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19. Februar 2014

Aida

Oper von Giuseppe Verdi

Verdi war zunächst skeptisch, als er 1870 gebeten wurde, ein großes Musiktheaterwerk für das Opernhaus in Kairo zu komponieren. Dennoch schrieb er mit »Aida« eine seiner effektvollsten Opern. So ist es nicht zuletzt das geschickte Wechselspiel zwischen ...

Verdi war zunächst skeptisch, als er 1870 gebeten wurde, ein großes Musiktheaterwerk für das Opernhaus in Kairo zu komponieren. Dennoch schrieb er mit »Aida« eine seiner effektvollsten Opern. So ist es nicht zuletzt das geschickte Wechselspiel zwischen opulenten Chor- und intimen Kammerspielszenen, welche die besondere Theatralität des Werkes ausmachen und seine Beliebtheit bis zum heutigen Tage ungebrochen erscheinen lassen.

Die nubische Prinzessin Aida wurde im Krieg der verfeindeten Völker als Sklavin nach Ägypten verschleppt, wo sie sich in Radamès und damit ausgerechnet in den erfolgreichsten Feldherrn den Unterdrücker ihres Volkes verliebt hat. Beide werden im Zwiespalt von persönlichem Glück und familiärer wie politischer Loyalität aufgerieben, gemeinsam gehen sie in den Tod.

Für die Staatsoper inszenierte Pet Halmen, Regisseur und Ausstatter in Personalunion, diese Geschichte als Fieberphantasie eines schwer verletzten Soldaten der Kolonialzeit im ägyptischen Museum.



    In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
    3:00 h | inklusive 1 Pause
    • Handlung

      ERSTER AKT
      I. BILD Der ägyptische Hauptmann Radamès liebt die Sklavin Aida, ohne zu wissen, dass sie die Tochter des äthiopischen Königs ist. Radamès hofft, im bevorstehenden Krieg gegen Äthiopien zu siegen und Aida aus der Sklaverei zu befreien. Amneris, die ägyptische Königstochter, liebt unerwidert Radamès. Ein Bote meldet der Priesterschaft und dem König einen Angriff der Äthiopier. Aida erkennt verzweifelt, dass ein Sieg des Geliebten Not und Verzweiflung über ihr Volk bringen würde.

      II. BILD Die Priester erflehen göttlichen Beistand im Krieg mit Äthiopien. Ramphis weiht Radamès zum Heerführer.


      ZWEITER AKT
      III. BILD Radamès hat gesiegt. Amneris erwartet seine Heimkehr und hofft noch immer, seine Liebe zu gewinnen. Mit der Nachricht von Radamès' angeblichem Tod lockt sie Aida in eine Falle. Die Sklavin gesteht ihre Liebe zu Radamès, Amneris gibt sich ihr als Rivalin zu erkennen.

      IV. BILD Die Ägypter feiern den Sieg über die Äthiopier. Unter den Gefangenen erkennt Aida ihren Vater Amonasro, der seinen Rang als König zu verbergen weiß. Der ägyptische König verspricht dem Sieger einen Preis, Radamès erbittet die Freiheit für die Gefangenen. Der Oberpriester Ramphis überzeugt den König, Aida und Amonasro als Geiseln festzuhalten. Der König gibt Radamès Amneris zur Frau und bestimmt ihn zum künftigen Herrscher über Ägypten.


      DRITTER AKT
      V. BILD Mit dem Oberpriester durchwacht Amneris im Gebet die Nacht vor ihrer Hochzeit. Aida erwartet Radamès. Amonasro plant einen neuen Krieg gegen Ägypten und zwingt seine Tochter, Radamès den Schlachtplan Ägyptens zu entlocken. Aida überredet Radamès zur Flucht, um so ihre Liebe zu retten. Doch mit dem Fluchtplan verrät Radamès auch das Kriegsgeheimnis an Amonasro, der den Geliebten heimlich lauscht. Amonasro gibt sich als König der Äthiopier zu erkennen. Radamès begreift seinen Verrat und stellt sich dem Oberpriester und der Pharaonentochter. Aida und Amonasro können fliehen.


      VIERTER AKT
      VI. BILD Radamès steht als Landesverräter vor dem Tribunal der Priester. Amneris verspricht Radamès, um seine Begnadigung zu bitten, wenn er auf Aida verzichtet. Doch Radamès weigert sich. Die Priester verurteilen ihn zum Tode. Amneris bereut, dass sie den Geliebten verraten hat.

      VII. BILD Radamès wird lebendig in einem Sarkophag begraben. Aida ist bereit, ihm in den Tod zu folgen. Amneris bittet verzweifelt um Frieden für den Geliebten.

    • Aus dem Programmbuch

      »Diese Oper wird in den Bibliotheken vermodern« – Die Rechnung eines unwilligen »Aida«-Besuchers für Verdi


      Kurze Zeit nach der ersten »Aida«-Aufführung in Parma am 20. April 1872 erhielt Verdi einen kuriosen Brief eines offenbar noch jungen Besuchers:


      »Sehr geehrter Herr Verdi! Am 2.d.M. reiste ich, veranlasst durch das Aufsehen, das ihre Oper »Aida« macht, nach Parma. Meine Neugier war so groß, dass ich schon eine halbe Stunde vor Beginn meinen Platz No 120 eingenommen hatte. Ich bewunderte die Bühnenbilder, hörte mit Vergnügen die Sänger und bemühte mich, nichts unbeachtet zu lassen. Nach Beendigung fragte ich mich, ob ich zufrieden sei. Die Antwort lautete verneinend. Ich kehrte nach Reggio zurück, wo ich wohne, und achtete unterwegs auf die Urteile meiner Reisegefährten. Fast alle stimmten überein, dass »Aida« ein Werk höchsten Ranges sei. Darauf fühlte ich mich veranlasst, mir das Stück nochmals anzuhören und kehrte am 4. nach Parma zurück. Bei dem ungeheuren Andrang gelang es mir nur mit größer Mühe, für fünf Lire einen reservierten Platz zu bekommen. Ich gelangte aber wieder zu dem gleichen Schluss: die Oper enthält nichts, was begeistern oder mitreißen könnte. Wären die großartigen Bühnenbilder nicht, das Publikum würde kaum bis zum Schluß aushalten. Diese Oper wird das Theater noch einige Male füllen, dann aber in den Bibliotheken vermodern. Sie werden sich jetzt, werter Herr Verdi, mein Bedauern vorstellen können, für diese beiden Vorstellungen 32 Lire ausgegeben zu haben. Wenn Sie noch den erschwerenden Umstand bedenken, dass ich von meiner Familie materiell abhängig bin, so werden sie verstehen, dass diese Betrag wie ein grauenhaftes Gespenst meine Ruhe stört. Ich bitte sie daher offenherzig, mir diese Summe zurückzuerstatten. Ich lasse hier die Rechnung folgen: Eisenbahnfahrt 5 Lire 90, Theater 8,-; verbrecherisch schlechtes Abendessen auf dem Bahnhof 2,-; das Ganze mal summa summarum 31 Lire 80. Mit der Hoffnung, dass Sie mir aus dieser schweren Verlegenheit helfen werden, grüßt Sie herzlich Bertani Prospero, Via San Domenico No 5, Reggio«.


      Verdi schickt diesen Brief mit folgendem Kommentar an seinen Verleger Ricordi in Mailand:
      »Sie können sich denken, dass ich gern die kleine Rechnung bezahle, um diesen von seiner Familie unabhängigen jungen Mann von seinen Gespenstern zu befreien. Ich bitte Sie also, ihm die 27 Lire 80 schicken zu wollen. Das ist nicht der ganze Betrag, den er verlangt, aber ich denke nicht daran, ihm auch noch sein Abendessen zu bezahlen, - er hätte gewiss zu Hause speisen können! Er soll den Empfang bestätigen und vor allem eine Erklärung ausstellen, in der er sich verpflichtet, keine meiner Opern mehr zu besuchen. Das soll ihn der Gefahr entheben, von Gespenstern geplagt zu werden, und mich, seine Kosten bezahlen zu müssen....«


      - Brief von 1872 -

    • Hintergrund

      Auf der Suche nach Ägypten oder der Traum des Blinden von Regisseur Pet Halmen

      Die Oper »Aida« beginnt (und endet) mit der schönsten lyrischen Musik , die Verdi geschrieben hat. Mit den ersten Streicherklängen des kurzen Vorspiels, das im Idealfall klingen kann, als werde es von menschlichen Stimmen gesungen, wird der blaue Portalschleier transparent, und ein großer Saal mit Säulen wird sichtbar. Es ist das Ägyptische Museum in Kairo. Die Normaluhr über der großen Eingangstür zeigt auf 5 Uhr nachmittags. Zahlreiche Besucher betrachten die Exponate. Die »Europäer« in Tropenkleidung nach der Mode des späten 19. Jahrhunderts. Aber auch reiche Araber mit ihren verschleierten Haremsdamen bevölkern das Museum. In den Schaukästen rings an den Wänden die »primitive« Kunst Zentralafrikas. Die Mitte des Saales wird dominiert von einer großen Ptah-Statue. Eine Bettlerin, gehüllt in ein blaues Tuch, kauert am Fuße einer der drei hohen Vitrinen, die frei im Räume stehen und in denen lebensgroße vergoldete Statuen der altägyptischen Hochkultur ausgestellt sind. Eine gebeugte Gestalt in Khakiuniform, mit dem Rücken zum Publikum, scheint von der Schönheit einer weiblichen Figur ganz überwältigt zu sein. Niemand bewegt sich. Die Zeit scheint still zu stehen.

      Als sich schließlich langsam ein Flügel der großen Türe öffnet, bricht gleißendes Wüstenlicht in die Welt aus blauem Lapislazuli herein. Die eintretende Gestalt ist Verdi, im hellen Anzug, mit der »Aida«-Partitur unter dem Arm. Die Kühle des Raumes und die erstarrten Figuren ziehen ihn augenblicklich in ihren Bann. Als sich plötzlich der Soldat von seinem Begleiter losreißt, fällt sein Tropenhelm zu Boden, und man erkennt, dass seine Augen mit einer Binde verbunden sind: Er ist blind! Verstört ziehen sich die Besucher, mit ihnen auch Verdi, zurück. Nur die Bettlerin und der hingestürzte Soldat bleiben. Aus der Tiefe des Raumes löst sich ein schwarze Figur: Es ist Anubis, der schakalköpfige «Herr der Nekropole». Nachdem er den Uniformierten aufgerichtet hat, wickelt er ihm die Binde von den Augen. Gleichzeitig hebt sich der blaue Portalschleier; der Soldat kann »sehen«. Die Normaluhr an der Stirnseite des Saales kehrt sich um. Auf ihrer blauen Rückseite bewegt sich der Hieroglyphenzeiger (es ist der Totenschlüssel) rückwärts. Es beginnt der Traum des Blinden, der nun Radames heißt. Die von ihm bewunderte goldene Statue erwacht in ihrem gläsernen Schrein zum Leben und verläßt ihn als Amneris. Nachdem sie die Bettlerin von ihrem blauen Tuch befreit hat. wird diese zu Aida, ihrer Sklavin. (Die im Wesentlichen einfache Liebesgeschichte, ein Mann zwischen zwei Frauen, beginnt. Der Mann ist schwach, und die zwei Frauen sind, jede auf ihre Art, stark. Das Wunder ist, dass Verdis melodische Erfindungsgabe diese Situation selbst solchen Menschen noch völlig deutlich zu machen vermag, die wenig von Musik verstehen.) Als der zweiten Großvitrine »II Re«, der König, entsteigt, verwandelt sich das Museum bruchlos zum Palast, zum Tempelinneren, zur Säulenlandschaft am Nil (die jetzt offene große Eingangstüre gibt den Blick auf den wildbewegten Strom frei, die leeren Schaukästen an den Wänden haben sich in nilgrüne Aquarien verwandelt. Die Todesbarke, von Anubis getragen, bringt Amneris zu ihrem Rendezvous mit dem Oberpriester Ramphis). Aber vorher wird der Ursprungsraum zur großen Theaterarena für das zweite Finale.

      Wenn Verdi eine Triumphszene schreibt - die überdies besser ist als jede, die die virtuosen Praktiker der konventionelle »Grand Opéra« geschrieben haben, - ist die Wirkung nicht dem äußeren Glanz, sondern der zuinnerst menschlichen Tragödie zu danken. Das klingt wie ein Paradoxon, ist aber keines. Es gelingt Verdi, inmitten der szenisch und musikalisch aufwendigen Siegesfeier die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums auf den wohl innigsten Augenblick zu lenken., da Aida ihren Vater, den König von Äthopien, unter den Gefangenen erkennt.

      In ihren Logen werden die »europäischen« Museumsbesucher (Die Kairoer Premiere der »Aida« war eher ein gesellschaftliche als ein musikalische Ereignis, obgleich man führende europäische Musikkritiker eingeladen hatte. Als bekannt wurde, dass der Khedive in drei Logen des ersten Ranges die Damen seines Harems untergebracht hatte, galt das Interesse einiger Berichterstatter mehr ihnen als dem Ensemble.) Zeugen eines grausamen Rituals: Vom Oberpriester Ramphis angeführt, plündern die Priester und Minister die Schaukästen des Museums, rauben die «primitive» (äthiopische) Kunst (Ritualobjekte) und verbrennen sie schließlich auf einem Scheiterhaufen. Um die verstörten Zuschauer zu besänftigen, folgen Schaukämpfe, und eine Gruppe von Akrobaten führt ihre Kunststücke vor, - bis endlich Radames den besiegten Amonasro zusammen mit seinem gefesselten Volk wie eine Viehherde vorführt, Barbaren in den Augen der Ägypter, tragen doch die gefangenen Äthiopier große Stierhörner auf dem Kopf. Als Amneris nach ihrer letzten Aussprache mit Radames erkennen muss, ihn an ihre Rivalin verloren zu haben, und Radames sogar bereit ist, mit Aida zu sterben, weiß sie, dass sie verloren hat.

      Die Säulen, Vitrinen und Statuen sind wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt, der Museumssaal ist in ein geheimnisvolles Licht getaucht. Nachdem der König sich von seiner Tochter verabschiedet und seinen Platz in der Vitrine wieder eingenommen hat, bereitet Amneris den »Liebestod« vor. Die Verschmähte führt Aida und Radames zur Ptah-Statue, öffnet sie und lässt das Paar hineintreten. In der Statue funkeln die Sterne auf nachtblauem Grund - Liebesgrotte und Sarkophag zugleich. Langsam schließt Anubis die Figur, und als Amneris, als wäre nichts geschehen, wieder im Glasschrein sitzt, öffnet sich noch einmal die Türe des Saales. Verdi betritt erneut das nun ruhige Museum, die Normaluhr zeigt wieder die fünfte Stunde, vor dem Sarkophag sieht er den Tropenhelm des Soldaten liegen. Ins blaue Dämmerlicht gehüllt, kauert am Fuße der Vitrine die Bettlerin. Wie schlaftrunken wischt sich Verdi über die Augen. Die Oper verklingt, allen Konventionen widersprechend, im zartesten Pianissimo ...