Mahonney mit Michael König besetzt: der lässt alles über sich ergehen, singt auch unter einer Plastiktüte und dann in Frappanfolie eingepfercht großartig vollmundig und sorgt bei aller szenischen Reduktion für Erschütterung.«
      (Neue Musik Zeitung, 7. Juni 2014)

    • Video: Kim Kowalke über Kurt Weill, Bertolt Brecht und »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«