X

28. Juni 2014

AscheMOND oder The Fairy Queen

Oper von Helmut Oehring unter Verwendung von Musiken Henry Purcells | Konzeption und Libretto von Stefanie Wördemann mit Texten von William Shakespeare, Heinrich Heine, Adalbert Stifter und Helmut Oehring

Das Musiktheaterwerk »AscheMOND oder The Fairy Queen« von Helmut Oehring setzte die langjährige gemeinsame Arbeit des Komponisten mit dem Regisseur Claus Guth fort. Das Werk lehnt sich in seiner Struktur an den Wechsel der Jahreszeiten an. Ausgehend ...

Das Musiktheaterwerk »AscheMOND oder The Fairy Queen« von Helmut Oehring setzte die langjährige gemeinsame Arbeit des Komponisten mit dem Regisseur Claus Guth fort. Das Werk lehnt sich in seiner Struktur an den Wechsel der Jahreszeiten an. Ausgehend vom Bild der Sonnenfinsternis – dem Zustand, in dem sich Sonne und Mond (Mann und Frau) am nächsten sind – werden Überlagerung, Verdeckung und Auslöschung kompositorisch thematisiert. Die Musiksprache Oehrings findet dabei einen Dialogpartner in der Musik des englischen Barockkomponisten Henry Purcell und bezieht sich, ebenso wie dessen Semi-Oper, unter anderem auf Shakespeares »Sommernachtstraum«. Es handelt sich aber nicht um eine Bearbeitung der »Fairy Queen«, sondern um ein Weiterschreiben, ein Reflektieren und Dialogisieren des Komponisten mit Purcells Musik. Dies bedingt auch die ungewöhnliche Besetzung: Der Staatsopernchor und die Staatskapelle Berlin treffen auf die Akademie für Alte Musik sowie ein Trio von Instrumentalsolisten; hinzu kommen Text- und Sound-Zuspielungen sowie live-elektronische Verfremdungen. Die verschiedenen Klangebenen werden miteinander verwoben, so dass Altes und Neuestes sich immer wieder mischen und gegenseitig befruchten.

Zum Ausgangspunkt für Helmut Oehrings Musik wurden die von der Librettistin Stefanie Wördemann unter Rückgriff auf William Shakespeare, Adalbert Stifter, Heinrich Heine und andere Quellen zusammengestellten Text- und Inhaltsebenen. Auf diese Musik wiederum reagiert Claus Guth gemeinsam mit Bühnenbildner Christian Schmidt und dem künstlerischen Team, indem er eine konkrete Geschichte um einen Freundeskreis erfindet. Anknüpfend an die Feenwelt als einer Sphäre, in der nach altem Volksglauben verstorbene Menschen in unser Leben eingreifen können, lässt er einen der Protagonisten auf eine Spurensuche gehen, die ihn in die früheste Kindheit führt. Für diese Erzählebene hat Claus Guth Texte der US-amerikanischen Autorin Sylvia Plath ausgewählt, die zur Musik hinzutreten; ein vielgesichtiges Spiel um existentielle Erfahrungen, um die Liebe mit ihren Möglichkeiten und Enttäuschungen und um den alles infrage stellenden Tod.

Ähnlich wie in der Musik werden auch szenisch verschiedene Sparten miteinander verknüpft: Der Schauspieler Ulrich Matthes und der Tänzer Uli Kirsch treffen auf ein exquisites Sängerensemble.



    In englischer und deutscher Sprache
    2:15 h | keine Pause
    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Handlung

      Anstelle einer Handlung

      Helmut Oehring und Stefanie Wördemann nennen »AscheMOND« ›eine Hymne auf die Vergänglichkeit.‹ Eine Oper im Verlauf einer Sommernacht und zugleich im unendlichen und doch Ende bringenden Fluss der Jahreszeiten. Im Sinne von Heinrich Heine: »Unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter.«

      Übergreifendes Motiv ist die Sonnenfinsternis. Die Konstellation, in der sich Sonne und Mond (Mann und Frau) am nächsten kommen, bevor beide wieder ihre getrennten Wege durch Tag und Nacht gehen. Eklipse: Überlagerung, Verdeckung, Auslöschung.

      Helmut Oehring: »AscheMOND singt von den Kräften, welche die Erde zum Drehen bringen und die Herzen bewegen. In dieser Oper geht es um den Schwebezustand zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, Lieben und Verlieren. Zwischen der hinreißenden Schönheit und Stärke des Lebens und diesen unablässigen alltäglichen Entwertungen, existenziellen Bedrohungen.«

      Darunter scheint – wie in Purcells Semi-Opera »The Fairy Queen«, mit der das Stück in einem vielfältigen Dialog steht – immer wieder Shakespeares »Midsummer Night’s Dream« durch: katastrophische Liebesverwirrungen, zugespitzt durch die Begegnung zwischen Menschenwelt und Anderswelt/Feenreich. Shakespeare sah in jeder Komödie die Tragödie. Die gesellschaftliche wie die individuelle. Aber er konnte in der Tragödie die Hoffnung sehen: für jedes Individuum und auch für diejenigen, die den tragisch Gescheiterten nachfolgen, aufbrechen in ein neues Morgen. Shakespeares Sonette, die Oehring in zentralen Soloarien für die Sängersolisten und ein Instrumentaltrio als roten Faden durch die Oper vertont hat, lesen sich nur auf den ersten Blick als Beschreibung von Vergänglichkeit, Ersterben von Lebenshunger und Liebeslust. Viel tiefer sind sie Sehnsucht nach einem Aufeinanderzu.

      Claus Guth reagiert auf Oehrings Partitur mit einer (parallel dazu entstandenen) bruchstückhaft erzählten Geschichte. Ein Mann kehrt in das Haus seiner Kindheit zurück: Wie ist es damals zum Selbstmord der Mutter gekommen? Deren Tagebuch öffnet Wege des Verstehens, tut neue Rätsel auf.

      Der Mann wird wieder zu dem kleinen Jungen von damals: Die Trauerfeier ...

      Der Fluss der Erinnerungen/Traumbilder/Mutmaßungen kommt in Gang: Die Geburtstagsfeier kurz zuvor ...

      War es so? Oder war es vielleicht so? Was ist geschehen?

      Eine Frau (die Mutter), ihr Mann, ihre Schwester, deren Mann, ein Freund. Die gute Seele des Hauses. Und der Junge, der zu begreifen versucht: Damals, heute.

    • Pressestimmen

      »›Aschemond‹ erreicht eine Überzeichnung von Barockoper und zeitgenössischer Musik mit überraschenden, berührenden Momenten … Die Spukgestalten fangen wie im Traum an zu singen, Purcells Arien tönen als sanfte Wunderbotschaften von Liebe und Schmerz in diese Unterwelt aus Räumen. Großartige Sänger sind da am Werke, denen die Magie gelingt: Marlies Petersen in ihrer zauberischen Vokal- und Körpersprache, Bejun Mehta mit seinem bestrickendem Countertenor, Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner, Tenor Topi Lehtipuu und der Bass-Bariton Roman Trekel. Der Staatsopernchor: ein Reigen düsterer Geister«. (Süddeutsche Zeitung, 19. Juni 2013)

      »Helmut Oehrings Arbeit geht an Nervenpunkte. Sie trifft sehr genau Ängste der Zeit ... Unerhört, den Verwebungen moderner Sprache mit der Purcell-Melodik zu lauschen, die fein gesponnenen Übergänge nachzuvollziehen, zu erleben, wie deren Strukturen wechselseitig aufsprengen und den innewohnenden Tragödien der Partitur freien Lauf geben. Er komponiert einen Schwebezustand, kaum aushaltbar, stufenlos.« (Neues Deutschland, 19. Juni 2013)

      »Das ist eine der interessantesten, anspruchsvollsten, rätselhaftesten Berliner Musiktheaterproduktionen der letzten Zeit.« (Berliner Zeitung, 18. Juni 2013)

      »Wo außer bei Regisseur Claus Guth erlebt man Sänger, die so sehr Darsteller sein wollen wie die Sopranistin Marlis Petersen als Sylvia Plaths bebendes Alter Ego? Die so einnehmend abwesend sein können wie der traumwandlerische Countertenor Bejun Mehta. Die so herb und sich selbst undurchsichtig auftreten wie der Bass-Bariton Roman Trekel. Ulrich Matthes spielt den Kindheitsbefrager mit stillem Schrecken im Blick, bis es ganz am Ende aus ihm herausbricht und sich dieser Ausnahmeschauspieler traut, ›I will‹ von Thom Yorke gen Himmel zu jaulen, kaum seiner Sinne mächtig, doch ganz bei sich.«. (Der Tagesspiegel, 18. Juni 2013)

      »Die Uraufführung ist künstlerisch vollendet besetzt und von Claus Guth glänzend in Szene gesetzt.« (Berliner Morgenpost, 18. Juni 2013)

      »Die Alte Musik scheint im Wechsel mit Helmut Oehrings Musik sogar noch eindringlicher ihre Sogwirkung zu entfalten, wobei raffinierte Übergänge zur E-Gitarre oder zum elektronischen Klang überzeugen.« (Deutschlandradio Kultur, 16. Juni 2013)

      »Im Graben der Staatsoper sitzen zwei Orchester, neben dem Hausorchester die Akademie für Alte Musik, und dazu noch drei Musiker mit elektronischen Instrumenten, geleitet von Johannes Kalitzke und Benjamin Bayl. Aus diesem Neben-, Mit- und auch Gegeneinander ergeben sich irritierende und irisierende Klänge, schwebend und filigran. Einem Wunder gleicht, dass es trotz des großen Orchesterapparates nie bombastisch wird. Die Sänger, allen voran die Sopranistin Marlis Petersen und der Countertenor Bejun Mehta, einer der Weltbesten seines Faches, singen elegisch schön und folgen den Intentionen des Regisseurs Claus Guth vollendet.« (Märkische Oderzeitung, 18. Juni 2013)